in meine Lage zu versetzen ... Einige erklärende Worte des Herrn von Hollfeld würden genügt haben , den unwürdigen Verdacht von mir zu nehmen . Ich würde dann nicht gezwungen gewesen sein , meine Ansicht über seinen Charakter und seine Handlungsweise so unumwunden auszusprechen ... Ich bedauere , daß es geschehen mußte , aber ich kann kein Jota davon zurücknehmen . « Sie küßte Helenes Hände und verließ schweigend den Pavillon . Es war ihr , als strecke Herr von Walde hastig die Hand nach ihr aus , als sie an ihm vorüberschritt , aber sie sah nicht auf . Draußen verfolgte sie den schmalen , gewundenen Pfad , der durch ein kleines Gehölz nach dem Teiche mündete ; sie schritt über den großen Kiesplatz am Schlosse vorüber und betrat den engen Waldweg , der nach dem Nonnenturme führte , ohne zu wissen , wo sie sich befand , ohne daran zu denken , daß sie sich immer weiter vom Heimwege entferne . Sie war in einer unaussprechlichen Gemütsaufregung . Wie ein Sturm brauste es durch ihr Gehirn ... Hollfelds Heiratsantrag , seine maßlose Leidenschaft , Berthas plötzliche Erscheinung am Pavillonfenster , die unbegreifliche Thatsache , daß Helene sie freudig als die Braut dessen begrüßt hatte , den sie selbst leidenschaftlich liebte , dies alles flog immer und immer wieder an ihr vorüber , und dazwischen klang schneidend das » Ja « des Herrn von Walde ... Er hätte sie also willkommen geheißen als Hollfelds Braut ... es würde ihn nicht die geringste Ueberwindung gekostet haben , sie an der Seite seines Vetters zu sehen ! ... Diese Heirat war ohne Zweifel im Familienrate beschlossen worden . Herr von Walde hatte mit kalt prüfendem Verstande das Für und Wider erwogen und war schließlich mit seiner Schwester darin übereingekommen , daß Emils Auserwählte jetzt die Geschlechtstafel derer von Hollfeld nicht mehr verunehre ; man wolle sie in Gnaden annehmen und einem Mangel der Braut , ihrer Armut , großmütig aus eigenen Mitteln abhelfen . Bei diesem Gedanken biß Elisabeth die Zähne heftig aufeinander , wie bei einem starken körperlichen Schmerze . Eine unaussprechliche Bitterkeit erfüllte ihr Gemüt , dessen tiefsinnige Neigung unverstanden zertreten worden war von jenem kalt berechnenden , eingefleischten Aristokraten ... Wie hatte sie nur hoffen können , daß er je Sympathie fühlen könne für ein warmpulsierendes weibliches Herz , für eine junge Seele , die , nach Freiheit ringend , keinen Raum gab jenen engherzigen , oft so lächerlichen Satzungen der Menschen ? ... er , der nur in Moder und Schutt alter Geschlechter den Nimbus und die Vorzüge der Frau suchte ? Sie blieb manchmal in Gedanken versunken stehen ; dann schritt sie wieder hastig , wie von ihrem Gedankenstrome getrieben , weiter , ohne zu bemerken , daß sie denselben Weg verfolgte , den sie vor wenigen Tagen an seiner Seite voll Scheu und Angst betreten hatte . Die vorstehenden Zweige der Büsche schlugen an ihre Stirn ; sie dachte nicht daran , daß er sie neulich vorsorglich weggebogen hatte , wenn sie ihr Gesicht bedrohten ... Noch war das Buschwerk eingeknickt , und abgestreifte Blätter lagen welkend am Boden , da , wo Fräulein von Quittelsdorf und Hollfeld sich Bahn gebrochen hatten zu den zwei einsam Wandelnden . Das war auch die Stelle , wo der halbvollendete Glückwunsch souffliert worden war ; Elisabeth glitt achtlos vorüber , und das war gut , denn ihr heißes Auge hatte keine Thränen , und hier war der Ort , wo sie sicher ihr ganzes Herz hätte ausweinen mögen . Endlich sah sie sich erstaunt um . Sie stand vor dem Nonnenturme . Sie war vielleicht das erste menschliche Wesen , das den Festplatz wieder betrat , seit ihn die letzten Gäste oder die müde Schloßdienerschaft neulich nachts verlassen hatte . Es sah wüst und unordentlich aus auf dem kleinen Plane , der auch nicht ein aufrechtstehendes Grashälmchen mehr zeigte ; alles war niedergetreten worden beim Tanze , der sonach kein Elfenreigen gewesen sein mochte . Die zwei Tannen , die das Marketenderzelt getragen hatten , lagen hingestreckt am Boden , auf einem Gemische von Flaschenscherben und den Ueberresten eines in der Nähe abgebrannten Feuerwerkes , und droben hingen noch die zusammengeschrumpften Guirlanden zwischen Turm und Eichen , ein leiser Luftzug strich flüsternd über die dürren Blumenhäupter , die , fest aneinander gepreßt und hoch in der Luft schwebend , über einem Zusammenflusse von Genüssen hatten verschmachten müssen . Eine leichte Dämmerung webte bereits unter den Eichen , wenn auch noch ein goldiger Schein auf ihren Wipfeln und über der grauen Zinne des Turmes gaukelte . Elisabeth fühlte plötzlich , leicht zusammenschauernd , ihr Alleinsein mitten im Herzen des todstillen , dunkelnden Waldes ; trotzdem zog es sie noch einmal unwiderstehlich nach jener Stelle , wo Herr von Walde von ihr Abschied genommen hatte . Sie schritt über den zerstampften Rasenplatz , blieb aber einen Augenblick wie festgewurzelt stehen ; denn der Abendwind trug einzelne , abgebrochene Töne einer menschlichen Stimme zu ihr herüber . Anfänglich klang es wie ein ferner , vereinzelter Hilferuf , aber allmählich reihten sich die Töne aneinander , sie kamen rasch näher . Es war eine schneidend scharfe , gellende , weibliche Stimme , die ein geistliches Lied mehr schrie als sang . Elisabeth hörte deutlich , daß das Wesen während des Singens schnell vorwärts lief . Plötzlich zerriß die Melodie und an ihre Stelle trat ein entsetzliches Gelächter , oder vielmehr ein Geschrei , das eine Skala von Hohn , Triumph und bitteren Qualen bildete . Eine schlimme Ahnung stieg in Elisabeth auf . Ihr Blick tauchte erschreckt in das Baumdunkel nach der Richtung hin , wo der Lärm sich näherte . Er verstummte in diesem Augenblicke jedoch wieder , und die Stimme begann das Lied von neuem ... jetzt aber kam sie wie im Sturmschritte heran . Elisabeth trat in die offene Thür des Turmes , denn sie mochte der wandernden Sängerin , die offenbar ein unheimliches Wesen sein mußte , nicht