Land und eine Krone , ohne weiteres akzeptieren und uns dadurch danken , daß man uns verzeiht ; mißglückt es , so wird man uns über die Klinge springen lassen , um sich selber zu retten . Es kann uns den Kopf kosten ; aber ich für mein Teil finde den Einsatz nicht zu hoch . Ich bin der Ihre , Vitzewitz . « Während so an verschiedenen Punkten des Salons über die verschiedensten Themata , über die polnische Krone , Hoppenmarieken und den Volksaufstand zwischen Oder und Elbe gesprochen wurde , lag die ganze Schwere des Dienstes , zugleich die ganze Verantwortlichkeit für Gelingen oder Mißlingen dieses Abends auf den Schultern Doktor Faulstichs . Die Gräfin , nur eine alleroberste Leitung , ein letztes Ja oder Nein sich vorbehaltend , hatte alles andere mit einem leicht hingeworfenen : » Vous ferez tout cela « auf den Kirch-Göritzer Doktor abgewälzt . » Was dem Ziebinger Grafen recht ist , ist der Guser Gräfin billig . « Er hatte gehorchen müssen und auch gern gehorcht , aber doch in Bangen . Und dieses Bangen war nur allzu gerechtfertigt , übersah er die Situation , so war er eigentlich nur seiner selbst sicher , und auch das kaum . Hundert Fragen drängten auf ihn ein . Wie würde , um nur eine der nächstliegenden und wichtigsten zu nennen , das Streichinstrument- und Flötenquintett bestehen , das , die musikalischen Kräfte von Seelow und Kirch-Göritz zusammenfassend , der Leitung des jungen Guser Kantors , eines nach Tante Amelies Meinung verkannten musikalischen Genies , anvertraut worden war ? Würde Kathinka , wirklicher Deklamation zu geschweigen , die Prolog-Ottaverime auch nur fehlerfrei und ohne Anstoß sprechen können ? Würde Alceste die ganze Vorstellung nicht zu sehr als Bagatelle behandeln ? War Verlaß auf die Dienerschaften , Männlein wie Weiblein , die mit Dekorationswechsel , Bereithaltung einiger Requisiten , endlich auch mit dem Zurückziehen und Wiederfallenlassen der Gardine betraut worden waren ? Denn das Guser Theater hatte noch statt eines rouleauartigen Vorhanges den von links und rechts her zusammenfallenden Teppich . Mehr als einmal schoß dem Doktor das Blut zu Kopf und weckte die Lust in ihm , in dieser zwölften Stunde noch mit einem Demissionsgesuch vor die Gräfin zu treten ; aber im selben Augenblicke die Unmöglichkeit solchen Schrittes einsehend , richtete er sich an dem Satze auf , der in ähnlichen Lagen schon so oft geholfen hat : » Nur erst anfangen . « Übrigens erwuchs ihm , als die Not am größten war , eine wesentliche Hilfe aus dem plötzlichen Erscheinen der kleinen Eve . Diese hatte sich ihm kaum zur Verfügung gestellt , als auch schon ein besserer Geist in die Dienerschaften fuhr , die guten Grund hatten , es mit dem erklärten Liebling der Gräfin nicht zu verderben . So kam neun Uhr ; schon eine Stunde vorher waren Mademoiselle Alceste und Kathinka aus dem Salon abgerufen worden . Jetzt trat Eve an ihre Herrin heran , um ihr zuzuflüstern , daß alles bereit sei . Die Gräfin erhob sich sofort , reichte Drosselstein den Arm und schritt durch das Eßzimmer in den dahintergelegenen Theatersaal , der sich , ziemlich genau halbiert , in eine Bühne und einen Zuschauerraum teilte . In letzterem herrschte eine nur mäßige Helle , um die Gestalten auf der Bühne in desto schärferer Beleuchtung erscheinen zu lassen . Etwa zwanzig Sessel waren in zwei Reihen gestellt , in Front derselben fünf hochlehnige Stühle für die Musik , in deren Mitte , den Blick auf den Vorhang gerichtet und eine Notenrolle in der Hand , der als Kapellmeister funktionierende Guser Kantor stand , Herr Nippler mit Namen . Auf den Polstersesseln lagen Theaterzettel , die auf Veranlassung Faulstichs bei dem Buchbinder und Fibelverleger P. Nottebohm in Kirch-Göritz gedruckt worden waren und jetzt , nachdem alles Platz genommen hatte , sofort einem eifrigen Studium unterzogen wurden . Der Zettel lautete : Théâtre du Château de Guse Jeudi le 31 Décembre 1812 La représentation commencera à 9 heures . 1. Ouverture exécutée sous la direction de M. Nippler , chantre de Guse , par 3 violons , 1 flûte et 1 basse . 2. Prologue . ( Melpomène . ) 3. Début de Mademoiselle Alceste Bonnivant . Scènes diverses , prises de Guillaume Tell . Tragédie en cinq actes par Lemierre . a. Cléofé , épouse de Tell , s ' adressant à son mari : Pourquoi donc affecter avec moi ce mystère , Et te cacher de moi comme d ' une étrangère ? b. Cléofé , s ' adressant à la Garde de Gesler : Je veux voir mon époux , vous m ' arrêtez en vain etc. c. Cléofé , s ' adressant à Gesler : Quoi , Gesler ! quand j ' amène un fils en ta présence etc. d. Cléofé , s ' adressant à Walther Fürst : C ' etait-là le moment de soulever la Suisse . Tu l ' as perdu ! 4. Finale composé pour 2 violons et 1 flûte par M. Nippler . Le Sous-Directeur Dr. Faulstich Imprimé par P. Nottebohm , relieur , libraire et éditeur à Kirch-Goeritz Die Mehrzahl der Anwesenden war mit dem Studium des Zettels noch nicht bis zur Hälfte gediehen , als das Zeichen mit der Klingel gegeben wurde . Nippler klopfte mit der steifen Papierrolle auf das Podium , und sofort begannen die Violinen ihr Werk ; jetzt fiel die Flöte ein , während von Zeit zu Zeit des » Basses Grundgewalt « dazwischen brummte . Nun war es zu Ende , Nippler trocknete sich die Stirn , und die Gardine öffnete sich . Melpomene stand da . Ein » Ah ! « ging durch die ganze Versammlung , so von Herzen , daß auch einer zaghafteren Natur als der Kathinkas der Mut des Sprechens hätte kommen müssen . Ehe sie begann , fragte Rutze leise den neben ihm sitzenden Baron Pehlemann : » Was stellt sie vor ? « » Melpomene . «