dem Wirthshause des Ortes ankam . Aus Blech geschnitten , hing über der Thür desselben neben der großen Einfahrt des bescheidenen Hauses ein Stern ... Das Verlangen nach einem Zimmer war bald befriedigt , der Kutscher wurde bezahlt und Lucinde war mit ihren Reiseeffecten , aber auch mit der schweren Aufgabe allein , dem Priester , der sie kannte , aber auch ganz kannte , wie sie war , wie sie sich selber vielleicht nicht kannte , nach zwei Jahren wieder entgegenzutreten . In dem kleinen Raume , hinter dem Fenster mit den zerkritzelten grünblauen Scheiben , in der Umgebung an den Wänden hängender Schildereien , die in Lithographieen und mit Wasserfarben jene überschwenglichen mystischen Anschauungen eines durch alle Himmel ausgebreiteten Rosenkranzes als einer Weltherrschaft der über der Erdkugel und dem Monde thronenden Mutter Gottes , mit der Sonne selbst als Strahlenkrone , darstellten , lange zu verweilen , wäre ihrem unruhigen Charakter nicht möglich gewesen . St.-Wolfgang war ein freundliches , angenehmes , jetzt sogar durch die sich zerstreuende Menge belebtes Dorf . Das war in allen Winkeln und den vor dem Wirthshause zum Stern ausmündenden Gäßchen des Ortes eine Rückkehr zur Freude am Dasein ! Doch verwunderte sie diese nicht . Auch diese Eigenschaft ihres neuen Glaubens kannte die Convertitin schon , daß in ihm nach dem Tribut , den man den himmlischen Pflichten gezollt , eine muntere Rückkehr zur Freude am Irdischen gestattet sein sollte . In einem an das Wirthshaus sich lehnenden Obstgarten mit Bänken und Tischen bemerkte sie schon manche Gruppe , die sich gebildet hatte , um an dem trefflichen Wein der Gegend sich zu erquicken . Auch der Knecht , der erst am andern Morgen zurückkehren zu wollen erklärt hatte , da er behauptete , sein Gaul hätte sich unterwegs einen Stein eingetreten und bedürfte der Ruhe , stand schon mit angezündeter Pfeife unter den Gästen , zu denen sich , in leichter gelüfteter Kleidung , wie wenn er entweder hier wohnte oder doch übernachtete , und gleichfalls mit brennender kurzer Pfeife , der Gensdarm gesellte , der oben am Berge die Passirscheine revidirt hatte . Die Sonne vergoldete nur noch die Zifferblätter des Kirchthurms und zeigte die Abendstunde , die bald auch von der Glocke zur Abhaltung der Vespergebete gemeldet wurde . Lucinde hatte gelernt , daß in diesem Augenblick des Angelusgebets ringsum die ganze Erde , so weit katholische Christen wohnen , gleichsam ein Gürtel von Gebeten walle , dem sich kein Gläubiger entziehen dürfte . Sie kannte das Angelus sogar in lateinischer Sprache . Doch folgte sie , da sie sich allein wußte , dem Beispiel des zuweilen zu ihr hinaufschielenden Gensdarmen unten , der seinerseits , der Landeskirche angehörend , mit seiner Pfeife ruhig an die Salatbeete schritt , die den Obstgarten begrenzten , während die Männer an den Tischen die Häupter neigten . Auch sie betete nicht , sondern ordnete vor dem in jedenfalls unabsichtlicher Satire wie vor Jahren in Eibendorf mit einer kleinen Pfauenfeder geschmückten matten Spiegel ihre Toilette , band die Flechten ihres Haares fester , glättete einen großen , weithängenden Spitzenkragen , unter dessen Fall die zierlichste Taille sich verbarg , legte ihr goldenes Kreuz in passende Ordnung , wählte ein weniger zerknittertes Taschentuch aus dem geöffneten Koffer , entnahm ihm einige gesiegelte Briefe , steckte diese zu sich , setzte den Hut auf und schickte sich zu einem unendlich seligen und doch ebenso wieder schweren , vielleicht tief demüthigenden Gange an . Beim Pfarrer konnte inzwischen vielleicht auch schon durchs Bonaventura ' s Vetter und seinen Begleiter Hedemann ihr Kommen angezeigt worden sein ; denn die Ceremonie , ihre Toilette , ihr Kampf mit sich selbst hatten lange gedauert . Das Pfarrhaus lag dicht an der Kirche und dem Gottesacker . Von letzterm trennte es nur ein bescheidener Gemüse- und Obstgarten . Die Grenze , eine Mauer von grünen Hecken , war unverschlossen . Nicht gering war die Neugier , mit der Lucinden Jung und Alt betrachtete . Nur eine alte Frau , die im Pfarrgarten Kerbel und Salat zum Nachtessen sammelte , erhob sich von ihrem Bücken nicht . Ihr schienen vielleicht die Besuche elegant gekleideter Frauen bei ihrem Herrn weniger auffallend . Und doch konnte Lucinde vor Bangen nicht zur Hausthür hinein . Der Eingang zum Garten stand offen . Ungesehen betrat sie einen Theil desselben , einen gewähltern , wo abgeblühter Jasmin und wilde Geisblattbüsche sich fast zu einem Laubengange einten ... Hier war ein Sitz , auf dem noch Bücher lagen ... In Bienenstöcken , an denen sie vorüber mußte , schien es still , wenn auch ihrem scharfen Ohr nichts von dem Summen entging , von dem sie drinnen belebt waren ... Im fast verstohlenen Vorüberhuschen wagte sie die Bücher , die Bonaventura vergessen zu haben schien , anzusehen ... Sie schlug sie auf , neugierig auf die jetzige Geistesfährte des innern Lebens dieses ihres - Feindes ? War das Asselyn ? Er liebte , wenn er liebte , Paula ! Er haßte , wenn er haßte , Lucinden ! Sie fand einen Band von Goethe ' s Gedichten . Dann eine ältere Liedersammlung : » Trutz-Nachtigall « , von dem alten edeln Dichter Friedrich von Spee , einem Jesuiten . Sie kannte einige der Weisen dieses letztern Sängers , der sich durch seinen geistlichen Stand nicht hatte beirren lassen , die Sprache der Blumen , der Farben , der Töne und des eigenen Herzens als die gemeinsame Muttersprache aller geschaffenen Creatur mit den Weltlichen mitzureden und unter den Huldigungen , die seine inbrünstige Phantasie der überirdischen Liebe brachte , auch ein gut Theil der Wonnen mitzufühlen , die die irdische gewährt . Ertappt ! lag in dem fast listigen Blick ausgesprochen , mit welchem Lucinde beide Bücher an sich nahm und , um sich Muth zu fassen , beschloß , sie dem Pfarrer beim ersten Gruß einzuhändigen . Im Hause vorn , das nur aus einem , aber hochgelegenen Stockwerk und vielen bewohnbaren Dachkammern bestand , kündigte sich