ganzen Menschengeschlechts betrachtet werden kann . Um die Menschen , so wie sie als die regierende Familie im Thierreich wirklich und leibhaft auf dem Erdboden herumwandeln , so viel möglich mit Einem Blick zu übersehen , wollen wir uns , mit deiner Erlaubniß , Laiska , in Gedanken entweder mit dem Trygäus185 des Aristophanes auf einen Balcon der Jupitersburg , oder auf die höchste Thurmspitze seiner Nephelokokkygia186 stellen , und dann sehen - was zu sehen seyn wird . Das erste , denke ich , ist die erstaunliche Verschiedenheit dieser sonderbaren Thiere , die man unter dem collectiven Namen Mensch zu begreifen genöthigt ist , da sie , bei der auffallendsten Ungleichheit unter sich selbst , gleichwohl von allen andern Thierarten zu stark abstechen , um zu einer derselben gerechnet werden zu können . Wir sehen einige in kleiner Anzahl , nackend oder nur sehr dürftig bekleidet und mit Bogen , Pfeilen und Spießen bewaffnet , in ungeheuren Wäldern umherschweifen , wo ihr beinahe einziges Geschäft ist , die wilden Thiere zu verfolgen die ihnen zur Speise und zur Kleidung dienen . Andere finden wir an den Ufern großer Seen beschäftigt , mit Angelruthen oder Netzen dem Wasser einen oft kärglichen Unterhalt abzuverdienen . Wieder andere bringen unter mildern Himmelsstrichen ihr Leben mit Viehzucht und Hütung ihrer Heerden hin ; und noch andere , genöthigt die geringere Freigebigkeit der Natur durch strenge Arbeit zu ersetzen , sehen wir mit den ersten Anfängen des Ackerbaues , der Gärtnerei , der Baukunst und Schifffahrt beschäftigt . Alle diese verschiedenen Menschengeschlechter leben in einer Art von thierischer Freiheit , mehr oder weniger armselig , oft kümmerlich , aber wenn sie nur nothdürftig zu leben haben , mit ihrem Zustande zufrieden , weil sie keinen bessern kennen . Was meinst du nun , daß diese Jäger , Fischer , Hirten und Pflanzer , die sich noch glücklich preisen , wenn sie mit mühseliger Anstrengung aller ihrer Kräfte sich des nothdürftigsten Unterhalts für einige Tage oder Monate versichern können , was meinst du , daß sie sich für eine Vorstellung von dem höchsten Gute machen ? Frage sie , und du wirst hören , daß ihre üppigsten Wünsche nicht über eine glückliche Bärenjagd , einen starken Fischzug , die Verdopplung ihrer Heerden , und eine reichliche Ernte hinausgehen ; und erschiene ihnen ein Gott , der es in ihre Wahl stellte , was sie von ihm erbitten wollten , weder ihre Einbildungskraft noch ihre Vernunft würde sie weiter führen , als zu der hohen Glückseligkeit ihr Leben lang ohne Mühe , Gefahr und Arbeit - die Forderungen ihres Magens befriedigen zu können . Diese Naturmenschen machen indeß , wiewohl sie vielleicht den größten Theil des Erdbodens einnehmen , den kleinsten des Menschengeschlechts aus . Der weit größere lebt in bürgerlicher Gesellschaft , wenige in Freistaaten , wo anfangs die Noth , in der Folge das Verlangen nach Wohlstand , Reichthum und Ansehen , unter dem belebenden Einfluß einer durch weise Gesetze zugleich begünstigten und eingeschränkten Freiheit , alle Arten von Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten , Leibes- und Geistes-Uebungen , Handarbeiten , Künste und Wissenschaften hervorgebracht , und zum Theil auf eine bewundernswürdige Höhe getrieben hat . Diese über ein großes Stück von Asien und Europa und die nördliche Küste von Libyen verbreiteten , mehr oder weniger ausgebildeten Menschen scheinen , beim ersten Ueberblick , sich zu jenen rohen Kindern der Natur wie die Götter zu den Menschen zu verhalten : forschen wir aber genauer nach , so werden wir uns bald überzeugen , daß unter einer Myriade policirter Menschen neuntausend sind , die sich überhaupt viel weniger glücklich , ja oft viel unglücklicher fühlen oder wähnen , als jene nackten Waldmänner , Troglodyten187 und Ichthyiophagen188 . Denn bei weitem die größere Zahl lebt in Armuth und Mangel an allen Bequemlichkeiten ; genießt wenig oder nichts von den Früchten des anscheinenden Wohlstands und Reichthums des Staats ; muß , um einer kleinen Anzahl üppiger Müßiggänger ein prachtvolles und wollüstiges Leben zu verschaffen , über Vermögen arbeiten , und sich oft schlechter nähren als die Wilden , und , damit an ihrem Elend nichts fehle , geduldig zusehen , wie die Müßiggänger sich auf ihre Unkosten wohl seyn lassen . Nun frage ich dich abermal : was dünkt dich daß für die neunzighundert Theile der policirten Menschheit nach ihrer eigenen Schätzung , das höchste Gut seyn werde ? Wir wollen sie selbst nicht fragen ; denn sie sind nicht unverdorben genug , uns , wie ihre Brüder in den Wäldern des Atlas , Kaukasus und Imaus , die wahre Antwort zu geben . Aber rechne darauf , daß sie sich von keiner höhern Glückseligkeit träumen lassen , als täglich zu leben wie die Freier der Penelope , oder die Höflinge des Alcinous in der Odyssee , und , wie diese , aller Arbeit überhoben zu seyn . Grobe sinnliche Befriedigungen bei nie abnehmender Gesundheit und Stärke , und ein müßiges sorgenfreies Leben , dieß ist ' s was sie sich als das höchste Gut denken , und höher gehen weder ihre Wünsche , noch ihre dermalige Empfänglichkeit . Und warum nicht ? da unter den übrigen schwerlich zehn vom Hundert sind , in deren Busen , wenn Prometheus nicht vergessen hätte ihn durchsichtig zu machen , wir nicht eben dieselben Wünsche , nur mehr oder weniger verfeinert und auf alle ihre Leidenschaften ausgedehnt , erblicken würden . Wenigstens läßt mich , was ich über diesen Punkt bisher wahrgenommen habe , nichts anders glauben . Sinnlichkeit ist nun einmal die Grundlage der menschlichen Natur ; essen , trinken und schlafen , das erste Bedürfniß , das erste Geschäft und das erste Vergnügen des Kindes , so wie das letzte des Greises , bei welchem das Wohlbehagen an den Vergnügungen des Gaumens in eben dem Verhältniß zunimmt , wie das Vermögen andre Triebe zu befriedigen abnimmt und aufhört . Stelle einen jeden Sophisten , der dieß nicht gestehen will , ohne daß er deine Absicht merken kann , auf