Schloß zum letztenmal betrat ; er hatte in der That die Kühnheit , die zähe Beharrlichkeit , mit der das Raubtier seinem Wilde auf der Ferse folgt ... Eine heiße Angst überlief sie , als der Wagen den Wald verließ und in das liebliche , von Mondlicht erfüllte Schönwerther Thal hinabbrauste . Dort unten flog eben die Equipage des Hofmarschalls hin ; man sah die Glasfenster aufblinken , ehe sie hinter dem Maßholderbusch verschwand . Liane mußte all ihren Mut , ihre Vernunft aufbieten , um Mainau nicht zu bitten , daß er an Schönwerth vorüberfahre und sie noch in dieser Nacht nach Wolkershausen bringe ... In dem Augenblicke , wo der Wagen vor dem Schlosse hielt , stand Frau Löhn , wie aus der Erde gewachsen , am Schlage . » Seit einer Stunde ist alles vorüber , gnädige Frau , « flüsterte sie mit fliegendem Atem . » Der mit dem geschorenen Kopfe ist vorhin auch wieder mitgekommen . Er ist im stande und verlangt mir heute Nacht noch die Schmucksachen für den alten Herrn ab ; das erste Mal ist ' s auch so gewesen . « » Ich komme , « sagte Liane . Sie sprang aus dem Wagen , während Frau Löhn über den Kiesplatz nach dem indischen Hause zurückkehrte . Jetzt trat ein schwerer , ein furchtbarer Moment an die junge Frau heran : sie mußte Mainau den Vorgang an Onkel Gisberts Sterbebette mitteilen ; sie mußte ihm alles sagen , was sie wußte , dann sollte er mit ihr hinübergehen und das verhängnisvolle kleine silberne Buch selbst an sich nehmen . Er hatte die Beschließerin nicht bemerkt und führte Liane ahnungslos nach ihren Appartements . Beide prallten zurück , als sie aus dem blauen Boudoir in den anstoßenden Salon traten – auf dem Tische , inmitten des Zimmers , brannte eine Lampe , und daneben stand der Hofmarschall , aufrecht , in kerzengerader Haltung , nur die Rechte leicht auf die Tischplatte stützende . » Verzeihen Sie , gnädige Frau , daß ich in Ihre Räume eingedrungen bin , « sagte er mit monotoner , kalter Höflichkeit . » Aber es ist zehn Uhr vorüber . Ich war im Zweifel , ob Ihr Gemahl geneigt sein würde , mir heute noch einige Augenblicke , behufs einer Auseinandersetzung , zu gewähren , und da es geschehen muß , so habe ich es vorgezogen , ihn hier zu erwarten . « Mainau ließ den Arm seiner Frau fallen und trat mit festen Schritten auf den alten Herrn zu . » Da bin ich , Onkel ! Ich wäre auf denen Wunsch auch sehr gern hinaufgekommen . Was hast du mir zu sagen ? « fragte er gelassen , aber mit der Haltung eines Mannes , der nicht gewillt ist , sich irgend eine Ungehörigkeit bieten zu lassen . » Was ich dir zu sagen habe ? « wiederholte der Hofmarschall mit unterdrückter Wut . » Vor allem möchte ich mir den Titel › Onkel ‹ verbitten ... Du hast , wie du heute morgen selbst sagtest , zwischen dir und deinen Standesgenossen das Tischtuch zerschnitten ! Ich stehe aber zu ihnen mit Kopf und Herzen , mit Gut und Blut ; der Riß trennt dich mithin auch von deines Vaters Bruder , unwiderruflich und für immer . « » Ich werde den Verlust zu tragen wissen , « versetzte Mainau mit tieferblaßtem Gesichte , aber ruhiger , klarer Stimme . » Die Zukunft wird zeigen , was du gewinnst , indem du alles auf eine Karte setzest . Ein sogenannter guter Freund raunte mir in aller Eile zu , als ich das herzogliche Schloß verließ , du seiest um meinetwillen eklatant in Ungnade verfallen « – bei dem so ruhig ausgesprochenen Wort » Ungnade « hob der Hofmarschall aufschreckend die Hände , als wolle er die Bezeichnung der furchtbaren Thatsache hinter die Lippen des Sprechenden zurückdrängen – » eine solche erbärmliche , kleine Revanche , an einem Unbeteiligten verübt , kann höchstens Ekel erregen , und du hast nichts Eiligeres zu thun , als deine einzigen Verwandten abzuschütteln , mit allem zu brechen , was deinem Leben , deiner einsamen Zukunft in Wirklichkeit einen Zweck , einen Halt zu geben vermag ? Und das muß unerbittlich zur Stunde , noch in dieser Nacht geschehen , damit du morgen in der Frühe deine völlige Lostrennung von den › Tiefgefallenen ‹ rapportieren und um Gotteswillen die Wiederkehr der herzoglichen Gnade erbitten kannst ? ... Was verlierst du denn an – « » Was ich verliere ? « schrie der Hofmarschall . » Das Augenlicht , die Lebensluft ! Ich sterbe , wenn diese – diese fürchterliche Ungnade auch nur Monate andauert ... Wie du darüber denkst , ist deine Sache – ich schere mich nicht darum . « Er taumelte , unfähig sich länger auf den Füßen zu halten , in den nächsten Lehnstuhl . Mainau wandte ihm in unverhohlener Verachtung den Rücken . » Dann bleibt mir freilich kein Wort mehr zu sagen , « murmelte er achselzuckend . » Ich hatte gemeint , noch einmal an die großväterliche Liebe für Leo appellieren zu müssen – « » Aha , da sind wir ja bei dem Punkte angekommen , der einzig und allein mich vermocht hat , noch einmal mit dir zusammenzutreffen ... Mein Enkel , das Kind meiner einzigen Tochter – « » Ist mein Sohn , « unterbrach ihn Mainau , sein Gesicht ihm voll zuwendend , mit tiefer Ruhe . » Er bleibt selbstverständlich bei mir . « » Mit nichten ! ... Für die erste Zeit magst du ihn nach Franken schleppen – das kann ich freilich nicht verhindern ; aber schon nach einigen Monaten wirst du erfahren , was es heißt , Mächtige im weltlichen und im geistlichen Regiment brüsk herauszufordern . « » Fast könnte ich mich fürchten , « sagte Mainau mit verächtlicher Ironie , » stünde ich nicht da auf meinen eigenen Füßen ... Ich weiß , wo