in den Weg kommen ; allein kaum hatte sie die Schwelle überschritten , als das Gelächter abermals und zwar sehr nahe erscholl . Jenseits des Rasenplatzes stürzte Bertha aus dem Walddickicht hervor , ihr zur Seite lief Wolf , der grimmige Hofhund des Oberförsters . » Wolf , faß an ! « kreischte sie , beide Hände nach Elisabeth ausstreckend . Das Tier jagte heulend über den Platz . Elisabeth warf die Thür ins Schloß und lief die Treppe hinauf . Sie gewann einen Vorsprung , aber noch ehe sie die Zinne des Turmes erreicht hatte , wurde drunten die Thür aufgestoßen . Der keuchende Hund stürzte herauf , ihm nach die Wahnsinnige , indem sie unausgesetzt ihren hetzenden Zuruf wiederholte . Atemlos erreichte die Verfolgte die letzte Stufe , sie hörte das Schnauben des ungebärdigen Tieres hinter sich - es war ihren Fersen nahe - , warf mit der letzten Kraftaufwendung die eichene Thür zu , die auf das Plateau führte , und stemmte sich dagegen . Einen Augenblick darauf rüttelte Bertha drinnen am Thürschlosse , es wich nicht . Sie tobte und warf sich wütend mit der ganzen Schwere ihres Körpers gegen die eichenen Bohlen , während Wolf abwechselnd heulend und knurrend an der Schwelle kratzte . » Bernsteinhexe da draußen ! « schrie sie . » Ich drehe dir den Hals um ... Ich werde dich bei deinen gelben Haaren nehmen und dich durch den Wald schleifen ! ... Du hast mir sein Herz gestohlen , du Mondscheingesicht , du Tugendspiegel , Scheinheilige ! Wolf , faß an , faß an ! « Der Hund winselte und schlug mit den Tatzen gegen die Thür . » Zerreiße sie in Stücke , Wolf , schlage deine Zähne in ihre weißen Finger , die ihn behext haben mit der Musik , die vom Teufel kommt ! ... Wehe , wehe ! Verdammt seist du da draußen , verdammt seien die Töne , die deine Finger hervorbringen ; sie sollen zu giftigen Mordspitzen werden , die sich gegen dein eigenes Herz wenden und es zerfleischen ! « Abermals warf sie sich gegen die Thür . Das alte Brettergefüge erzitterte und ächzte , aber es wich nicht unter den Stößen des kleinen ohnmächtigen Fußes . Elisabeth lehnte währenddem mit festgeschlossenen Lippen und bleichem Gesichte draußen . Sie hatte ein Stück Holz , das zu ihren Füßen lag , ergriffen , um sich nötigenfalls gegen den Hund zu verteidigen . Bei den Flüchen und Verwünschungen , die Bertha ausstieß , erbebte ihr ganzer Körper , doch sie richtete sich um so entschlossener und trotziger auf . Hätte sie einen prüfenden Blick auf das Thürschloß geworfen , so würde sie gemerkt haben , daß das Anstemmen ihrer zarten Gestalt ganz unnötig sei , denn ein mächtiger Riegel war vorgesprungen , gegen den die schwache Kraft der Wahnsinnigen nichts auszurichten vermochte . » Wirst du wohl aufmachen ? « tobte sie wieder drinnen . » Du durchsichtiges , zerbrechliches Ding ! ... Ha , ha , ha ! Goldelse nennt sie der alte Brummbär den ich hasse , wie das Gift ; der Alte will durchaus nicht fromm werden , er mag zur Hölle fahren , aber ich werde selig sein , selig ! ... Goldelse nennt er sie , weil sie bernsteingelbes Haar hat ! Pfui , wie bist du häßlich , du Füchsin .... Mein Haar ist schwarz , wie ein Rabenflügel . Ich bin schön , tausendmal schöner , als du ! Hörst du das , du Affengesicht da draußen ? « Sie schwieg erschöpft , auch Wolf unterbrach sein Zerstörungswerk an der Schwelle . In demselben Augenblick zog fernes Glockengeläute durch die abendstillen Wipfel des Waldes . Elisabeth wußte , was es bedeutete . Aus den Ruinen der alten Burg Gnadeck bewegte sich eben ein Leichenzug den Berg herab . Lilas sterbliche Ueberreste verließen das Haus , gegen dessen Mauern einst das schöne Zigeunerkind verzweifelnd die Stirn geschlagen hatte . Sie wurde durch den grünen Wald getragen , um deswillen vor zwei Jahrhunderten ihr Herz gebrochen war . Auch Bertha schien den Glockentönen zu lauschen . Sie regte sich nicht . » Sie läuten ! « schrie sie plötzlich . » Komm , Wolf , wir wollen in die Kirche gehen ... Sie muß droben bleiben bei den Wolken , die werden des Nachts über sie herstürzen , der Sturm reißt an ihren Haaren , und die Raben werden kommen und nach ihren Augen hacken , denn sie ist verflucht , verflucht ! « Gleich darauf begann sie das Lied wieder . Ihre schreckliche Stimme schlug grauenhaft gegen die engen Wände des Treppenhauses . Polternd lief sie hinab und trat unten aus der Thür . Sie sprang singend über den Plan , nach derselben Richtung , woher sie gekommen war , der Hund trabte nebenher . Nicht ein einziges Mal drehte sie sich um nach dem Turme ; nun sie ihn im Rücken hatte , schien sie bereits nicht mehr zu wissen , daß da droben hinter dem grauen Steingeländer der Gegenstand ihres Hasses stehe . Noch einmal tauchte ihr hochroter Rock aus dem dunkelnden Gebüsch auf , dann verschwand die Gestalt samt ihrem schrecklichen Begleiter . Allmählich verhallte auch ihr Gesang und bald trug die weiche Luft nur noch das Geläute zu der Einsamen auf der Turmzinne . Sie verließ aufatmend ihren Verteidigungsposten , den sie mechanisch noch inne behalten hatte , und griff nach dem Thürschlosse , aber der alte , eingerostete Knauf blieb so unbeweglich , wie unter Berthas Händen . Mit Schrecken entdeckte sie den vorgesprungenen Riegel , er hatte sie freilich wacker geschützt und verteidigt , indes hielt er sie auch gefangen . Er rührte sich nicht von der Stelle bei allen Versuchen und Anstrengungen ; ermattet und mutlos ließ das junge Mädchen endlich die Hände sinken . Was nun anfangen ? Angstvoll dachte sie an ihre Eltern , die gewiß schon in diesem Augenblicke sich um ihr Ausbleiben beunruhigten , denn sie hatte ja