Dann zerbrach er alle Säulen und Pfeiler , die es in seinen wüsten Krankheitsbildern gab . Das war kein Weib , sondern etwas Männliches , Tyrannisches und über alle Maßen Rücksichtsloses ! Er hatte es als Kind nicht gehabt , sondern nach und nach von seinem Vater und von seinen Lehrern empfangen . Das hörte ich . Es bestand in der Verachtung aller fremden Menschenrassen und vorzüglich aller Heiden . Er sprach aber auch davon , daß viele Millionen Christen weiter nichts als Heiden seien , ja , noch viel schlimmer als diese , weil sie nicht ganz genau so glauben wollen , wie er für richtig hielt . Er ging also noch viel , viel weiter , als die Christen gewöhnlich gehen . Sein Urteil war im höchsten Grade streng und ungerecht , das unfreundlichste , das allerunfreundlichste Vorurteil , welches mir jemals zu Ohren gekommen ist ! Und damit habe ich den Namen jener bösen , menschenverderbenden Macht genannt , die ihn beherrschte , wenn die andere , die gute , von ihm gewichen war - - das Vorurteil ! « Er wendete sich dem Governor zu , indem er weitersprach : » Ihr habt dieses Vorurteil vorhin so deutlich beschrieben , als ob Ihr es genau so wie ich bei diesem Kranken beobachtet hättet . Wie Ihr seine leibliche Krankheit nennt , das weiß ich nicht ; aber seine geistige besteht ganz unbedingt in diesem Vorurteile , welches eine Macht über ihn besitzt , der er , sobald sie über ihn kommt , unmöglich widerstehen kann . Er ist dann so schlimmer Worte fähig , daß man auch in Beziehung auf die Tat , die aus solchen Worten wächst , zu vermut - - - - - « Er wurde unterbrochen . Von der Tür her , welche geöffnet worden war , erklang ein lautes , herzbrechendes Schluchzen . In jener Gegend , so nahe am Aequator , wird es Punkt sechs Uhr Nacht . Die Dämmerung ist außerordentlich kurz . Sie war schon da . Es gab im Zimmer bereits jenes alles Aeußerliche verhüllende Duster , welches die scharfen Linien des Tages verschwimmen und das Unkörperliche , das Seelische um so mehr hervortreten läßt . Draußen im Korridore war es noch dunkler als bei uns . Darum konnten wir die Gestalt Derjenigen , welche da stand , schon nicht mehr erkennen . So hatte auf Grund unsers Gesprächsgegenstandes ihr Schluchzen etwas Unirdisches , etwas außerordentlich Ergreifendes , ja Erschütterndes für uns . Es war , als weine nicht ein Mensch , sondern jene unsichtbare , edle , weibliche Macht , welche in dem Missionar so schwer und so unablässig gegen die bösen Geister seines Vorurteiles zu kämpfen hatte . Der liebe , alte Uncle handelte am schnellsten von uns allen . Er eilte nach der Tür , nahm die Schluchzende bei der Hand und brachte sie herein , wobei er ganz vergaß , die Tür hinter ihr zu schließen . Es war Mary Waller . Sie hatte Tsi gesucht , des Vaters wegen , und ihn nicht in seinem Zimmer gefunden . Da sie unser lautes Sprechen hörte , nahm sie an , daß er bei uns sei . Ihr mehrmaliges Klopfen war überhört worden , und so hatte sie geöffnet , um sich bemerklich zu machen . Von unserm Gespräche festgebannt , hatte sie sich still verhalten ; wie lange , das war nicht zu erörtern . » Weint nicht , weint nicht ! « bat der Governor . » Ich kann das nicht vertragen ! Menschentränen tun weher , viel weher als alles Andere ! « Da nahm sie sich zusammen , kämpfte ihre Tränen wacker nieder und antwortete : » Beruhigt Euch , Mylord ! Es war nicht Schmerz , was mich bewegte ; ich weinte Freudentränen . Oder meint Ihr , es gebe keinen Schmerz , dem es nicht erlaubt wäre , sich auch einmal zu freuen ? Auch in mir gibt es zwei Mächte , welche mit einander kämpfen , grad so , wie bei ihm ; nur sind sie anderer Art. Die eine ist eine Teufelin . Sie will mich zwingen , ihn zu verurteilen , ihn für schuldig zu halten . Die andere muß ein Engel sein . Sie versichert mir unablässig , daß er freizusprechen sei . Die Teufelin weiß , daß mich Alles anwidert , was gegen die Nächstenliebe und Menschenachtung spricht , und so oft Vater Derartiges getan hat , dringt sie in mich , ihn zu hassen oder gar ihn zu verachten . Das ist fürchterlich ! Der Engel aber flüstert mir dann immer mahnend zu , daß mein Vater ganz unmöglich in dieser Weise sprechen und in dieser Weise handeln könne . Mein Herz gebietet mir , dieser letzteren Stimme zu glauben ; aber mein angstvoll suchender Verstand fand bisher keine logische Handhabe , das zu tun , was er so unendlich gern täte , nämlich das Herz zu unterstützen . Es war ein stiller , tiefer Jammer , den ich in mir trug und der umso mehr an mir zehrte , als ich ihn niemals , niemals emporkommen lassen durfte . Da trieb mich jetzt die Angst vom Vater fort . Er war erwacht und doch nicht bei Sinnen . Er wollte auf vom Lager , fort , nur fort . Er behauptete , die Heiden warteten auf ihn ; er müsse eilen , ihre Götzen zu vernichten . Ich rang mit ihm . Das Fieber gab ihm Kraft , als sei er ein Gesunder , und nur mit größter Anstrengung gelang es mir , sie zu besiegen . Für eine Wiederholung aber fühlte ich mich zu schwach . Darum ging ich , um nach Doktor Tsi zu suchen , und kam , da ich ihn nicht fand , an Eure Tür . Ich öffnete nach öfterem , vergeblichem Klopfen . Ihr saht mich nicht ; was aber hörte ich ! War es der Engel meines Vaters , oder war es der meinige