. Aber ich habe auch zugleich für das Recht des kleinen Bruders gekämpft . Mir soll er tausendmal willkommen sein - ich werde ihn mit offenen Armen empfangen ! Gibt er doch auch meinem Dasein einen neuen Wert . Ich werde für ihn denken und sorgen dürfen ; ich will ihn bewachen als ein Kleinod , das mir mein Vater anvertraut hat . Und eine solche Aufgabe ist wohl des Lebens wert ! « » Bist du so arm an Hoffnungen für dein eigenes junges Leben , Margarete ? « Ein finsterer Blick traf ihn . » Dein Beileid brauche ich nicht - bemitleidenswert arm ist man nur , wenn man sich mit seinem Schicksal nicht abzufinden weiß , « versetzte sie schroff . » Nun , da behüte dich Gott , daß dir nicht einmal dieses schöne , thönerne Piedestal unter den Füßen zusammenbricht ! « - Ein leises Lächeln stahl sich um seine Lippen ; sie bemerkte es nicht , weil sie über die Schulter weg in den Hof hinaussah . - » Aber ich will dich ja nicht kränken , Gott soll mich bewahren ! Wir sind heute so hübsch im gleichen Schritt und Tritt gegangen - wer weiß , was uns das Morgen bringt ! Drum gib mir eine Hand , eine Freundeshand ! « Er hielt ihr die Rechte hin , und sie legte die ihre hinein , ohne Druck , ohne die geringste Bewegung auch nur der Fingerspitzen . » Hu , wie kalt , wie beleidigend kalt ! ... Nun , ein alter Onkel muß auch eine Unfreundlichkeit hinnehmen können ; dafür hat er ja die Last der Jahre und die Weisheit voraus , « setzte er mit gutem Humor hinzu und entließ die Hand aus der seinen . Er schob die Holzleiste an ihren alten Platz , verschloß den Schrank und nahm den Schlüssel an sich . » Den Zimmerschlüssel werde ich mir in diesen Tagen noch einmal ausbitten , « sagte er . » Ich bin gewiß , daß der Schreibtisch noch manches enthält , was uns die Regulierung der ganzen Angelegenheit erleichtern wird ... Und nun halte dich hier nicht länger auf , Margarete ! Ich habe es empfinden müssen , daß du bis ins Herz hinein frierst . « Gleich darauf hatte er das Zimmer verlassen . Margarete aber ging noch nicht . Sie stand in der Fensterecke und blickte über den Hof hin . Sie fror nicht ; die Zimmerkälte kühlte ihr wohlthätig die pochenden Schläfen . Drunten am Brunnen stand Bärbe und ließ Wasser in ihren blanken Eimer laufen . Die abergläubische Alte ahnte noch nicht , daß die Rolle ihrer Frau mit den Karfunkelsteinen ausgespielt war für immer ... Ja , nun war das Rätsel gelöst , das jahrelang verdunkelnd über dem Lamprechtshause geschwebt hatte ! Margarete sah hinüber nach den schneebeladenen Linden vor dem Weberhause . Dort hatte einst die » wilde Hummel « gesessen und die sogenannte » Vision « von der schneeweißen Stirn zwischen den buntseidenen Fenstergardinen gehabt . Und jetzt stand sie selbst hier oben und wußte , daß es die schöne Blanka gewesen war , die schleierverhüllt als weiße Frau gespukt hatte ... Welch ein Zauber war von dieser Gestalt ausgegangen , von diesem rosenduftenden Mädchen , das selbst den gereiften älteren Mann , den stolzen Chef ihres Vaters zu ihren Füßen gezwungen ! ... Neben ihm hatte freilich der damalige hochaufgeschossene Primaner mit dem rotwangigen Jünglingsgesicht gar nicht in Frage kommen können . Jetzt allerdings war das anders , o , so ganz anders ! Er war der Vielumworbene , dem sich selbst die stolze Schönheit , die herzogliche Nichte , zu eigen geben wollte - Margarete schrak zusammen , denn da kam er eben über den Hof her und schritt rasch nach dem Packhause . Er winkte grüßend herauf , Bärbes Kopf fuhr herum ; der Eimer entglitt ihren Händen , und das verschüttete Wasser strömte über die schützende Holzdecke des Brunnenbassins . Die alte Köchin stand , zur Salzsäule geworden , unter dem spukhaften Fenster , aus welchem das junge Menschenkind aus Fleisch und Bein auf sie herniedersah . Margarete trat zurück und zog die Vorhänge zusammen . Nun herrschte wieder jenes Dämmerlicht , das die Wände rötlich überhauchte und den spielenden Amoretten an der Zimmerdecke ein geheimnisvolles Leben verlieh . Diese pausbäckigen Lockenköpfchen da oben hatten zu verschiedenen Zeiten auf zwei schöne junge Frauen des Lamprechtshauses so schalkhaft herabgelugt , wie sie auch heute noch , unter Blumengewinden und Schleierwolken hervor , dem druntenstehenden , tiefbewegten Mädchen zublinzelten ... Die dunkelhaarige Frau hatte ihren Liebestraum hier beschlossen , die mit den goldigen Mädchenzöpfen ihn aber begonnen . Beide hatten früh sterben müssen . Ein Jahr , ein kurzes Jahr des Glückes war ihnen vergönnt gewesen ; aber wog diese Spanne Zeit nicht ein ganzes langes Leben voll Entsagung auf ? - Das junge Mädchen ballte die Hände und biß die Zähne zusammen - waren sie schon wieder da , diese qualvollen Gedanken und Empfindungen , mit denen sie rang auf Tod und Leben ? Sie hatte sich gerühmt , ihr bester Helfer sei der Kopf , und dieses Wort durfte nicht zu Schanden werden , sie mußte daran festhalten , und wenn sie dabei zu Grunde gehen sollte . Sie übernahm jetzt neue ernste Pflichten - genügte nicht auch treue Pflichterfüllung , um das Leben liebenswert zu machen ? Mußte es durchaus ein überschwengliches Glück sein ? Sie trat hinaus in den Gang und verschloß die Zimmerthüre ... Und als bald darauf der Abend hereinbrach , und es dunkel wurde in allen Gängen und Winkeln des Hauses , da hatten die Hausgeisterchen viel miteinander zu flüstern . Das alte Geschlecht der » Thüringer Fugger « stand nicht mehr allein auf zwei Augen - ein kräftiger , kraftstrotzender kleiner Nachkomme trat neben den ärmlichen , dahinwelkenden Sproß , den der alte Stamm zuletzt getrieben ; und die Kauf- und Handelsherren , die noch im Konterfei , in Reih