Den Groll des alten Mannes über die plötzlich durchbrochene Scheidewand zwischen dem verfemten Nachbarhaus und dem bisher von ihm beherrschten Grund und Boden begriff ich deshalb vollkommen ; was aber bewog Charlotte , meinen Umgang mit der Lehrerfamilie anzufeinden ? ... Zornig sagte sie mir wiederholt ins Gesicht , sie begreife nicht , wie Herr Claudius in meine achtlosen Kinderhände den Schlüssel zu einer Thür legen könne , an welcher der öffentliche Fahrweg vorüberlaufe - eines schönen Tages werde ja wohl alles Bettelvolk den Garten überschwemmen . Sie behauptete , ich sei unleidlich hochmütig geworden , seit mir die Gelehrsamkeit mit dem Nürnberger Trichter beigebracht werde ; von dem » reizend natürlichen Heideprinzeßchen « finde sich keine Spur mehr , und meine Locken ordne ich plötzlich mit einem Schick , der auf eine bedeutende Portion Koketterie schließen lasse . Noch grimmiger und verbissener aber wurde sie , als der Musikunterricht begann . Ich traf sie oft hinter der Gartenmauer , wenn ich nach dem Schluß der Stunde rasch eintrat ; mit sprühenden Augen , aber dennoch mit fast verletzend nachlässiger Weise meinte sie stets , der kleine Vogel erfreue sich ja einer recht lauten Kehle - sie habe so im Vorübergehen einige Töne aufgefangen ; als mich aber eines Sonntagnachmittags mein Mitsänger , der junge Helldorf , bis an die Gartenthür begleitet hatte , da fuhr sie drinnen aus dem Gebüsch auf mich zu und stieß ein unauslöschliches Gelächter aus , das sie dann und wann mit einem höhnischen : » Darf man gratulieren , Fräulein von Sassen ? « unterbrach . Ich ließ sie gewähren , weil ich in Wirklichkeit ihr Wesen nicht verstand . Im übrigen beherrschte sie sich hinsichtlich des schwebenden Geheimnisses weit mehr , als ich erwartet hatte . Nur in zwei Dingen trat der erhöhte Stolz schärfer zu Tage - in dem Umstand , daß sie zu Fräulein Fliedners Verdruß bei Tisch nie anders mehr als in starrer Seide erschien , und in ihrer Verachtung des bürgerlichen Elementes . Am meisten mußte das der junge Helldorf fühlen , den Herr Claudius immer mehr in sein Haus zog . Sie behandelte ihn mit einer Kälte und Schroffheit , die mich oft erbitterte , um so mehr , als sich allmählich ein schönes , rein geschwisterliches Verhältnis zwischen ihm und mir feststellte . Zu meiner Genugthuung bot er der verletzenden Behandlung stolz die Stirne - er ignorierte die hochmütige Dame völlig ... Ich konnte das sehr oft beobachten , weil auch ich an den kleinen Theezirkeln im Hause Claudius teilnahm , und zwar stets in Begleitung meines Vaters . Zwischen ihm und Herrn Claudius bestand ein ziemlich lebhafter Verkehr . Herr Claudius kam sehr viel , was er früher nicht gethan , in die Bibliothek , und mein Vater ging oft abends hinüber in das zur Sternwarte eingerichtete Zimmer . An den Theeabenden saßen sie stets zusammen - sie schienen sich sehr gut zu verstehen ; nur berührten sie nie , so oft ich auch hinlauschen mochte , die Münzangelegenheit ... Meine Stellung zu Herrn Claudius aber wurde trotz dieses Verkehrs keine andere . Ich zog mich im Gegenteil strenger und ängstlicher als je von ihm zurück - das Geheimnis , um welches ich wußte , stand zwischen uns . Im Januar , mit Dagoberts Rückkehr , sollte ja die Angelegenheit zum Austrag kommen - war ich bis dahin freundlich oder auch nur scheinbar harmlos ihm gegenüber , wie falsch stand ich dann da , wenn ihm die Augen aufgingen ! ... Und noch etwas scheuchte mich aus seiner Nähe . Oft , wenn ich im Gespräch mit anderen plötzlich aufsah , da überraschte ich seinen Blick , wie er in einer Art von schmerzlicher Versunkenheit an mir hing ; ich wußte wohl warum - er sah immer wieder die Lüge , die meine junge Stirne befleckte . Das jagte mir das Blut in das Gesicht und stachelte aufs neue den häßlichen Trotz des Unrechts in mir auf ... Er nahm mein abweisendes Verhalten hin als etwas , das er nie anders erwartet habe . Mit keinem Worte betonte er die Vormundschaftsrechte , die ihm Ilse eingeräumt , obgleich ich wußte , daß er nach wie vor über meinem Thun und Treiben wachte und sich insgeheim sogar mit meinem selbstgewählten Lehrer in Verbindung gesetzt hatte - er hielt das Versprechen , das er Ilse gegeben , unverbrüchlich , so drückend und lästig es ihm auch mit der Zeit werden mochte . Mich überkam oft eine jähe Angst , wenn ich ihn mit seinem milden Ernst in so unantastbarer Haltung unter seinen Gästen sitzen und das in der Luft schwebende Geheimnis über seinem Haupte drohen sah - wie wird er wohl hervorgehen aus all den Enthüllungen ? So waren drei Monate vergangen . Mit Stolz sah ich auf die festen , schlanken Züge meiner Handschrift , denen ich nun auch Seele einzuhauchen wußte . Stand ich doch bereits in Briefwechsel , und zwar in einem geheimen , mit meiner Tante Christine . Sie hatte mir für die Uebersendung des Geldes in fast überschwenglicher Weise gedankt und mir angezeigt , daß sie sich nach Dresden in ärztliche Behandlung begeben und die sichere Hoffnung habe , ihre Stimme wieder zu bekommen . Ihren Versicherungen nach war ich ihre Retterin , ihr Schutzengel und das einzige Wesen , das noch Mitleid mit einer armen , schwergeprüften Frau habe - sie sprach wiederholt den heißen Wunsch aus , mich nur einmal in ihre Arme schließen zu dürfen . Diese Korrespondenz erschütterte mich dergestalt , daß ich eines Tages meinem Vater gegenüber schüchtern die unglückliche Tante erwähnte . Er fuhr empor und verbat sich das für alle Zeiten , wobei er entrüstet sagte , er begreife Ilse nicht , daß sie dieses dunkle Stück Familiengeschichte vor meinen Ohren habe laut werden lassen ... Ihre immer häufiger werdenden Briefe ängstigten mich darauf hin nicht wenig , allein ich konnte es doch nicht über das Herz bringen , sie zu ignorieren . Aber auch noch