sich selbst , stand er am Fenster und beobachtete , wie vom Hofe die Leute nach der Kirche gingen , wie sie sich in Paaren , in Gruppen zusammenfanden , Jeder mit seinem Nächsten , seinem Freunde , und er war hier allein . Sein Zimmer , die alterthümlichen Möbel , die alten Oelgemälde sahen ihn so düster an , sein Aufenthalt in dem Schlosse ward ihm zuwider . Er war hier nicht heimisch , man brauchte ihn eben nur ; es kam ihm eine Sehnsucht nach Zuständen an , in die er hineingehörte , nach Menschen , mit denen er frei verkehren konnte , und schnell , wie man sich im Mißmuthe zu entschließen pflegt , setzte er sich an den Schreibtisch und bat den Freiherrn , ihn für die nächsten Tage gnädigst zu beurlauben , da er ein wenig in der Umgegend umherzustreifen und sie kennen zu lernen wünsche . Der Besuch der Steinbrüche habe ihn dazu verlockt , und er werde nicht ermangeln , sich nach ein paar Tagen wieder einzustellen . Das Schreiben übergab er dem Kammerdiener des Barons , hing eine leichte Tasche über die Schulter , und trat mit lachendem Selbstbewußtsein den Weg nach dem Amthause an , entzückt über seinen schnellen Entschluß , erfreut über die Kränkung , welche er nun seinerseits der Baronin zuzufügen hoffte , und angenehm bewegt von der Aussicht auf den guten Empfang und die einfach frohen Stunden , die ihm im Amthause nicht fehlen konnten . Mußte er sich doch ohnehin bei den Geschwistern , die das Haus voll Gäste hatten , entschuldigen , weil er , von seiner Aufregung hingenommen , ihrer Einladung zum Erntefeste ganz vergessen hatte . Im Schlosse nahm man nach dem Gottesdienste das Frühstück ein , als der Kammerdiener dem Freiherrn das Schreiben des Architekten brachte . Er las es und legte es bei Seite , aber da auf dem Lande ein Brief zu unerwarteter Stunde immer ein Ereigniß ist , fragte Angelika , was es gebe . Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme , sagte der Baron scherzend . Herbert hat neben manchen anderen guten und tüchtigen Eigenschaften von seinem Vater offenbar auch die Anfälle von plötzlicher Wanderlust geerbt . Erinnern Sie sich , lieber Caplan , wie sein Vater uns in Italien bisweilen plötzlich zu verschwinden pflegte ? Ist Monsieur Herbert abgereist ? fragte der Marquis . Ich habe ihn in der Frühe gesprochen , und er hat an Reisen , so viel ich merken konnte , nicht gedacht . Er schreibt mir , daß er sich in der Umgegend umsehen wolle , und bittet mich , ihn für ein paar Tage zu beurlauben . Die Baronin schien auf den ganzen Vorgang nicht zu achten , aber sie wurde roth , als der Marquis sie ansah , und die Herzogin beobachtete , daß sie nach einiger Zeit das Billet in die Hand nahm , es las und es dann auf die Seite legte . Sie war sehr zerstreut , und der Marquis , dessen gute Laune sich daran steigerte , war eifrig um sie bemüht . Seine feinsten Complimente und seine witzigsten Einfälle vermochten sie jedoch nicht zu fesseln , und als der Baron einen Besuch in der Nachbarschaft vorschlug , wünschte Angelika sich von demselben auszuschließen , obschon ihr Gatte ihre Sorge um den Knaben eine völlig aus der Luft gegriffene und unberechtigte nannte . Wie sie aber bei ihrem Vorsatze beharrte , ließ es sich die Herzogin nicht ausreden , ihr Gesellschaft zu leisten , und eine Meisterin in der Unterhaltung , mußte sie heute die Kosten derselben , als sie sich mit der Baronin dann allein fand , fast ausschließlich tragen , denn Angelika war und blieb zerstreut . Die Herzogin erzählte von ihrer Heimath , von ihren Freunden , von deren Schicksalen und Herzenserfahrungen , und kam so endlich auf sich selbst und auf ihre Jugendzeit zu sprechen . Indeß auf diesen Punkt gelangt , hielt sie mit einem Male inne , als gewahre sie erst jetzt , daß die Baronin ihr nicht folge . Es entstand also eine Pause . Angelika , durch dieselbe auf ihre Zerstreutheit aufmerksam gemacht , rückte , um ihre Unhöflichkeit zu verbergen , ihren Sessel an den Lehnstuhl der Herzogin heran und fragte , weßhalb sie ihre Mittheilungen so plötzlich unterbreche . Die Herzogin reichte ihr die Hand , so daß Angelika genöthigt wurde , sich ihr vollends zu nähern , schlug den Arm um den Hals der jungen Frau und sagte : Ich dachte an Sie , meine Theure , denn meine eigenen Erinnerungen geben mir den Maßstab für das , was Sie bewegt . Armes Kind , wenn Sie Vertrauen zu mir hätten , Sie , die ich Einsame wie eine Tochter liebe ! Wenn Sie das Vertrauen theilen könnten , welches der Baron mir treu erhalten hat und das ich zu verdienen weiß ! Angelika war von dieser Wendung des Gespräches überrascht . Vertrauen ? rief sie ; o gewiß , meine Freundin , ich vertraue Ihnen ! Aber was bestimmt Sie zu der Frage ? Sie wollte , von innerer Unruhe getrieben , sich erheben , die Herzogin hielt sie davon zurück . Der Zustand , in welchem ich Sie sehe , meine theure Angelika , die Gemüthsbewegung , in der Sie sich unverkennbar befinden ! sagte sie und brach abermals in ihrer Rede ab , denn sie wollte der Aufregung , in die sie Angelika versetzt hatte , Zeit zum Wachsen lassen und abwarten , wozu diese selbst sich entschließen würde . Aber die Baronin war strenger gegen sich , als Jene erwartet hatte . Sie schien sprechen zu wollen , schwieg dann wieder und sagte endlich mit einer Fassung , die ihr offenbar schwer wurde , ihrem edeln Wesen aber sehr wohl anstand : Ich glaube an die Freundschaft , theure Herzogin , die Sie für uns hegen ; gewiß , ich glaube fest daran ! Es giebt jedoch Dinge , die man nur