mich in der peinigendsten Ungewißheit über diesen Punkt , weil ich einsah , daß es vor allen Dingen nötig sei , mich örtlich zurechtzufinden , um den richtigen Weg nach Thessalonich und der linken Rocktasche einzuschlagen , die mir bei den schweren Erfahrungen , welche ich in so kurzer Zeit über Geier und Engländer gemacht hatte , schon jetzt wie ein verlorenes Paradies vorkam . Aber wie diese Kenntnis erlangen ? Die Gegend schien so einsam , daß kein Tier , geschweige denn ein Mensch sich erblicken ließ . Ich wollte anfangs das Geschick befragen und an meinen Jackenknöpfen abzählen , ob ich auf dem Öta , Parnaß , Olymp , Pindus oder Helikon stehe ? verwarf aber dieses Auskunftsmittel als zu kindisch und meiner nicht würdig . Das Dunkel nahte sich , die Kuppen der Berge wurden violett , Hunger und Durst begannen mich zu peinigen , und ich stand noch immer allein da droben , ich und der tote Geier die einzigen lebenden Wesen in jener Einöde ! Mich fror in meiner leichten türkischen Janitscharenkadettenuniform , die mir mein Vater schon hatte machen lassen ! Sie bestand in weißen Pumphöschen , in einem auf europäische Art zugeschnittenen roten Collet mit gelben Litzen und in dem Turban , der damals noch nicht abgeschafft war . Ein kleiner blecherner Säbel klirrte an meiner Seite und einen Schnurrbart trug ich auch , vorläufig einen mit Kohle gezeichneten . Um wenigstens meinen Durst zu löschen - denn gegen den Hunger gab es da freilich nichts , als Stengel , Blätter und Alpenrosen - kroch ich zu einer Quelle , welche zwischen grünlichen Klippen hervorsprudelte und an diesem ihrem Ursprunge von einigen der schönsten Lorbeern überstanden war . Ich ahnete , daß es mit diesem Wasser eine eigene Bewandtnis haben müsse , denn Gewalt und Klarheit wohnten in ihm so nahe beieinander , daß es kein gewöhnlicher Spring sein konnte . Zischend und schäumend drang der Strahl unter dem moosigen bekräuterten Steine an das Licht , als koche er , und einen Schritt weiter floß schon das klarste beryllgrünste Naß ohne Unruhe , Schaumblasen , Wirbel in seinem Rinnsale . Ich bückte mich zur Quelle und netzte meine Lippen , aber wie wurde mir da ! In meinen Eingeweiden tat es ein Grimmen , in meinem Blute ein Wallen , in meinen Gliedern ein Glühen , in meinem Herzen ein Klopfen , in meinem Haupte ein Schwärmen ! Die wundersamsten Phantastereien begannen mir vor den Sinnen umherzugehen . Meine rote Janitscharenkadettenuniform kam mir vor wie das rote Meer , meine weißen Pumphöschen leuchteten mir wie der Schnee der Alpen und mein kleiner blecherner Säbel gemahnte mich wie das Schwert des Alexander . Ich öffnete die Lippen , und sie sprachen unwillkürlich : Gesperret lange Zeit in eine Tasche , Selbständigwerdenwollend ausgekrochen , Nahm in die Krallen dich der Gei ' r , der rasche , Dem Albions Großmut drauf den Hals gebrochen , Und als dir nun gesunken die Courage , Fühlst du in Grimmen , Glühen , Wallen , Pochen Dein Herz gelöset fluten gleich der Träne Des Stocks im Lenz , am Born der Hippokrene ! Ja , ich hatte unversehens aus der Hippokrene getrunken und war sonach am Helikon ! Meine Lippen öffneten sich abermals und skandierten unwillkürlich : Sauerbereiteter Wurm des gütigsten Vaters , Für die Kadettenanstalt des größesten Sultans Mit dem Säbel aus Blech bewaffneter Knabe , Streife das rote Collet und die weißen batistnen Höschen vom Leibe dir ab und glänze in reiner Klassischer Nacktheit ! Wirklich warf ich Säbel , Collet , Turban , Pumphöschen , kurz alles und jedes ab , wälzte und kugelte mich wie toll umher , unwillkürlich , von dem Musenwasser getrieben . Schon hatten sich wieder neue Bilder in meine Seele und Weisen auf meine Lippen gedrängt ; ich sang : Feinsliebchen , wenn du suchest mich , Trala ! Du findest mich ganz sicherlich Sasa ! Wie bei der Lamp ' ich sitz ' und mach ' Ein Liedchen für den Almanach ! Feinsliebchen , weißt du , was das ist ? Trala ! Ein Büchlein voll von Jesu Christ Sasa ! Und Blümelein und O ! und Ach ! Das ist der Musenalmanach ! Ich hatte rasch den Entschluß gefaßt , einen Musenalmanach zu schreiben , ganz allein ich selbst ; um mir mein Brot zu verdienen , » denn « - rief ich - Warum denn andre brauchen und deren Instrumente ? Ein rechter Virtuose spielt jedes Instrumente . Er bläst mit seinem Munde , dem Finger fünfe dienen , Das lippenhauchgenährte , das Flöteninstrumente , Und streichet mit dem Bogen , geknüpft am Ellenbogen , Das saitenstegbewehrte , das Geigeninstrumente , Derweil an seinen Schenkeln sich hellen Schalles stößet Das Kindern klingklangwerte , das Beckeninstrumente , Und Klöpfel an den Knieen mit mut ' ger Rührung rühren Das kesselbauchbeschwerte , das Paukeninstrumente , Von seinem Haupte aber die Glöcklein schwingend bimmelt Das Roßschweif ' nie entbehrte , das Halbmondinstrumente . So mit Gebläs ' und Streichen , mit Stoßen , Rühren , Bimmeln Sah ich , als sein der Meister fünf da der Instrumente , ' Nen einz ' gen jüngst noch spielen am Markt das mannigfalte Flöt- Geige- Becken- Pauken- und Halbmondinstrumente . Damit war meine Begeisterung noch nicht erschöpft . Formen und Verse , Weisen und Reime , Laiche , Stollen , Stanzen , Assonanzen , Dissonanzen , Dezimen , Kanzonen , Terzinen , Handwerksburschenlieder , Sprichwörtliches , Afrikanisches , Madekassisches , an Personen , Gelegenheit , Denk- und Sendeblätter , Runenstäbe , Gepanzertes und Geharnischtes , Blätter und Blüten , Schutt - alles dieses und noch unendlich viel mehr entquoll meinen unermüdlich vom Wasser bewegten Lippen , so daß ich glaube , ich armes nacktes Kind habe da droben auf dem Helikon an jenem Abende in wenigstens sechs Dutzenden der verschiedensten Arten und Weisen meine Kindlichkeit lyrisch ausgesprochen . Ich weiß nicht , ob ich mich nicht totgeschrieen haben würde und ein lyrisches Opfer