ein wenig die Kur ! Bitte , ja , kommen Sie ! Sie müssen Leapoldine wieder tüchtig moralisieren ; kein Mensch kann ' s so gut wie Sie . Thun Sie ihr und mir den Gefallen ! « Und der Baron that beiden den Gefallen . Und Raßler war über die Maßen vergnügt . Als es aber später Sticheleien hagelte , wo sich die Glatze des Kommerzienrats nur blicken ließ , und anonyme Schmäh- und Drohbriefe ins Haus schneiten , da verging ihm oft der Spaß . » Erbärmlich , « klagte er , » daß man keine Ruhe haben und nicht einmal im eigenen Hause nach seiner Façon selig werden kann ! « Frau Leopoldine selbst war , allen diesen Zwischenfällen zum Trotz , offenbar heiterer und entgegenkommender gegen ihren Gatten geworden , namentlich in jener Zeit , wo die Besuche und Aufmerksamkeiten des Barons ihren Höhenpunkt erreicht hatten . Ein besonders gutes Zeichen sah der Kommerzienrat darin , daß sie öfter als früher seine Geldbörse direkt ansprach zur Gewährung größerer Summen für Unterstützungszwecke . Raßler frohlockte , gewährte sie und begehrte nichts Näheres zu wissen . So ganz selbstlos und aus etwa angeborenem Mildthätigkeitssinn handelte dabei der Kommerzienrat freilich niemals . Er erinnerte gern an seine Gaben , als ob er fürchtete , daß man sie unterschätzen könnte , und war nicht faul , sich eine Quittung in Form von allerlei Extra-Zärtlichkeiten auszubitten . Daß die Empfängerin nicht die Nutznießerin , sondern nur die Vermittlerin seiner Wohlthätigkeit war , kümmerte ihn nicht . Frau Leopoldine machte sehr oft ganz allein längere Besuche und Spaziergänge in den Nachmittag-und Abendstunden und kam meist recht erquickt , ja lustig heim . Es lag dann etwas so tief Befriedigtes und herzhaft Wunschloses in ihrem Wesen wie bei jemand , der einen brennenden Durst gelöscht hat und noch dankbar an den Quell zurückdenkt , der ihm die köstliche Labe gewährte . Ein frohes Lebensgefühl durchdrang sie ; sie spürte ordentlich jeden Pulsschlag , jeden Atemzug wie eine Verheißung immer reicheren Glückes . Wie ein Blütenbaum in lichter Frühlingspracht , so stand sie in Blust und Duft eines verjüngten Lebens . » Schön ist sie wieder und gütig heute , mein Leo ! « lachte Raßler in sich hinein . Erst in den letzten Monaten schienen diese Solo-Ausflüge nicht mehr ganz die alte Wirkung zu haben ; Leopoldine wurde wieder nachdenklicher , grüblerischer , eine gewisse schwermütige Ruhe , ein stundenlanges Hinbrüten wechselte mit plötzlicher nervöser Erregung und Gereiztheit . Verstimmt , wortlos ging sie an ihrem Gatten vorüber . » Der Teufel verstehe sich auf dieses Abrakadabra der Weiberlaunen ! « meinte er , wenn sich Gusti in Tröstungen und Erklärungen erschöpfte . Mit Gusti schien übrigens die Gnädige nicht mehr so vertraut zu stehen . Gusti ließ sich nichts merken und schluckte den Ärger über die Zurücksetzung hinab . » Kommt Zeit , kommt Rat ; man wird mich schon wieder brauchen , « tröstete Gusti sich selbst . Der Baron gefiel ihr immer weniger . Er war ihr auch nicht spendabel genug . Gegen die Kinder blieb Leopoldine gleich gut , gleich aufmerksam . War ' s auch keine tiefinnerliche Zärtlichkeit , sondern sah ' s öfter aus wie selbstübertriebene , fest gewollte Pflichterfüllung mit einem Stich ins Herbe und Peinliche , so that es dem väterlichen Egoismus doch wohl , einen so zuverlässigen Ersah für die wirkliche Mutter gefunden zu haben , die ja zudem nur ein ziemlich reizloses Geschöpf gewesen . Außer dem Kindersegen hatte er wenig genug von ihr gehabt . Von den Freuden der Liebe , die sie ihm bereitet , war ihm nur eine dürftige Erinnerung geblieben . Und seine Erinnerungskraft ist doch gerade in diesem Punkte allezeit eine so ungewöhnliche gewesen ! Ganz natürlich : was sollte sonst seine Gedanken belasten , wenn nicht die wonnigen Genüsse des Lebens ? Die Angelegenheiten seines großen Fabrikgeschäftes ? Die ordneten sich unter der Leitung vorzüglicher Beamten von selbst . Die Verwaltung seiner Kapitalien ? Die Handhabung der Kouponschere macht keine Schwierigkeit . Die Sorge für die Familie ? Kleinigkeiten ! Beteiligung an den Angelegenheiten der Gemeinde und des Staats ? Soweit sie direkten Gewinn bringt , ist sie Sache des Geschäfts und wird , vom Direktor und seinem Stabe von Buchhaltern besorgt ; da genügt sein bloßes Mitwissen . Soweit die Gemeinde- und Staatsangelegenheiten nicht direkt gewinnbringende Geschäftssachen sind , läßt man sie überhaupt nur mit Auswahl an sich herantreten . Bei Wahlen , Ausschüssen für gemeinnützige Unternehmungen , Ehrenämtern u.s.w. läßt man die Andern für sich arbeiten und begnügt sich , seinen Namen , ab und zu auch das Repräsentations-Portemonnaie , zur Verfügung zu stellen . Bei Konsortial-Unternehmungen , wie der geplanten Isarnferbebanung , der Isarthalbahn u.s.w. , wo natürlich die Firma der Raßlerschen Eisengießerei mitparadieren muß , hat der Herr Kommerzienrat an seinem Kollegen und Nachbar Schmerold einen Zuverlässigen Wortführer und Aufklärer . Kurz , alles kann man von andern besorgen lassen und dafür Gewinn und Ehre einheimsen - nur die Genüsse des Lebens muß man selbst durchprobieren ... War sie nicht auch eine Betschwester , diese selige erste Frau , die ihm alle Franziskaner vom Kloster im Lehel auf den Hals hetzte , ihm , dem freisinnigen , heiteren Kunstmäzenas ? Nein , das rechte Weib nach seinem Herzen war sie nicht gewesen . Ihre Einbildungskraft und ihr guter und belehrsamer Wille waren besonders in bezug auf Liebesgenüsse sehr beschränkt . Auch sonst war sie in zeitgemäßer Bildung sehr zurück und gar nicht mit ihrer Nachfolgerin zu vergleichen . In einer unglücklichen Stunde schleuderte ihr Raßler das Wort an den Kopf : » Du bist ein frommes Schaf . « Und als sie bei jeder Entbindung sich geberdete , als ginge die Welt aus den Fugen und mit dem Arzt immer gleich den Pfaffen bestellte , da rief Raßler verzweiflungsvoll : » Nein , ein solches Weib zu haben , das gar nichts kann , nicht einmal ein Kind anständig auf die Welt bringen