spät war . Eine schnürende Verzweiflung stieg in seine Kehle . Er konnte nicht weinen . Er sah um sich . Niemand war im Zimmer , und daneben war es ganz still . Er hatte keine Sehnsucht in jenes andre Zimmer zu gehen und keine Angst davor ; er fühlte nur , daß es etwas Unsinniges gewesen wäre . Sein Auge kehrte auf das tote Kind zurück , und plötzlich durchzuckte ihn die bebende Frage , ob es denn auch wahr sein müßte ? Ob nicht alle sich irren konnten ? Der Arzt so gut , wie der Unerfahrene . Er hielt seine flache Hand vor die geöffneten Lippen des Kindes und ihm war , als hauchte etwas Kühles ihm entgegen . Dann hielt er beide Hände über die Brust des Kindes , hin und wieder war ihm , als spielte leicht bewegte Luft um den kleinen Leib . Aber er fühlte da wie dort : Nicht Hauch des Lebens hatte ihn angeweht . Nun beugte er sich nieder , und seine Lippen berührten die kühle Stirn des Kindes . Etwas Seltsames , nie Gefühltes rieselte ihm durch den Körper bis in die Zehenspitzen . Er wußte es nun : Das Spiel dort oben war für ihn verloren , sein Kind war tot . Da erhob er langsam das Haupt und wandte sich fort . Die Gartenhelle lockte ihn ins Freie . Er trat auf die Veranda , sah auf der Bank an die Wand gelehnt Doktor Stauber und Frau Rosner sitzen . Beide stumm . Sie sahen ihn an . Er wandte sich weg , als kennte er sie nicht , und trat in den Garten . Der Schatten des Hauses fiel schräg über den Rasen hin ; weiter oben lag noch Sonne , doch stumpf und wie ohne Kraft die Luft zu durchleuchten . Woran wollte ihn dies Licht nur erinnern , das Sonne war und doch nicht glänzte , dieses Blau in der Höhe , das Himmel war und ihn doch nicht segnete ? Woran die Stummheit dieses Gartens , die ihm vertraut und tröstlich sein sollte und die ihn heute wie etwas Fremdes und Ungastliches empfing ? Allmählich fiel ihm ein , daß ihn vor kurzem in einem Traum solch ein schwerer , früher nie geahnter Dämmerschein umgeben und seine Seele mit unverständlicher Traurigkeit erfüllt hatte . Was nun ? sagte er vor sich hin , suchte nach keiner Antwort und wußte nur , daß irgend etwas Unvorhergesehenes und Unabänderliches geschehen war , das ihm für alle Zeiten das Bild der Welt verändern mußte . Er dachte des Tages , an dem sein Vater gestorben war . Ein wilder Schmerz hatte ihn damals überfallen ; doch er hatte weinen können , und die Erde war nicht mit einemmal dunkel und leer geworden . Sein Vater hatte doch gelebt , war einmal jung gewesen , hatte gearbeitet , geliebt , Kinder gehabt , Freuden und Schmerzen erfahren . Und die Mutter , die ihn geboren , hatte nicht umsonst gelitten . Und wenn er selbst heute hätte sterben müssen , so früh es gewesen wäre , er hatte doch ein Dasein hinter sich , erfüllt von Licht und Tönen , Glück und Leiden , Hoffnung und Angst , durchflutet von allem Inhalt der Welt . Und wenn Anna heute dahingegangen wäre , in der Stunde , da sie einem neuen Wesen das Leben gab , sie hätte gleichsam ihr Los erfüllt und ihr Ende hätte seinen grauenvollen , aber tiefen Sinn gehabt . Doch das , was seinem Kind geschehen war , war sinnlos , widerwärtig , ein Hohn von irgendwoher , wohin man keine Frage und keine Antwort senden konnte . Wozu , wozu das alles ? Was hatten nun diese vorhergegangenen Monate zu bedeuten gehabt , mit all ihren Träumen , Sorgen und Hoffnungen ? Denn er wußte mit einem Male , daß die Erwartung der wunderbaren Stunde , in der sein Kind geboren werden sollte , immer , Tag für Tag , auch am nüchternsten , leersten und leichtfertigsten , in der Tiefe seiner Seele gewesen war ; und er fühlte sich beschämt , verarmt , elend . Er stand oben am Gartengitter und sah zum Waldesrande auf , zu seiner Bank , auf der er oft geruht hatte , und ihm war , als wäre auch Wald und Wiese und Bank früher sein Besitz gewesen und er müsse nun auch das hergeben , wie so vieles andere . Im Winkel des Gartens stand ein dunkelgraues , vernachlässigtes Lusthäuschen mit drei kleinen Fensterhöhlen und einer schmalen Türöffnung . Er hatte es nie leiden mögen und nur einmal auf ein paar Augenblicke betreten . Heute zog es ihn hinein . Er setzte sich auf die rissige Bank hin und kam sich plötzlich geborgen und beruhigt vor , als wäre nun alles , was geschehen , weniger wahr oder in irgendeiner unbegreiflichen Weise rückgängig zu machen . Doch schwand dieser Wahn bald wieder dahin , er verließ den unwirtlichen Raum und trat ins Freie . Ich muß jetzt wohl ins Haus zurück , dachte er müde und faßte es doch nicht ganz , daß in dem dunkeln Zimmer , das er von hier aus hinter der Veranda , wie eine unergründliche Finsternis liegen sah , der Leichnam seines Kindes ruhen sollte . Langsam ging er hinab . Auf der Veranda stand Annas Mutter mit einem Herrn . Georg erkannte den alten Rosner . Im Überzieher stand er da , den Hut hatte er auf den Tisch vor sich hingelegt , fuhr sich mit einem Taschentuch über die Stirn , und es zuckte um seine rotgeränderten Augen . Er ging Georg entgegen und drückte ihm die Hand . » Das ist ja leider anders gekommen « , sagte er , » als wir alle erwartet und gehofft hatten . « Georg nickte . Dann erinnerte er sich , daß der alte Herr in den letzten Wochen mit dem Herzen nicht ganz in Ordnung gewesen war , und