Haß gegen ihren Peiniger den Sieg davon und sie entfloh , ohne etwas mitzunehmen , als was sie mitgebracht , eine dürftige Bekleidung . Sie wanderte den größten Teil des Weges zu Fuße und kam so elend bei ihrem Vater an , daß dieser sie , von Mitleid überwältigt , bei sich aufnahm und gegen den Gatten , den er ihr aufgedrungen , selbst Partei ergriff . Gänzlich mittellos , aber frei ging sie aus dem nun folgenden Scheidungsprozeß hervor . Als sie jedoch zufällig den alten Minister Grafen Worronsky kennen lernte , als dieser ihr seinen Rang und seine Millionen zu Füßen legte und ihrer Schönheit die Aussicht eröffnete , am Hofe in Petersburg zu glänzen — da widerstand sie der Verlockung nicht . Sie ward seine Frau und vom Umgang mit halb wilden Leibeigenen weg an einen der prächtigsten Höfe der Welt , aus den russischen Wäldern und Steppen auf seidene Kissen , in duft- und lichtgeschwängerte Prunkgemächer versetzt . Anfangs geblendet , verwirrt , verschüchtert , gewann sie sich durch ihre unschuldsvolle Schönheit und Zaghaftigkeit alle Herzen , auch die der Frauen . Endlich aber brach ihre ungezügelte Natur um so mächtiger hervor , je härter der Druck gewesen , der sie so lange niedergehalten hatte , und sie artete unter der Führung des schwachen Gatten , der sie vergötterte , nach allen Richtungen aus . Für Verirrungen , welche die Gesellschaft unter ihren Augen und ihrem Schutze sich allmälig entwickeln sieht , hat sie stets ein nachsichtigeres Auge , als für die , welche sie außerhalb ihrer Sphäre erblickt , weil in den Verhältnissen der meisten Menschen eine Entschuldigung für ihre Fehler liegt , der die Gesellschaft um so bereitwillger Rechnung trägt , je höher Stand und Rang des Gemahls einer solchen Dame sind . Man ignorierte alle Verstöße , die man um der bedeutenden Stellung des alten Ministers willen nicht bestrafen konnte , und so war und blieb die schöne , unermeßlich reiche Gräfin Worronska trotz ihrer Ungebundenheit der Mittelpunkt , wenn auch nicht der besten , doch der glänzendsten Kreise Petersburgs . Das Alles ließ sie seit einem halben Jahr zurück und lebte wie eine Geächtete , von den ängstlichen „ deutschen Philistern “ gemieden , in N * * * , um des Einzigen willen , den sie wahrhaft liebte — und der sie verschmähte . Sie hatte , bevor ihr Gatte starb , stets einen glänzenden Hofstaat von Herren um sich , die aus einem nahe liegenden großen Kurort zu ihr herüberkamen . Bekannte aus Petersburg , vornehme Engländer , Polen , Italiener — kurz der ganze bunte Schwarm von reichen Tagedieben aller Nationen , der sich immer wachsend um eine schöne Frau auf ihren Reisen anschwemmt . Mit diesen rauchte , fuhr und ritt sie , ein Benehmen , das in der großen Welt Petersburgs keinen Anstoß erregte , aber in der kleinen Universitätsstadt ein Wehegeschrei der Damen und eine große Aufregung der Studenten hervorrief , welche nicht verfehlten , sie bei jeder Gelegenheit zu parodieren , bei Ausfahrten und Maskenzügen gleich ihr vier Pferde neben einander zu spannen , diese als Mädchen verkleidet zu lenken , ihre Begleiter nachzuahmen , oder ihre bärtigen Diener betrunken zu machen und dergleichen lustige Streiche mehr . Ein unbeschreibliches Entsetzen aber rief es hervor , daß sie sich nach des Grafen Tod nicht schwarz kleidete . Man erzählte sich schaudernd , sie habe erklärt , „ es sei ihr verächtlich , eine Komödie zu spielen und äußerlich eine Trauer zu heucheln , die sie innerlich nicht empfinde . “ — Wie konnte man so aller Sitte Hohn sprechen und die Untiefen seines Herzens so bloßlegen . Ja , man kam sogar auf den Einfall , sie sei gar nicht verheiratet gewesen , und nannte sie nur noch die „ wilde Gräfin “ , etwa in dem Sinne , wie man eine wilde Kastanie von einer echten unterscheidet . Tat man ihr nun auch darin Unrecht , so verdiente sie doch das Prädikat „ wild “ in jedem andern Sinne , und der Name blieb ihr für immer . Auch Möllner , der für weibliche Verirrungen stets eine großmütige Entschuldigung wußte , fand , sie hätte mehr Pietät gegen den siebzigjährigen Gemahl haben sollen und nannte ihr Benehmen eine Koketterie , eine herzlose Ostentation . Er verzieh einem Weibe Alles , nur keine Gemütlosigkeit.Von diesem Augenblick an interessierte sie ihn nicht mehr , wenn dies überhaupt je der Fall gewesen . Er bemerkte nicht , daß seit Monaten kein Herr mehr bei ihr ein- und ausging , denn es war ihm nicht der Mühe wert , sie zu beobachten . Wem es einmal auffiel , der hielt es für einen Zufall . Der Ruhm ihrer Besserung ging unter in den Fluten ihres schlechten Rufes . Niemand glaubte mehr an sie , am wenigsten der , für den sie alle Opfer brachte . — Jetzt war der Augenblick gekommen , wo sie sich zum ersten Mal ohnmächtig einer höheren Macht gegenüber fühlte , mit der sie nicht kämpfen konnte , und furchtbar war die Wirkung dieses ersten Anpralls an eine unsichtbare Schranke auf das ungestüme Herz der Gräfin . Sie hatte bisher nur die Sitte gekannt und sich siegreich gegen sie aufgelehnt , wo sie ihr lästig war . Die Sitte unterliegt dem Willen des Einzelnen und der Mode . Aber die höhere Gewalt , die über dem Ganzen schwebt und keinem Willen , keinem Wechsel unterworfen ist , unwandelbar streng wie jedes göttliche Gesetz : die Sittlichkeit — diese war es , mit welcher die Gräfin jetzt in Konflikt geriet , deren Vorhandensein sie erst erkannte , als sie an ihr scheiterte . — Aber ein Weib wie sie konnte sich des Kampfes nicht begeben . Er war ihr eine Naturnotwendigkeit . Sie konnte nicht verzichten , wie sollte sie , — sie hatte es ja nie gelernt . Sie mußte sich also für ihre Wünsche wehren . Sie hatte als Mädchen Tage lang Hunger