stirnhoch über dem Vorurteil und das Herz auf dem rechten Flecke steht . Heimlich also , es ist möglich , lockte der alte Namensklang , unter dem der neue verschwinden sollte ; laut aber , das ist gewiß , sprach das Verlangen , eine getäuschte Erwartung nachträglich in Erfüllung zu bringen . Ich schätzte den Grafen mehr als jemals in seinem erweiterten staatsmännischen Wirkungskreise ; ich kannte ihn als den einzigen in meiner Umgebung , der , so rücksichtslos er sich gegen einen bösen Schein gebärdet , nicht einen Augenblick an mir gezweifelt hatte . Ich sah das Wohlgefallen des stattlichen jungen Kavaliers an meiner Hardine , und wenn ihr Herz sich dem seinigen zuneigte , warum sollten die Vorteile , welche die Eltern erstrebt hatten , am Ende nicht durch die Kinder zu erreichen sein ? Meine arglose Hardine , Du hast meine Wünsche und Bestrebungen in dieser Richtung nicht bemerkt , und heute danke ich Gott , daß Du sie nicht bemerktest . Denn als es mir klar wurde , wie des Grafen Standessinn vielleicht schwach genug war , um sich vor dem verbrieften Reckenburgschen Erbe in meines Kindes Hand zu beugen , aber zu stark , um sonder Erröten dieses Kind in ein Vaterhaus zu führen ; als ich den jungen Herrn nur in seinen Schwächen als den Sohn seines Vaters kennen lernte ; endlich aber , als ich sah , wie Hardines Lippen bei der unerwarteten Fahnenflucht lächelten , und wie sie gleich darauf den Blick vor eines anderen Blick senkte , da fiel die letzte Binde vor meinen Augen , und mindestens die eine Hälfte meines Abschlußaktes war im stillen festgesetzt . Ludwig Nordheim , mein Heimatskind , war der Enkel meines milden Freundes und der Sohn meines kräftigen Mitarbeiters ; ich hatte mit Vertrauen beider Grundlagen sich schon im Knaben zu einer heiteren Harmonie vereinigen sehen und gar wohl den Reiz eines ersten Märchenerzählers auch in einem anderen Herzen gespürt . Aber sie waren Kinder dazumal , Jahre der Entfernung , der Entfremdung vielleicht , darüber hingegangen , und als er in die Heimat zurückkehrte , war es , um Abschied zu nehmen von dem Grabe seines Vaters und , auf sich selbst gestellt , sich einen Weg durchs Leben zu schlagen . Eine tüchtige Kraft , einen frohen Willen , die treue Liebe zu der heimatlichen Flur , und - jenes Erröten meines Kindes , was brauchte ich mehr , um ihn zu fragen , ob er der alternden Frau ein Gehilfe in ihrem Tagewerke werden wolle ? Und was braucht er mehr , um ja zu sagen und manchen frischen Trieb in das sich verjüngende Gehege einzupflanzen ? Nun aber erst , in dem freudigen Zusammenspiel der Herzen , wurde es um mich her so warm und lebendig , so bunt und neu . Die Gegenwart erschien mir so lieblich ; ich mochte an die Veränderungen der Zukunft gar nicht denken . » Es hat noch Zeit , « sagte ich , zögerte von Tag zu Tage mit einem abschließenden Plan , und Gott weiß , wie lange ich noch gezögert haben würde , wenn nicht ein Strahl von außen - oder nenne ichs von oben ? - das behagliche Selbstvergessen durchbrochen hätte . Erinnerst Du Dich noch , Ludwig , des Nachmittags , es ist etwa sechs Wochen , daß Du zu mir tratest mit den Worten : » Da bringt die Zeitung den Nekrolog des berühmten Doktor Faber . Ich wußte nicht , daß er Ihr Landsmann gewesen ist , auch Ihr Zeitgenosse könnte er noch gewesen sein . Haben Sie ihn gekannt , Fräulein von Reckenburg ? « Du wurdest im nämlichen Augenblick zu einem Geschäft abgerufen , und das ersparte mir eine Antwort , für welche mir der Atem gestockt haben würde . Der erste und noch der einzige Jugendgenosse war vor mir dahingegangen ! Ich nahm das Blatt zur Hand und überlas den Artikel . Er war gestorben nach rascher Krankheit den dritten August . Der dritte August ! Ihr wißt , was dieser Tag mir bedeutete . Darf man solche Schicksalsdaten glauben ? Soll man sie als ein verwirrendes Spiel des Zufalls von sich weisen ? Entscheidets nach Eurem Gemüt aber - die Glocke schlägt eins - seltsam ! - , es ist der zwanzigste September , der Tag von Valmy , an dem ich diese Aufzeichnungen zu Ende bringe . Und weiter las ich : Der Mann , wie zwölf Jahre früher seine Gattin , war geschieden ohne Erben , ohne verwandtschaftlichen oder nahe befreundeten Zusammenhang . Kein ehrfürchtiges Gefühl wurde demnach verletzt , wenn ich Dir , Hardine , und dem , welchen Du liebtest , jetzt sagte : » Die Gattin dieses Mannes war Deines Vaters Mutter . « So hatte denn der Zauberer Tod die alten Gestalten noch einmal vor mir wachgerüttelt , und die ernsthafte vergangene Zeit drängte sich in meine heitere Gegenwart hinein . Wunderbar aber , wie sich so Bild nach Bild im Zusammenhange entrollte , da erschien mir auch das Deine , Hardine , plötzlich in einem neuen Licht . Wohl war ich durch Deinen Anblick so manches Mal an die reizende Dorothee erinnert worden . Ich sah ihren lockigen Goldscheitel auf Deinem Haupt , manchen ihrer Züge , die fragenden Kinderaugen . Aber Deine Augen fragten nach etwas anderem als die ihren , Deine Gestalt war größer , die Farbe matter und der stille Ernst der Bewegung machte das ähnelnde Bild zu einer besonderen Erscheinung . Nein , es war nicht die Enkelin Dorothees , es war einfach das Kind , das sich in das sehnende Herz genistet hatte . An jenem Abende nun sah ich in meinem Kinde - zwar auch nicht die Enkelin Dorothees - aber zum ersten Male die Enkelin des Mannes , zu dessen Erbe die alte Reckenburgerin den Stammsitz ihrer Väter neu geschaffen hatte , des Mannes , der , hätte er gelebt , der geliebten Mutter seines Sohnes in diesem Erbe