Man kann deshalb eine jede Institution verteidigen und rühmen , wenn man an ihre Anfänge erinnert und darzutun weiß , daß alles , was von ihr im Anfange gegolten , auch jetzt noch gelte . Lessing , der mancherlei Beschränkung unwillig fühlte , läßt eine seiner Personen sagen : Niemand muß müssen . Ein geistreicher frohgesinnter Mann sagte : Wer will , der muß . Ein dritter , freilich ein Gebildeter , fügte hinzu : Wer einsieht , der will auch . Und so glaubte man den ganzen Kreis des Erkennens , Wollens und Müssens abgeschlossen zu haben . Aber im Durchschnitt bestimmt die Erkenntnis des Menschen , von welcher Art sie auch sei , sein Tun und Lassen ; deswegen auch nichts schrecklicher ist , als die Unwissenheit handeln zu sehen . Es gibt zwei friedliche Gewalten : das Recht und die Schicklichkeit . Das Recht dringt auf Schuldigkeit , die Polizei aufs Geziemende . Das Recht ist abwägend und entscheidend , die Polizei überschauend und gebietend . Das Recht bezieht sich auf den Einzelnen , die Polizei auf die Gesamtheit . Die Geschichte der Wissenschaften ist eine große Fuge , in der die Stimmen der Völker nach und nach zum Vorschein kommen . Man kann in den Naturwissenschaften über manche Probleme nicht gehörig sprechen , wenn man die Metaphysik nicht zu Hülfe ruft ; aber nicht jene Schul-und Wortweisheit ; es ist dasjenige , was vor , mit und nach der Physik war , ist und sein wird . Autorität , daß nämlich etwas schon einmal geschehen , gesagt oder entschieden worden sei , hat großen Wert ; aber nur der Pedant fordert überall Autorität . Altes Fundament ehrt man , darf aber das Recht nicht aufgeben , irgendwo wieder einmal von vorn zu gründen . Beharre , wo du stehst ! - Maxime , notwendiger als je , indem einerseits die Menschen in große Parteien gerissen werden ; sodann aber auch jeder Einzelne nach individueller Einsicht und Vermögen sich geltend machen will . Man tut immer besser , daß man sich grad ausspricht , wie man denkt , ohne viel beweisen zu wollen : denn alle Beweise , die wir vorbringen , sind doch nur Variationen unserer Meinungen , und die Widriggesinnten hören weder auf das eine noch auf das andere . Da ich mit der Naturwissenschaft , wie sie sich von Tag zu Tage vorwärts bewegt , immer mehr bekannt und verwandt werde , so dringt sich mir gar manche Betrachtung auf : über die Vor- und Rückschritte , die zu gleicher Zeit geschehen . Eines nur sei hier ausgesprochen : daß wir sogar anerkannte Irrtümer aus der Wissenschaft nicht loswerden . Die Ursache hievon ist ein offenbares Geheimnis . Einen Irrtum nenn ' ich , wenn irgendein Ereignis falsch ausgelegt , falsch angeknüpft , falsch abgeleitet wird . Nun ereignet sich aber im Gange des Erfahrens und Denkens , daß eine Erscheinung folgerecht angeknüpft , richtig abgeleitet wird . Das läßt man sich wohl gefallen , legt aber keinen besondern Wert darauf und läßt den Irrtum ganz ruhig daneben liegen ; und ich kenne ein kleines Magazin von Irrtümern , die man sorgfältig aufbewahrt . Da nun den Menschen eigentlich nichts interessiert als seine Meinung , so sieht jedermann , der eine Meinung vorträgt , sich rechts und links nach Hülfsmitteln um , damit er sich und andere bestärken möge . Des Wahren bedient man sich solange es brauchbar ist ; aber leidenschaftlich-rhetorisch ergreift man das Falsche , sobald man es für den Augenblick nutzen , damit als einem Halbargumente blenden , als mit einem Lückenbüßer das Zerstückelte scheinbar vereinigen kann . Dieses zu erfahren , war mir erst ein Ärgernis , dann betrübte ich mich darüber , und nun macht es mir Schadenfreude . Ich habe mir das Wort gegeben , ein solches Verfahren niemals wieder aufzudecken . Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden ; daher erscheint uns das Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und verknüpft . Folgt man der Analogie zu sehr , so fällt alles identisch zusammen ; meidet man sie , so zerstreut sich alles ins Unendliche . In beiden Fällen stagniert die Betrachtung , einmal als überlebendig , das andere Mal als getötet . Die Vernunft ist auf das Werdende , der Verstand auf das Gewordene angewiesen ; jene bekümmert sich nicht : wozu ? dieser fragt nicht : woher ? - Sie erfreut sich am Entwickeln ; er wünscht alles festzuhalten , damit er es nutzen könne . Es ist eine Eigenheit dem Menschen angeboren und mit seiner Natur innigst verwebt : daß ihm zur Erkenntnis das Nächste nicht genügt ; da doch jede Erscheinung , die wir selbst gewahr werden , im Augenblick das Nächste ist und wir von ihr fordern können , daß sie sich selbst erkläre , wenn wir kräftig in sie dringen . Das werden aber die Menschen nicht lernen , weil es gegen ihre Natur ist ; daher die Gebildeten es selbst nicht lassen können , wenn sie an Ort und Stelle irgendein Wahres erkannt haben , es nicht nur mit dem Nächsten , sondern auch mit dem Weitesten und Fernsten zusammenzuhängen , woraus denn Irrtum über Irrtum entspringt . Das nahe Phänomen hängt aber mit dem fernen nur in dem Sinne zusammen , daß sich alles auf wenige große Gesetze bezieht , die sich überall manifestieren . Was ist das Allgemeine ? Der einzelne Fall . Was ist das Besondere ? Millionen Fälle . Die Analogie hat zwei Verirrungen zu fürchten : einmal sich dem Witz hinzugeben , wo sie in nichts zerfließt ; die andere , sich mit Tropen und Gleichnissen zu umhüllen , welches jedoch weniger schädlich ist . Weder Mythologie noch Legenden sind in der Wissenschaft zu dulden . Lasse man diese den Poeten , die berufen sind , sie zu Nutz und Freude der Welt zu behandeln . Der wissenschaftliche Mann beschränke sich auf die nächste , klarste Gegenwart . Wollte derselbe jedoch gelegentlich als Rhetor auftreten