seiner Kavalleriedivision , sowie in einem Brief an den ihm befreundeten Chef seines Regiments , sein Gesuch : fürs erste auf ein bis zwei Jahre zur Disposition gestellt zu werden . Er müsse sich seiner angegriffenen Gesundheit und gewissen litterarischen Arbeiten widmen . Das Gesuch konnte ihm nicht abgeschlagen werden . Uebrigens empfing er die Erfüllung seines Wunsches schon mehrere Wochen hernach . Rother hatte also jetzt keinerlei Verpflichtung mehr gegen den Freund , den er auf so seltsame Weise erworben und dem er mit auf die Füße geholfen . Dieser war auf dem besten Wege , ein gemachter Mann zu werden , insofern es sich um Befriedigung seines litterarischen Ehrgeizes handelte . Rother hinterließ daher nur einen kurzen Brief an Krastinik , worin er um Verzeihung bat , daß eine Geschäftssache ihn zu plötzlicher Abreise zwinge . Er werde bald wieder zurückkehren . Da Krastinik nicht das geringste Interesse an Kathi ' s Wohl und Wehe bekundete , sondern nur Neugierde , wie sich Rother aus der Affaire wickeln werde , so theilte dieser ihm nur ganz allgemein mit , daß die Sache sich in Wohlgefallen aufgelöst habe . » Aha , ich wußt ' es ja ! Wer droht , thut nie ' was ! « Damit hatte sich der gute Freund beruhigt . Auch war Rother viel zu vorsichtig , ihm etwa nähere Details z.B. die Wohnung der Frau Lämmers mitzutheilen . Derlei heimliche Liebesaffairen bilden einen Hang zum Versteckenspielen und steten Argwohn aus . - Zum zweiten Mal binnen so kurzer Frist landete Rother ' s lecker Kahn an der Elbemündung . Siebentes Buch . Krastinik dichtete nun frisch drauf los . Als höchstes Ideal schwebte ihm die schöne Form , das virtuose Schönreden , vor . Hier waltete ein psychologisches Gesetz ob . Denn , obschon durch innere Stürme hin-und hergerüttelt , verleugnete der Graf natürlich nie den früheren Offizier und die hocharistokratische Erbschaft des östreichischen Feudalgeistes . Der Aristokrat pflegt wie im Leben , so auch in der Kunst die Form . Seinen Standesgenossen , den Pseudo-Dichter Graf Platen bewunderte der edle Lord über Alles . So drechselte er denn an seiner markigen und bilderreichen Sprache , die wie Alles bei ihm auf den Effekt berechnet war , meist so lange herum , bis sie schwulstig und gequält wirkte . Es gehört zum guten Ton eines Mannes der guten Gesellschaft , daß er Jedermann möglichst viel Verbindliches sage . Man muß sich beliebt zu machen wissen . Krastinik bewährte auch hierin den besten Ton . Er machte jedem Litteraten den Hof und sprach über Jeden gut - aus Klugheit , wobei er natürlich Jedem verschwieg , daß er hinter seinen Rücken ebenso intim mit dessen Todfeinden verkehre . Seine angeborenen Gentleman Manieren fielen unter den Litteratenplebejern wohlthätig auf . Er übervornehmte noch die » vornehmsten « Frack-Geister , den schönen Ernst Kabel und den noch schöneren Emil Buttermann ( den Leib-Romanzier der » Berliner Tagesstimme « als Protegé der Frau Dr. Bergmann , Chef-Redactrice dieses Weltblattes ) . So führte Krastinik ordentlich die bisher dort unbekannte Gattung des Offiziers und Junkers typisch in die Dichtergilde ein , ohne indeß mit systematischem Ernst diese Theil-Aufgabe zu verfolgen , die ihm vielleicht eine feste Stellung in der Litteratur gesichert hätte . Eine besondere Zuneigung bewies dem hochgeborenen Herrn Grafen kein Geringerer , als Heinrich Edelmann . Diesen Messias der Poesie , welcher alle drei Jahre ein lyrisches Gedichtchen als epochemachende Missethat verübte , verehrte Alldeutschland als Leiter eines umfangreichen Pump-Systems . Auch die Mildthätigkeit edler Freundinnen hinter den Coulissen wirkte in wohlthätigem Halbdunkel . Seine berühmteste Leistung bildete das lyrisch-melodramatisch-symphonische Opus » Paris « , worin die Belagerung von Paris und die Kaiserproklamation mit gegenseitig auftretenden Massen-Chören in zwölftausend griechischen Tetrametern besungen wurden . Sein Aeußeres schien unheilverkündend : Er glich einem verhungerten Aasgeier . Seine Raubvogelnase , seine blutlosen schmalen Lippen , sein mangelndes Kinn , sein lauernder Blick bildeten für den Physiognomiker ein anmuthiges Ensemble , welches durch seine sauber elegante Kleidung , sowie sein liebenswürdiges und doch reservirtes Wesen , in welchem er den sinnenden Idealisten herauszubeißen strebte , nicht verdeckt werden konnte . Seine Lieblingsstellung , in welcher boshafte Aufpasser wie Schmoller und Leonhart ihn häufig mimisch abkonterfeiten , entpuppte unbewußten Selbst-Verrath . Er saß dann nämlich fromm und vornehm als Jesuitenpater am Tisch , nur hier und da ein salbungsvolles Wörtlein mit seiner stillen sanften Stimme lispelnd , und blickte die Redenden mit verklärtem Schief-Blick an , während sein Denkerhaupt halb zur Seite hing und seine Hand unterm Tisch seinen gold-umränderten Kneifer putzte . Man mußte bei dieser unterm Tisch hantirenden Hand unwillkürlich an » Mogeln « beim Kartenspiel denken . Eigentlich war er nur ein halber Mann , eine Hälfte , wie ein Siamesischer Zwilling , der mit einem andern Wesen verwachsen . Seine schönere Hälfte stellte nämlich ein Herr Rafael Haubitz vor , mit welchem zusammen er eine Serie kritischer Broschüren plante , unter dem Titel : » Die idealen Waffenbrüder . « Darin wurde ein süddeutscher Graf , der außer mehreren Millionen auch ein didaktisches Talent besaß , als Genie gepriesen ; andere Leute hingegen , deren Hand zu fest am Federhalter klebte , um » offen « zu sein , mit gebührender Verachtung bestraft . Man hätte diese Waffenbrüder sozusagen zu Fechtmeistern promoviren können , wegen unerschöpflichen Reichthums an allerlei Finten . So » fochten « sie denn rüstig weiter als wackre Handwerksburschen der parnassischen Heerstraße und erwarben sich den ehrlich verdienten Beinamen : » Die ungeschundenen Raubritter . « Wie gesagt , begrüßte Edelmann einen neuen Priester des Idealismus mit wahrer Inbrunst und bedurfte nach dem Titel » Graf « keines Beweises mehr für die Bedeutendheit desselben . Er sah ' s ihm gleichsam an der Tasche an . Da Krastinik den Wunsch aussprach , auch den Musagetes Rafael kennen zu lernen , so wurde verabredet , daß ihn Edelmann in den berühmten Verein » Drauf « führen solle , wo als Vorsitzender und Vice-Vorsitzender die