. Der Spätherbst war auch diesmal in R. und dessen Umgebung so rauh und unfreundlich gewesen , wie er in der Nähe des Hochgebirges meist zu sein pflegt . Jetzt aber , wo er Abschied nahm , schien sich das schwindende Leben der Natur noch einmal aufzuraffen . Die letzten Tage waren ungewöhnlich klar und mild gewesen , sodaß man sich um Monate zurückversetzt glaubte . Die Erde träumte noch einen letzten kurzen Traum von Sonnenglanz und Sommerluft , ehe sie sich den eisigen Banden des Winters gefangen gab . Es war Nachmittag geworden . Freiherr von Raven saß am Schreibtische , mit der Durchsicht seiner Papiere beschäftigt . Seine testamentarischen Verfügungen waren zwar schon seit längerer Zeit getroffen , aber es gab doch noch so Manches zu ordnen . Oberst Wilten hatte sich mit der größten Bereitwilligkeit zur Verfügung gestellt . Wenn ihm auch eine Verbindung seines Sohnes mit der Raven ’ schen Familie jetzt nicht mehr wünschenswerth erschien , so drückte ihn doch das kalte , gezwungene Verhältniß , das seit jener Erklärung zwischen ihm und dem Freiherrn waltete , und er ergriff mit Eifer die Gelegenheit , diesem einen Dienst zu leisten . Er hatte versprochen , alles Nöthiage abzumachen und selbst die Nachricht über die näheren Bestimmungen des Duells zu bringen , das auf morgen früh festgesetzt war . Raven hatte soeben einem Brief beendigt und schrieb jetzt die Adresse : Doctor Rudolph Brunnow . Seine düstere Stirn furchte sich noch tiefer , als er mit sicheren und festen Schriftzügen den Namen auf das Papier warf . „ Ich konnte es Dir nicht ersparen , Rudolph , “ sagte er dumpf . „ Du wirst nie die unglückselige Stunde verwinden , in der wir uns so gegenüberstehen , aber es gab keinen anderen Ausweg . “ Er legte den Brief bei Seite und ergriff von Neuem die Feder , aber diesmal schien sie seiner Hand nicht gehorchen zu wollen . Es dauerte Minuten , ehe er die ersten Zeilen schrieb , dann hielt er plötzlich inne – begann von Neuem – stockte wieder und zerriß endlich das Blatt . Wozu denn auch noch ein Lebewohl ! Jedes Wort war ja doch in Bitterkeit gemacht . Der Brief konnte nur zu einem ewigen Vorwurf für die werden , an die er gerichtet war . Der Freiherr warf die Feder von sich und stützte den Kopf in die Hand . Er hatte nicht umsonst den Augenblick gefürchtet , wo die einzige Empfindung , die ihn jemals schwach gesehen und die er tief in den Hintergrund zurückgedrängt hatte , sich wieder Bahn brechen werde . Es war ihm gelungen , während der letzten Stunden ruhig zu erscheinen , obgleich Haß , Empörung und tief gedemüthigter Stolz seine Seele tausendfach zerrissen , die gewohnte strenge Pünktlichkeit hatte ihn auch beim Ordnen seiner Angelegenheiten nicht verlassen . Jetzt war Alles geordnet , Alles beendigt , bis auf eins – jetzt brach dieses Bitte wieder hervor , mit der alten widerstehlichen Gewalt , und mit ihm brach die Fassung des sonst so eisernen Mannes zusammen . Freilich waren es keine weichen und zärtlichen Regungen , die ihn erfüllten . Die Natur Arno Raven ’ s war nicht darnach geartet , zu entsagen oder zu verzeihen , wo er sich verrathen glaubte . Sein eigener Wille hatte die Trennung verhängt und Gabriele fortgesandt , und er bereute dies nicht . Entweder – oder war von jeher der Wahlspruch seines Lebens gewesen ; auch die Geliebte hatte er entweder ganz und ungeteilt besitzen oder verlieren wollen . Nun wohl , er hatte sie verloren , an einen Anderen verloren , der das mächtige Recht der Jugend und der ersten Liebe geltend zu machen wußte . Der Freiherr zweifelte nicht daran , daß die Beziehungen zu Winterfeld in der Residenz wieder aufgenommen wurden . Der tyrannische Vormund , der so lange trennend zwischen dem jungen Paare gestanden trat ja nun zurück und gab ihnen volle Freiheit , sich wieder einander zu nähern , und die Baronin war viel zu charakterlos , um sich dauernd den Wünschen ihrer Tochter zu widersetzen , wenn die Furcht vor dem Schwager sie nicht länger gefesselt hielt . Ueberdies nahm Winterfelds Laufbahn ja jetzt einen so ungeahnten Aufschwung , und damit fiel das größte Hinderniß dieser Verbindung . Es ging Alles seinen natürlichen , längst vorgezeichneten Weg , den eine unsinnige Leidenschaft vergebens zu kreuzen suchte . Wie konnte denn auch ein Wesen wie Gabriele eine solche Leidenschaft verstehen und erwidern ! Es mochte sie geblendet und ihrer Eitelkeit geschmeichelt haben , der Gegenstand derselben zu sein . Von tieferen Empfindungen war dabei keine Rede , und als es sich um eine Wahl handelte , da wandte sich das aufblühende Mädchen dem zu , der ihr Jugend und Glück zu bieten hatte . Dieses holde , sonnige Geschöpf gehörte nicht in die dunkle Stunde , wo die Ehre und das Leben eines Mannes zusammenbrachen Der schöne , aber kurze Herbsttag neigte sich zu Ende , und die Strahlen der Abendsonne suchten und fanden ihren Weg in das Zimmer . Durch das Bogenfenster wogte ein breiter , goldiger Lichtstrom in das Gemach und erfüllte es mit seltsam verklärendem Schimmer . Raven ’ s Blick haftete düster auf diesem Lichtglanz . So war der Sonnenstrahl auch in sein Leben gedrungen , hatte eine kurze Zeit lang alles in Gluth und Verklärung getaucht und war dann erloschen , um ihn in Nacht und Einsamkeit zurück zu lassen . Vergebens suchte er sich von der Erinnerung loszureißen oder sie in Bitterkeit zu ersticken , es führte ihn ja doch Alles wieder auf Gabriele zurück ; jeder Gegenstand , jeder Gedanke gewann Bezug auf sie . Er hatte abgeschlossen mit der Vergangenheit , mit der Welt und dem Leben , aber die wilde , Alles überfluthende Sehnsucht nach dem einzigen Wesen , das er je geliebt , hielt ihn fest an der Schwelle dieses Lebens . Ein schwerer , qualvoller Athemzug rang sich wie ein