zog endlich sein Pferd hervor und führte es langsam am Zügel hinter sich her , während ihm Friedrich noch eine Strecke weit das Geleite gab . Der volle Mond ging eben über dem stillen Erdkreise auf , man konnte in der Tiefe weit hinaus den Lauf der Ströme deutlich unterscheiden . Leontin war ungewöhnlich gerührt und drang nochmals in Friedrich , mit hinunterzuziehn . » Du weißt nicht , was du forderst « , sagte dieser ernst , » locke mich nicht noch einmal hinab in die Welt , mir ist hier oben unbeschreiblich wohl , und ich bin kaum erst ruhig geworden . Dich will ich nicht halten , denn das muß von innen kommen , sonst tut es nicht gut . Und also ziehe mit Gott ! « Die beiden Freunde umarmten einander noch einmal herzlich , und Leontin war bald in der Dunkelheit verschwunden . Ihm zogen nun bald auch Vögel , Laub , Blumen und alle Farben nach . Der alte , grämliche Winter saß melancholisch mit seiner spitzen Schneehaube auf dem Gipfel des Gebirges zog die bunten Gardinen weg , stellte wunderlich nach allen Seiten die Kulissen der lustigen Bühne , wie in einer Rumpelkammer , auseinander und durcheinander , baute sich phantastisch blitzende Eispaläste und zerstörte sie wieder , und schüttelte unaufhörlich eisige Flocken aus seinem weiten Mantel darüber . Der stumme Wald sah aus wie die Säulen eines umgefallenen Tempels , die Erde war weiß , so weit die Blicke reichten , das Meer dunkel ; es war eine unbeschreibliche Einsamkeit da droben . Rudolfs seltsam verwildertem Gemüt war diese Zeit eben recht . Er streifte oft halbe Tage lang mitten im Sturm und Schneegestöber auf allen den alten Plätzen umher . Abends pflegte er häufig bis tief in die Nacht auf seiner Sternwarte zu sitzen und die Konjunkturen der Gestirne zu beobachten . Eine Menge alter astrologischer Bücher lag dabei um ihn her , aus denen er verschiedenes auszeichnete und geheimnisvolle Figuren bildete . Nach solchen Perioden machte er dann gewöhnlich wieder größere Streifzüge , manchmal bis ans Meer , wo es ihm eine eigene Lust war , ganz allein auf einem Kahne mit Lebensgefahr in die wilde , unermeßliche Einöde hinauszufahren . Bisweilen verirrte er sich auch wohl in den Tälern zu manchem einsamen Landschlosse , wenn er in der Faschingszeit die Fenster hellerleuchtet sah . Er betrachtete dann gewöhnlich draußen die Tanzenden durchs Fenster , wurde aber immer bald von dem rasenden Trompeten und Geigen wieder vertrieben . Als er einmal von so einem Zuge zurückkam , erzählte er Friedrich , er habe unten , weit von hier , einen großen Leichenzug gesehen , der sich bei Fackelschein und mit schwarzbehängten Pferden langsam über die beschneiten Felder hinbewegte . Er habe weder die Gegend , noch die Personen gekannt , die der Leiche im Wagen folgten . Aber Leontin sei bei dem Zuge , ohne ihn zu bemerken , an ihm vorübergesprengt . - Friedrich erschrak über diese düstere Botschaft . Aber er konnte nicht erraten , welchem alten Bekannten der Zug gegolten , da sich Rudolf weiter um nichts bekümmert hatte . Friedrich setzte indes noch immer seine geistlichen Betrachtungen fort . Er besuchte , sooft es nur das Wetter erlaubte , das nahgelegene Kloster , das er an Leontins Abschiedstage zum ersten Male gesehen , und blieb oft wochenlang dort . Rudolf konnte er niemals bewegen , ihn zu begleiten , oder auch nur ein einziges Mal die Kirche zu besuchen . Er fand in dem Prior des Klosters einen frommen erleuchteten Mann , der besonders auf der Kanzel in seiner Begeisterung , gleich einem Apostel , wunderbar und altertümlich erschien . Friedrich schied nie ohne Belehrung und himmlische Beruhigung von ihm , und mochte sich bald gar nicht mehr von ihm trennen . Und so bildete sich denn sein Entschluß , selber ins Kloster zu gehen , immer mehr zur Reife . Der Winter war vergangen , die schöne Frühlingszeit ließ die Ströme los und schlug weit und breit ihr liebliches Reich wieder auf . Da erblickte Friedrich eines Morgens , als er eben von der Höhe schaute , unten in der Ferne zwei Reiter , die über die grünen Matten hinzogen . Sie verschwanden bald hinter den Bäumen , bald erschienen sie wieder auf einen Augenblick , bis sie Friedrich endlich in dem Walde völlig aus dem Gesichte verlor . Er wollte nach einiger Zeit eben wieder in das Schloß zurückkehren , als die beiden Reiter plötzlich vor ihm aus dem Walde den Berg heraufkamen . Er erkannte sogleich seinen Leontin . Sein Begleiter , ein feiner , junger Jäger , sprang ebenfalls vom Pferde und kam auf ihn zu . » Setzen wir uns « , sagte Leontin gleich nach der ersten Begrüßung munter , » ich habe dir viel zu sagen . Vor allem : kennst du den ? « Hierbei hob er dem Jäger den Hut aus der Stirne , und Friedrich erkannte mit Erstaunen die schöne Julie , die in dieser Verkleidung mit niedergeschlagenen Augen vor ihm stand . » Wir sind auf einer großen Reise begriffen « , sagte er darauf . » Die Jungfrau Europa , die so hochherzig mit ihren ausgebreiteten Armen dastand , als wolle sie die ganze Welt umspannen , hat die alten , sinnreichen , frommen , schönen Sitten abgelegt und ist eine Metze geworden . Sie buhlt frei mit dem gesunden Menschenverstande , dem Unglauben , Gewalt und Verrat , und ihr Herz ist dabei besonders eingeschrumpft . - Pfui , ich habe keine Lust mehr an der Philisterin ! Ich reise weit fort von hier in einen andern Weltteil , und Julie begleitet mich . « - Friedrich sah ihn bei diesen Worten groß an . - » Es ist mein voller Ernst « , fuhr Leontin fort , » Juliens Vater ist auch gestorben und ich kann hier nicht länger mehr leben , wie ich nicht mag und darf . « Friedrich erfuhr