Vertrauen zu meinem Schwager ist unbegrenzt . Er hat einen edeln Charakter , aber ich weiß nicht , ob er auch einen festen Charakter hat . Er ist feinen Sinnes , und wer fein ist , ist oft bestimmbar . Er ist auch nicht geistig bedeutend genug , um sich gegen abweichende Meinungen , gegen Irrtümer und Standesvorurteile wehren zu können . Er bedarf der Stütze . Diese Stütze sind Sie meinem Schwager Woldemar von Jugend auf gewesen . Und um was ich jetzt bitte , das heißt : Seien Sie ' s ferner . « » Daß ich Ihnen sagen könnte , wie freudig ich in Ihren Dienst trete , gnädigste Gräfin . Und ich kann es um so leichter , als Ihre Ideale , wie Sie wissen , auch die meinigen sind . Ich lebe darin und empfind es als eine Gnade , da , wo das Alte versagt , ganz in einem Neuen aufzugehn . Um ein solches Neues handelt es sich . Ob ein solches Neues sein soll ( weil es sein muß ) oder ob es nicht sein soll , um diese Frage dreht sich alles . Es gibt hier um uns her eine große Zahl vorzüglicher Leute , die ganz ernsthaft glauben , das uns Überlieferte - das Kirchliche voran ( leider nicht das Christliche ) - müsse verteidigt werden wie der Salomonische Tempel . In unserer Obersphäre herrscht außerdem eine naive Neigung , alles Preußische für eine höhere Kulturform zu halten . « » Genau wie Sie sagen . Aber ich möchte doch , um der Gerechtigkeit willen , die Frage stellen dürfen , ob dieser naive Glaube nicht eine gewisse Berechtigung hat . « » Er hatte sie mal . Aber das liegt zurück . Und kann nicht anders sein . Der Hauptgegensatz alles Modernen gegen das Alte besteht darin , daß die Menschen nicht mehr durch ihre Geburt auf den von ihnen einzunehmenden Platz gestellt werden . Sie haben jetzt die Freiheit , ihre Fähigkeiten nach allen Seiten hin und auf jedem Gebiete zu betätigen . Früher war man dreihundert Jahre lang ein Schloßherr oder ein Leinenweber ; jetzt kann jeder Leinenweber eines Tages ein Schloßherr sein . « » Und beinah auch umgekehrt « , lachte Melusine . » Doch lassen wir dies heikle Thema . Viel , viel lieber hör ich ein Wort von Ihnen über den Wert unsrer Lebens- und Gesellschaftsformen , über unsre Gesamtanschauungsweise , deren besondere Zulässigkeit Sie , wie mir scheint , so nachdrücklich anzweifeln . « » Nicht absolut . Wenn ich zweifle , so gelten diese Zweifel nicht so sehr den Dingen selbst als dem Hochmaß des Glaubens daran . Daß man all diese Mittelmaßdinge für etwas Besonderes und Überlegenes und deshalb , wenn ' s sein kann , für etwas ewig zu Konservierendes ansieht , das ist das Schlimme . Was mal galt , soll weiter gelten , was mal gut war , soll weiter ein Gutes oder wohl gar ein Bestes sein . Das ist aber unmöglich , auch wenn alles , was keineswegs der Fall ist , einer gewissen Herrlichkeitsvorstellung entspräche ... Wir haben , wenn wir rückblicken , drei große Epochen gehabt . Dessen sollen wir eingedenk sein . Die vielleicht größte , zugleich die erste , war die unter dem Soldatenkönig . Das war ein nicht genug zu preisender Mann , seiner Zeit wunderbar angepaßt und ihr zugleich voraus . Er hat nicht bloß das Königtum stabiliert , er hat auch , was viel wichtiger , die Fundamente für eine neue Zeit geschaffen und an die Stelle von Zerfahrenheit , selbstischer Vielherrschaft und Willkür Ordnung und Gerechtigkeit gesetzt . Gerechtigkeit , das war sein bester rocher de bronce . « » Und dann ? « » Und dann kam Epoche zwei . Die ließ , nach jener ersten , nicht lange mehr auf sich warten , und das seiner Natur und seiner Geschichte nach gleich ungeniale Land sah sich mit einem Male von Genie durchblitzt . « » Muß das ein Staunen gewesen sein . « » Ja . Aber doch mehr draußen in der Welt als daheim . Anstaunen ist auch eine Kunst . Es gehört etwas dazu , Großes als groß zu begreifen ... Und dann kam die dritte Zeit . Nicht groß und doch auch wieder ganz groß . Da war das arme , elende , halb dem Untergange verfallene Land nicht von Genie , wohl aber von Begeisterung durchleuchtet , von dem Glauben an die höhere Macht des Geistigen , des Wissens und der Freiheit . « » Gut , Lorenzen . Aber weiter . « » Und all das , was ich da so hergezählt , umfaßte zeitlich ein Jahrhundert . Da waren wir den andern voraus , mitunter geistig und moralisch gewiß . Aber der Non-soli-cedo-Adler mit seinem Blitzbündel in den Fängen , er blitzt nicht mehr , und die Begeisterung ist tot . Eine rückläufige Bewegung ist da , längst Abgestorbenes , ich muß es wiederholen , soll neu erblühn . Es tut es nicht . In gewissem Sinne freilich kehrt alles einmal wieder , aber bei dieser Wiederkehr werden Jahrtausende übersprungen ; wir können die römischen Kaiserzeiten , Gutes und Schlechtes , wiederhaben , aber nicht das spanische Rohr aus dem Tabakskollegium und nicht einmal den Krückstock von Sanssouci . Damit ist es vorbei . Und gut , daß es so ist . Was einmal Fortschritt war , ist längst Rückschritt geworden . Aus der modernen Geschichte , der eigentlichen , der lesenswerten , verschwinden die Bataillen und die Bataillone ( trotzdem sie sich beständig vermehren ) , und wenn sie nicht selbst verschwinden , so schwindet doch das Interesse daran . Und mit dem Interesse das Prestige . An ihre Stelle treten Erfinder und Entdecker , und James Watt und Siemens bedeuten uns mehr als du Guesclin und Bayard . Das Heldische hat nicht direkt abgewirtschaftet und wird noch lange nicht abgewirtschaftet haben , aber sein Kurs hat nun