. Doch er wähnte , dem Vater sei der Jos nur zu arm . Wenn das einmal etwas anders und der Vater überzeugt sei , daß man den dicken Hans nicht mehr fangen könne , werde das im Zorn gesprochene Wort von Herzen gern zurückgenommen werden . Auch den Jos brachte er zu dieser Ansicht und machte ihn so fest , daß den guten Burschen die Zurücksetzung Dorotheens zuweilen ordentlich ärgern konnte , wie manche Sorge dadurch ihm auch abgenommen wurde . Hansjörg war noch begieriger , den Jos in seinen für einen Schneider so vorteilhaften Schleichhandel zu ziehen , seit er damit auch für seine Schwester zu sorgen meinte . Der Krämer konnte doch nicht verlangen , daß man einzig für ihn über die Berge gehen werde . Jos hatte den Gewinn viel nötiger , der z.B. von billigen Seidenstoffen zu machen war . Er war schwer zu bereden . Endlich aber , als auch andere Handwerker ihn drängten und ihm ihre Sparpfennige vorzustrecken versprachen gegen die Zusage , daß er ihnen , wenn sie etwas kauften , keinen Profit berechne , hatten sich die beiden geeinigt , und heute kam Jos , um den ersten Warenballen abzuholen . Nur Dorotheens Predigt brachte ihn um den Mut , ihr das offen zu sagen . Jetzt freilich hätte er ihr alles sagen , hätte nötigenfalls ihr in allem nachgeben mögen . Aber dazu blieb keine Zeit mehr , als Hansjörgs leiser Gesang das Mädchen aufschreckte . » Ach Jesus , wer kommt ? « » Gewiß niemand als Hansjörg « , beruhigte Jos . » Aber was will der ? « » Sei ohne Sorgen , der sagt dem Vater gewiß nichts . « Dorothee schien zuerst erschrocken über diese Erinnerung an den Vater und das ihm gegebene Wort . Gleich jedoch richtete sie sich stolz auf und rief : » Was geht ihn auch diese Stunde an ? Gott hat sie mir gelassen , und ich fühle , wie ganz sie hineingehört in mein Leben , wie der Frühling ins Jahr . Aber weißt du denn auch schon , was ich habe versprechen müssen ? « » Hansjörg hat es vom Vater selbst , aber er nimmt ' s nicht besonders ernsthaft . Der Vater wär ' wohl zurückzubringen , wenn ich nur etwas mehr Vermögen hätte . Das , Dorothee , nur das ist der Grund , daß ich auch den Schleichhandel betreibe . « » Ach Jos , warum doch mußt du mir diese Stunde noch so verderben ! « » Ich tu das gewiß nicht . Ich will nur machen , daß wir noch viele solche Stunden erleben können und dürfen . « » Mir wird nie mehr wohl sein , wenn ich an dich denke . « » Sei nur unbesorgt . Unser gefährlichster Feind ist der Krämer , aber Hansjörg dient auch ihm und mir nur so nebenbei . Wenn der später etwas von unserem Zwischenhandel merkt , wird er doch nicht mit mir auch sich selbst in Verlegenheit bringen wollen . « » Wir tragen am gleichen Unglück , wir sollten es gemeinsam und demütig tragen , bis Gott hilft . Es ist nicht mehr in Ordnung , wenn man sich nur auf den Eigennutz anderer und auf List und Frechheit verlassen muß . Ich hab ' keinen gekannt , der dabei noch ein guter Mensch geblieben ist . Ich möchte dich lieber arm sehen als wie den Krämer , und ich weiß , was arm sein heißt und was ich dabei leiden werde . Du solltest Hansjörgs guter Engel werden , und nun verführt er dich ! Komm , laß ihm seinen Plunder und geh mit mir ! « bat das Mädchen und erfaßte seine Hand . » Das kann ich doch unmöglich ; denk ' , er ist auch dein Bruder , und ich darf ihn nicht verlassen . « » Und ich kann dich nicht als Schwärzer denken « , sagte das Mädchen ; sein Händedruck aber , mit dem es schied , schien dem Jos doch wieder zu verzeihen . Jos stand zitternd , zweifelnd , ratlos , bald vier Schritte vorwärts , bald zwei zurück gehend . » Sie ist gut « , rief er , » viel zu gut für diese Welt , und wenn man es da zu was bringen will , darf man ihr nicht folgen . Ich handle gegen ihren Willen , aber doch für sie , nur für sie . « Jetzt stand Hansjörg neben ihm . Etwa zehn Minuten später eilte Jos mit der Last , welche er Dorotheens Bruder abgenommen hatte , so schnell als möglich ins Dorf zurück . Hansjörg , der durch nichts andeutete , was er sah , und auch die heimeilende Schwester nicht zu bemerken schien , machte sich wieder über die Berge , um noch vor dem Grauen des Morgens auch den Krämer zu bedienen , von dem er in der vorletzten Nacht schon über die Grenze geschickt worden war . Dreiundzwanzigstes Kapitel Dorothee kommt abermals in ein Gerede » Ach , Jos , warum doch mußt du mir noch diese Stunde verderben ? « jammerte Dorothee , als der Geliebte ihr mitteilte , auf was für eine Art er für sie beide wirken werde . Aber so eine Stunde läßt sich nicht so leicht wieder verderben , und besonders schon gar nicht dadurch , daß man hernach für den mutigen , opferwilligen Mitgenossen derselben zittern muß . Wäre die Liebe die große , mächtige Weltbeherrscherin , wenn sie sich nur aus wohlgeordneten Verhältnissen wie das Resultat oder die Probe einer Berechnung ergäbe und wenn sie so den Weg schon geebnet finden müßte ? Dann segnete sie nie des Armen baufällige Hütte , dann wäre sie die Qual des größten Teils der sorgenbeladenen Menschheit , die sie nur noch tiefer unter ihre Lasten begrübe . Die wahre Liebe aber erhebt über die Kleinlichkeiten des Lebens . Sie überwindet die Selbstsucht und alle anderen Suchten , deren