eine Heimat bereitet haben würde . Mir war zu Sinn , als ob ich nur ein Treugut für die rechtmäßige Besitzerin verwaltet habe . Unter diesen alten Erinnerungen und neuen Vorstellungen schlief ich endlich ein und - träumte . Ich bin in meinem Leben , weder wachend noch schlummernd , viel von Traumgesichtern behelligt oder beseligt worden , und ich brauche Euch nicht zu versichern , meine Kinder , daß ich mich für nichts weniger als eine Visionärin halte . Ich war an jenem Abend bewegt wohl , doch ohne Aufregung , kerngesund eingeschlafen , und kerngesund , wie noch in gegenwärtiger Stunde , wachte ich am anderen Morgen auf , aber mit dem deutlichen Bewußtsein eines Traumes . Welches Traumes ? Mich deucht , ich hätte ihn malen können , könnte ihn heute noch malen , und doch war es etwas Unbeschreibliches , Unendliches , das man nur fühlt , nicht sieht . Soll ich sagen : ein wogendes Meer ? oder eine blendende Wolke , die von einem Throne niederwallte und wie mit einem durchsichtigen Schleier vier Gestalten überwob , die Hand in Hand auf ihren Knien lagen und ihre Blicke in die Höhe richteten ? Diese Gestalten aber , ich sah sie so deutlich , wie ich sie je im Leben gesehen hatte , es waren Siegmund Faber , Dorothee , ihr Sohn und ihres Sohnes Vater . Und eine fünfte trat zu ihnen , um zwischen dem letzten und ersten die Kette zu schließen , diese fünfte aber war ich selbst . Der leuchtende Schleier überwallte auch mich , und es flüsterte unter seiner Hülle wie Luftgesäusel : » Denn welche der Geist Gottes treibt , die werden Gottes Kinder heißen « . Unter diesem Geflüster erwachte ich , und es währte eine Weile , bis ich mich besann , daß nur die Fontäne in der Morgenstille plätscherte , und daß das leuchtende Meer , das mich umwogte , die aufsteigende Sonne sei , welche die Nebel der Aue übergoldete . Rasch erhob ich mich nun . Mein Puls schlug ruhig und kräftig wie alle Tage , wie diese Stunde noch . Aber es war etwas in mir lebendig geworden , das mich unaufhaltsam vorwärtstrieb . Hatte ich bis heute gesagt : » Es hat Zeit ! « heute sagte ich : » Es ist Zeit ! « Und ich wußte ohne Besinnen , für was es Zeit geworden war . An jenem Morgen , Ludwig , nahm ich das längst geahnte Wort von Deinen Lippen , und am Abend begann ich diese Aufzeichnungen . An dem Tage aber , an welchem ich das Kind meines Herzens für Zeit und Ewigkeit Deiner Mannestreue übergeben hatte , an diesem Tage schrieb ich mein Testament . Es wird dasselbe Euch eröffnet werden , sei es in Wochen , sei es in Jahren , an dem Morgen , nachdem Ihr diese Blätter gelesen habt , und Ihr werdet nur die wenigen Worte darin finden : » Die Erbin meiner gesamten Hinterlassenschaft ist meine Pflegetochter Hardine Nordheim , geborene Müller « . Ich lege das Erbe der Reckenburg in die Hand der Enkelin , wie meine Vorfahrin es in die Hand des Ahnen gelegt haben würde . Ich lege es in die Hand der Gattin meines bewährten Mitarbeiters . Ich lege es aber auch in die Hand des Kindes , das in dem einsamen Weibe das Herz einer Mutter erweckte , und ich lege es vor allem in die Hand der Waise , mit welcher der Geist der Liebe seinen Einzug in meine Flur gehalten hat . Ich tue es ohne bedingende Klausel , denn ich bin der Herzen meiner Kinder in ihrem Amte gewiß . So sei denn dieses Vermächtnis die Krone über dem Werke des abgestorbenen Geschlechts . Sein Wahrspruch walte in dem jungen Stamm unter den umwandelnden Strömungen der Zeit , und der Geist der Gottesgemeinschaft wirke und wachse zum Segen von Kind auf Kindeskind . Mitternacht war vorüber , als dieses Schlußwort verhallte . Mit erhobenen Händen knieten Ludwig und Hardine vor dem Bilde der letzten Reckenburgerin zu einem erneuerten heiligen Verspruch . Und bis heute sind sie ihrem Gelöbnis treu geblieben .