anders gewollt . Aber das mit dem Kinde , das ist doch zu hart , und so habe ich denn den Wunsch , es dann und wann sehen zu dürfen , nicht heimlich und verstohlen , sondern mit Wissen und Zustimmung aller Beteiligten . « » Unter Wissen und Zustimmung aller Beteiligten wiederholte die Ministerin Effis Worte . " Das heißt also unter Zustimmung Ihres Herrn Gemahls . Ich sehe , daß seine Erziehung dahin geht , das Kind von der Mutter fernzuhalten , ein Verfahren , über das ich mir kein Urteil erlaube . Vielleicht , daß er recht hat ; verzeihen Sie mir diese Bemerkung , gnädige Frau . « Effi nickte . » Sie finden sich selbst in der Haltung Ihres Herrn Gemahls , zurecht und verlangen nur , daß einem natürlichen Gefühle , wohl dem schönsten unserer Gefühle ( wenigstens wir Frauen werden uns darin finden ) , sein Recht werde . Treff ' ich es darin ? « » In allem . « » Und so soll ich denn die Erlaubnis zu gelegentlichen Begegnungen erwirken , in Ihrem Hause , wo Sie versuchen können , sich das Herz Ihres Kindes zurückzuerobern . « Effi drückte noch einmal ihre Zustimmung aus , während die Ministerin fortfuhr : » Ich werde also tun , meine gnädigste Frau , was ich tun kann . Aber wir werden es nicht eben leicht haben . Ihr Herr Gemahl , verzeihen Sie , daß ich ihn nach wie vor so nenne , ist ein Mann , der nicht nach Stimmungen und Laune , sondern nach Grundsätzen handelt , und diese fallenzulassen oder auch nur momentan aufzugeben wird ihm hart ankommen . Läg es nicht so , so wäre seine Handlungs- und Erziehungsweise längst eine andere gewesen . Das , was hart für Ihr Herz ist , hält er für richtig . « » So meinen Exzellenz vielleicht , es wäre besser , meine Bitte zurückzunehmen ? « » Doch nicht . Ich wollte nur das Tun Ihres Herrn Gemahls erklären , um nicht zu sagen rechtfertigen , und wollte zugleich die Schwierigkeiten andeuten , auf die wir , aller Wahrscheinlichkeit nach , stoßen werden . Aber ich denke , wir zwingen es trotzdem . Denn wir Frauen , wenn wir ' s klug einleiten und den Bogen nicht überspannen , wissen mancherlei durchzusetzen . Zudem gehört Ihr Herr Gemahl zu meinen besonderen Verehrern , und er wird mir eine Bitte , die ich an ihn richte , nicht wohl abschlagen . Wir haben morgen einen kleinen Zirkel , auf dem ich ihn sehe , und übermorgen früh haben Sie ein paar Zeilen von mir , die Ihnen sagen werden , ob ich ' s klug , das heißt glücklich , eingeleitet oder nicht . Ich denke , wir siegen in der Sache , und Sie werden Ihr Kind wiedersehen und sich seiner freuen . Es soll ein sehr schönes Mädchen sein . Nicht zu verwundern . « Dreiunddreißigstes Kapitel Am zweitfolgenden Tage trafen , wie versprochen , einige Zeilen ein , und Effi las : » Es freut mich , liebe gnädige Frau , Ihnen gute Nachricht geben zu können . Alles ging nach Wunsch ; Ihr Herr Gemahl ist zu sehr Mann von Welt , um einer Dame eine von ihr vorgetragene Bitte abschlagen zu können ; zugleich aber - auch das darf ich Ihnen nicht verschweigen - , ich sah deutlich , daß sein Ja nicht dem entsprach , was er für klug und recht hält . Aber kritteln wir nicht , wo wir uns freuen sollen . Ihre Annie , so haben wir es verabredet , wird über Mittag kommen , und ein guter Stern stehe über Ihrem Wiedersehen . « Es war mit der zweiten Post , daß Effi diese Zeilen empfing , und bis zu Annies Erscheinen waren mutmaßlich keine zwei Stunden mehr . Eine kurze Zeit , aber immer noch zu lang , und Effi schritt in Unruhe durch beide Zimmer und dann wieder in die Küche , wo sie mit Roswitha von allem möglichen sprach , von dem Efeu drüben an der Christuskirche , nächstes Jahr würden die Fenster wohl ganz zugewachsen sein , von dem Portier , der den Gashahn wieder so schlecht zugeschraubt habe ( sie würden doch noch nächstens in die Luft fliegen ) , und daß sie das Petroleum doch lieber wieder aus der großen Lampenhandlung Unter den Linden als aus der Anhaltstraße holen solle - von allem möglichen sprach sie , nur von Annie nicht , weil sie die Furcht nicht aufkommen lassen wollte , die trotz der Zeilen der Ministerin , oder vielleicht auch um dieser Zeilen willen in ihr lebte . Nun war Mittag . Endlich wurde geklingelt , schüchtern , und Roswitha ging , um durch das Guckloch zu sehen . Richtig , es war Annie . Roswitha gab dem Kinde einen Kuß , sprach aber sonst kein Wort , und ganz leise , wie wenn ein Kranker im Hause wäre , führte sie das Kind vom Korridor her erst in die Hinterstube und dann bis an die nach vorn führende Tür . » Da geh hinein , Annie . « Und unter diesen Worten , sie wollte nicht stören , ließ sie das Kind allein und ging wieder auf die Küche zu . Effi stand am andern Ende des Zimmers , den Rücken gegen den Spiegelpfeiler , als das Kind eintrat . » Annie ! « Aber Annie blieb an der nur angelehnten Tür stehen , halb verlegen , aber halb auch mit Vorbedacht , und so eilte denn Effi auf das Kind zu , hob es in die Höhe und küßte es . » Annie , mein süßes Kind , wie freue ich mich . Komm , erzähle mir « , und dabei nahm sie Annie bei der Hand und ging auf das Sofa zu , um sich da zu setzen . Annie stand aufrecht und griff , während sie die Mutter immer noch