wirbelnde Lerche aufflatterte oder ein Heimchen still verborgen im Grase zirpte auf der Wiese , die schon zum zweiten Male gemäht ward - aber stumm geworden waren all ' die fliegenden Sänger im Walde , auf dem Felde und im Garten . Die im Lenz den ganzen Tag lang von Zweig zu Zweig geflogen waren , um vom frühen Morgen bis zum späten Abend sorglos frei und froh ihre Lieder zu singen , die saßen jetzt still in den heimischen Nestern bei der jungen Brut und lehrten ihr , sich putzen und fliegen und Nahrung suchen - Lieder lernten sie ihnen nicht , das nutzlose Singen trage doch Nichts ein , meinten sie , das lernten sie schon allein und dächten dann , sie hätten nichts Anders zu thun , so leichtsinnig und schlimmgeartet sei nun jetzt einmal die Jugend . Die klugen alten Vögel ! Sie betrügen sich nur selbst - aber sie sind nicht klug genug , um diese Rolle lange durchzuführen - im neuen Lenz suchen sie all ' ihre alten Lieder wieder hervor und probiren und musiciren , daß es eine Lust ist . Aber jetzt waren sie alle still und schwiegen verständig . Die Pyrolen schüttelten gar schön die goldenen Gefieder , breiteten die glänzenden schwarzen Schwingen aus und riefen einander mit ihrem verabredeten Zeichen , dem Pfeifenaccord zusammen zum großen Fluge nach Süden . - Unten am Teiche wanderten zwei Sötrche bedächtig nebeneinander und setzten mit ernsthaftem Geklapper Tag und Stunde der Reise fest . Elisabeth sah dem Allen träumend zu , und wie jetzt auch noch ein herbstlich kalter Wind ihr entgegen wehte , so zog auch ein unheimlicher Schauer durch ihre Seele , der ihr bisher fremd gewesen . Die Vögel , die sich zur Reise rüsteten , mahnten sie daran , daß bald nach ihnen ihr Sänger fortziehen , daß ihr Jaromir die sterbende Natur mit der lebendigen Stadt vertauschen werde . Sie malte es sich aus , wie der Park veröden werde ohne ihn . Auch ein kleiner Auftritt von gestern kam ihr nicht wieder aus dem Gedächtniß und trug dazu bei , ihre trübe Stimmung zu erhöhen . Sie hatte nämlich gestern im Gesellschaftszimmer einen Band Gedichte von Jaromir liegen lassen . Aarens war dagewesen und hatte ihn zur Hand genommen , man hatte über die Gedichte und den Dichter gesprochen und der Graf Hohenthal hatte Aarens aufgefordert , eines oder das andere davon vorzulesen , da ihm noch alle unbekannt seien . Aarens hatte mit lächelnder Miene ein Freiheitslied aufgesucht und vorgetragen , das dem Grafen wegen seiner radicalen Tendenz höchlichst mißfiel - er wollte ein anderes hören , Aarens suchte ein anderes : » An die Frauen « - und sagte , der Titel lasse doch auf einen zarteren Inhalt schließen - aber in diesem Lied wurden die Worte : Frau und frei als zwei Synonymen gebraucht und die Frauen aufgefordert , auch nicht zurückzubleiben im würdigen Dienst der neuen Zeit - dies Lied empörte die Gräfin noch mehr als den Grafen , sie fand es ganz unverträglich mit der Achtung und zarten Ergebenheit , welche sie für ihr ganzes Geschlecht in Anspruch nahm , Aarens machte bittere Bemerkungen , fügte bei : an Achtung gegen die weibliche Würde dürfe man bei einem Menschen wie Szariny nicht denken - blätterte dann in dem Buch und erklärte nachher : die Gedichte wären alle in dieser Weise und warf es mit verächtlicher Miene weg . Elisabeth hatte während dessen unaussprechlich gelitten , jetzt wußte sie sich nicht mehr zu fassen - sie nahm das Buch und sagte erzwungen ruhig : » Ich kenne diese Gedichte besser als Sie , Herr von Aarens , und werde nun selbst eins vorlesen « - ihr Vater wollte das erst überflüssig finden , sie ließ sich aber nicht abbringen und las eine Ballade , welche ein mittelalterliches Sujet behandelte und nun wirklich dem Grafen sehr gefiel . - Sobald sie dieselbe aber zu Ende gelesen , entfernte sie sich mit dem Buch , um es nicht länger entweihen zu lassen . - Der angenehme Eindruck verwischt sich aber schneller , als der unangenehme , und so ging es auch dem Elternpaar mit Jaromirs Gedichten . - Später , als Aarens ging , sagte er beim Abschied zu Elisabeth mit einer besonders feierlichen und zärtlichen Miene , daß er am andern Tag wiederkommen werde - und bis dahin bitte er alle guten Genien bei ihr ein freundliches Wort für ihn zu reden . - Dies Alles zusammen machte Elisabeth heute wehmüthig , verstimmt , unruhig . Da ging die Thüre ihres Zimmers auf und ihre Mutter trat ein . Es war dies ungewöhnlich - auch sah sie besonders feierlich aus und deshalb schrak Elisabeth bei ihrem Kommen unwillkürlich leise zusammen . » Mein Kind , « sagte die Gräfin , sie umarmend , » Du bist mir seit einiger Zeit ausgewichen , Du hast bemerkbar ein Alleinsein mit mir vermieden - und so komme ich denn zu Dir in Dein Zimmer - - « » Liebe Mutter ! « rief Elisabeth und schmiegte sich mit Vergebung suchenden Augen an sie und zog sie neben sich auf das Sopha . » Wir sind hier am Ungestörtesten , « begann die Gräfin , » wir können hier gegen einander Alles aussprechen , was wir auf unsern Herzen haben - und die Scheidewand wird fallen , welche sich seltsam zwischen uns aufgerichtet hat . « Elisabeths Augen senkten sich zu boden , sie schwieg , obwohl die Mutter eine Antwort von ihr zu erwarten schien . Letztere fuhr endlich fort : » Nicht nur , daß Du seit einiger Zeit verschlossen gegen mich geworden bist , Dein ganzes Wesen hat sich verändert , zuweilen habe ich Dich weich und gefühlsinnig gesehen oder kindlich heiter wie sonst niemals - aber dann wieder bist Du ernst und kalt und loderst dennoch dabei mit einer Art Feuerbegeisterung für Dinge auf , für welche ich diese Begeisterung am Allerwenigsten billigen kann