wieder auf von ihrem Stuhl ; sie schritt zu dem Kandidaten , sie legte ihre kleine , zitternde Hand auf seinen Arm und flüsterte kaum hörbar : » Lieber Herr Unwirrsch , ich habe Ihnen ein großes Unrecht angetan . Können Sie mir verzeihen ? Wollen Sie mir vergeben ? Ich habe schwer , schwer dafür gebüßt . Es hat mich viele , viele Tränen und wache Nächte gekostet . O verzeihen Sie mir dieses Mißtrauen ; verzeihen Sie mir um meines Oheims willen ! « Hans Unwirrsch schwankte auf den Füßen vor diesem Worte . » O Fräulein - Franziska « , stammelte er , » nicht Sie , nicht Sie haben mir unrecht getan . Wir sind beide im Wirrsal dieser Welt gefangen gewesen . Böse Mächte haben ihr Spiel mit uns getrieben , und wir konnten uns nicht gegen sie wehren ! Das ist doch ganz einfach und klar ! « » Es ist so « , sagte das Fränzchen . » Wir haben uns nicht wehren können . « In Strömen rauschte der Regen hernieder ; gleich einer wilden Bestie rüttelte der Wind an dem Fenster ; aber sie mochten in Verbindung mit der Nacht ihr Schlimmstes tun und drohen und sagen : sie hatten nunmehr selbst in dieser Nacht , wo Kleophea Götz nicht heimkehrte in ihr elterliches Haus , kaum noch etwas Schreckliches , Unheimliches . Segnungen in der liebenden Hand Gottes waren auch sie jetzt und nicht mehr Boten des Abgrundes , welche die Vernichtung - den Tod und das Reich der Selbstsucht verkündeten . Es war längst Mitternacht , und Kleophea war noch immer nicht gekommen . Hans und Fränzchen saßen neben der schlafenden Fremden und sprachen mit leiser Stimme zueinander . Ach , sie hatten sich soviel zu sagen . Sie sprachen nicht von Liebe - sie dachten gar nicht daran . Sie sprachen einfach davon , wie sie gelebt hatten ; und alles , was so verworren geschienen hatte , löste sich so leicht ; und alles , was so dunkel und drohend gewesen war , wurde licht und einfach und klar tröstlich , oft durch ein einziges Wort . Von ihrem Vater erzählte Franziska Götz , und ganz anders sprach die Tochter davon als der Leutnant Rudolf Götz oder gar der Doktor Theophile Stein . Der Tochter Auge leuchtete , als sie erzählte , wie ihr Vater so stolz und tapfer gewesen sei und wie er auf so manchem Schlachtfelde sein Blut für die Freiheit vergossen habe . Von ihrer Mutter erzählte das Fränzchen , wie sie so lieblich und gut gewesen sei , wie sie soviel Angst , Unruhe und Not in ihrem wechselvollen Leben erlitten habe , ohne je zu klagen , und wie sie endlich im Jahre achtzehnhundertsechsunddreißig nach langem Krankenlager zu Paris an der Schwindsucht gestorben sei . Das gute Fränzchen erzählte , wie tief der Tod der Mutter den Vater gebeugt habe und wie er nach dem Begräbnis eigentlich nie mehr freudig das Haupt erhoben habe . Sie erzählte , wie der gute Onkel Rudolf zu diesem Begräbnis gekommen sei , auch als ein alter invalider Kriegsmann mit einem kleinen Bündel und einem dicken Knotenstock . Sie wußte von der wunderlichen Haushaltung der beiden Brüder in Paris , und wie so viele andere Kriegsleute aus allen Nationen , Deutsche , Franzosen , Polen , Italiener und Amerikaner , kamen und gingen und alle dem Fränzchen so gut waren , viel zu erzählen . Sie erzählte von den Fechtstunden , welche die beiden Brüder gaben , und wie sie den jungen Schülern von der Polytechnischen Schule und den Studenten aus dem Quartier latin in einem Hof vor der Barriere das Pistolenschießen lehrten . Sie erzählte von den alten , abgedankten Brummbären von der alten Garde , die so gute Freunde der beiden deutschen Bekannten von der Katzbach , von Leipzig und Waterloo wurden und mit ihnen in ihrer Dachstube rauchten und tranken und gleichfalls ihre Geschichten erzählten . Mit gesenktem Haupte erzählte sie dann , wie der gute Onkel Rudolf endlich das Heimweh nach Deutschland bekommen habe , wie er fortgereist sei und wie darauf so böse Zeiten kamen , Zeiten voll Elend und Kummer , böse , böse Zeiten . Mit kaum vernehmbarer Stimme erzählte Franziska Götz , wie es ihrem Vater immer schlimmer erging und wie seine Hülfsquellen immer mehr versiegten und wie er seinen Trost immer häufiger in der Betäubung durch starke Getränke gesucht habe und wie sich allmählich so viele schlechte und tückische Menschen an ihn gedrängt hätten . Endlich sprach Franziska Götz noch leiser von dem Doktor Theophile , wie er in demselben Hause mit ihnen wohnte und wie der die Schwäche des unglücklichen Vaters in so abscheulicher Weise auszubeuten trachtete . Von ihrer grenzenlosen Verlassenheit sprach Fränzchen , und Hans Unwirrsch zerbiß die Lippen und umspannte in der Einbildung die Kehle Moses Freudensteins aus der Kröppelstraße mit seinen zwei braven Fäusten , um ihm die Seele aus dem Leibe zu drücken . Von dem Tode ihres Vaters erzählte Franziska , und wie in ihrer höchsten Not der Onkel Rudolf wiedergekommen sei , um sie zu retten . Einen Brief des Onkels Theodor zeigte Franziska dem Kandidaten , und da war es wieder höchst merkwürdig , wie der Geheime Rat Götz ganz anders schreiben konnte , als er aussah und sprach . Der Leutnant Rudolf Götz war sehr arm , hatte keine Heimat , in die er das verwaiste Kind des Bruders führen konnte ; und jetzt erst erfuhr Hans recht , wie der gute Alte lebte : wie er nomadisch , schier omnia sua secum portans umherschweife und nur im Winter festes Quartier nehme bei irgendeinem gleichaltrigen Kriegsgenossen und mit Vorliebe bei dem Herrn Obersten von Bullau hinten an der Ostsee in Grunzenow . Der Leutnant Rudolf konnte die Waise nur abholen von Paris , ein sicheres Dach konnte er ihr nicht anbieten . Da war der Brief des Onkels Theodor , den die Geheime Rätin Götz nicht diktiert