rauhe , harte Rinde die Stirn preßte , bis sie ihr schmerzte ? Jene war geliebt worden , und wenn auch verlassen , traf sie keine Schuld , hier aber nagte an dem Herzen einer Ungeliebten sündhafte Eifersucht , und die sie beneidete , war – die eigene Schwester . Starke Männerschritte hinter ihr machten sie aufschrecken.Der Müller Franz ging mit einer über die Schulter gelegten Eisenstange vorüber , um nach dem oberen Wehre zu sehen , wie er sagte . Diese Begegnung , die ihr das Blut in das Gesicht trieb , scheuchte sie von ihrem Lauscherposten , und während Franz rasch weiter eilte , ging sie langsam am Ufer hin . Sie konnte sich noch nicht entschließen , in die Villa zurückzukehren – mit ihrer Toilette für heute Abend war sie ja längst fertig , ehe Henriette , die trotz ihrer Hinfälligkeit um jeden Preis dem Festspiel beiwohnen wollte , ihren armen , elenden Körper so geschmückt hatte , daß die Spuren der verheerenden Krankheit weniger hervortraten . Hier war es so köstlich einsam . Niemand sah ihre gerötheten Augen , und wie sie zornig mit ihrem widerspenstigen Herzen rang , mit ihrer sündigen Sehnsucht , die sie hierher getrieben hatte – ja , sie allein – Schande über sie , wenn sie sich selbst anlog und ihr leidenschaftliches Verlangen beschönigte ! Nicht das traute Haus , nicht die liebenswürdige alte Frau drinnen hatte sie wiedersehen wollen , und es war auch nicht ihre feste Ueberzeugung gewesen , daß er nicht daheim sein könne – sie hatte es doch gehofft , und nun , wo sich ein anderes Gesicht als das seine am Eckfenster gezeigt hatte , war ihr das traute Fleckchen Erde öde und sonnenverlassen erschienen . Der voranschreitende Müller war ihren Blicken entschwunden – sie kam der Ruine näher . Der Wasserring glitzerte von ferne und das auseinandertretende Gebüsch ließ sie den eleganten Brückenbogen übersehen , der sich über den Graben schwang . … In diesem Augenblicke beschritt ihn vom Turme her ein Mann mit großem , rotblondem , tief auf die Brust hinabreichendem Vollbarte . Er trug eine blaue Arbeiterblouse unter dem lässig übergeworfenen Rocke und jagte mit seinem Stocke die zwei Rehe vor sich her . Sie stoben förmlich über die Brücke und flohen in den Park hinein . Käthe würde den Mann nicht weiter beachtet haben – Handwerker verkehrten ja oft im Turme – wenn sein Gebahren sie nicht stutzig gemacht hätte . Der Kommerzienrat liebte die Rehe zärtlich ; er konnte sehr böse werden , wenn er eines im Parke umherirrend fand – und nun jagte der Fremde die scheuen Thiere geflissentlich über das Wasser ! War er einer jener Erbitterten , die dem beneideten Reichtume Schaden zufügenund Schabernack antun , wo sie können ? … Er schlug den Weg ein , der nach dem großen Parkthore und auf die Landstraße hinausführte ; sie verfolgte ihn mit den Augen , bis ihn das Dickicht aufnahm – welche Aehnlichkeit ! Seiner Haltung und Größe , seinem ganzen Körperbau nach hätte der Mann im Arbeiterrocke ein blonder Zwillingsbruder des Kommerzienrates sein können . Sie blieb wider Willen gefesselt stehen und sah nach dem Turme , von wo er gekommen war – wie herrlich gruppierte sich hier die Landschaft um die Ruine , und mit welch ’ künstlerischem Tacte und Gefühle hatte der aus der Ferne herbeigerufene Baumeister das Vorhandene zu benutzen verstanden , um die Mauerreste mit einem so ergreifend romantischen Zauber zu umspinnen ! Es war wieder still geworden ; nur das Flügelklatschen der Tauben , die über dem Turme kreisten , klang schwach herüber – wie kleine Silberkähne durchschifften die graziösen Luftsegler den klaren , rot angehauchten Abendhimmel und schlüpften durch die Lücken der Mauerkrone , die scharfzackig in das Aetherblau hineinschnitt – nein , nicht die Mauerkrone ! Ein urplötzlich speiender Krater war es , der unter donnerndem Krachen eine Garbe schwarzen Schwalles riesenhoch in den Himmel hineinschleuderte . Der Boden wurde dem Mädchen buchstäblich unter den Füßen weggerissen – sie stürzte , wie hingeschmettert – dann schwemmten kühle Wassermassen an sie heran . Heft 21 Was war das ? .. Alles , was laufen konnte , stürzte aus der Villa und rettete sich hinaus in den Garten – das Haus hatte in seinen Grundvesten bis zum Einsturze gewankt . – Ein Erdbeben ! Wie entgeistert , athemlos standen die Menschen draußen , jeden Augenblick erwartend , daß sich die Erde zu ihren Füßen auftun werde . Schon spie sie Wasserbäche dort über die niedriger gelegenen Rasenspiegel hin ; die Lüfte atmeten Brandgeruch und streuten Atome zu Zunder gebrannter Stoffe auf den Kies . … Die mächtigen Scheiben des stolzen Hauses waren zersprungen ; und im großen Saale lagen die deckenhohen Spiegel zerschmettert auf dem Parquet , und von dem luftigen Bau der Bühne waren die Sammet- und Seidendraperien abgeschüttelt , und die Arbeiter hatten sich nur mit Mühe vor den schwer niederstürzenden Bronzeverzierungen und Stangen gerettet . Von der Promenade her stürmten jetzt die Spaziergänger herein , unter ihnen Anton , der aus der Stadt zurückkehrte . „ Dort , dort ! “ schrieen die Leute der Präsidentin zu , die sich halbohnmächtig auf Flora ’ s Schulter stützte , und zeigten über den Park hin . Dort brannte es – dicke , schwarze Rauchwolken quollen auf , so intensiv , daß man besonders brennbare Stoffe wie Raketen einzeln in dunkler Nacht emporschießen sah . „ Das Pulver im Turme hat explodiert , “ rief Jemand aus der Mitte des Menschenknäuels . „ Unsinn ! “ antwortete Anton , nahezu lachend , obgleich ihm die Zähne vor Schrecken und Entsetzen zusammenschlugen . „ Das taube Zeug explodiert längst nicht mehr , und die paar frischen Prisen , die der gnädige Herr aus Jux d ’ rüber hergestreut hat , heben keinen Ziegelstein von seinem Platze . “ Trotzdem rannte er wie toll parkeinwärts , quer über die schwimmenden Rasenflächen – er wußte ja seinen Herrn dort drüben , wo es