Orest . » Gerade das , was Sie Koketterie zu nennen belieben : etwas Wesenloses , etwas Ungekanntes dem Sichtbaren und Handgreiflichen vorzuziehen . « » Da haben Sie sehr Unrecht , Signora ! « sagte Orest ; » als eine kleine Koketterie könnte man es sich eher gefallen lassen ; aber daß das wirklich Ihr Ernst ist - das ist unverzeihlich . « » Wie häufig mache ich meiner Tochter diesen Vorwurf ! « rief Madame Miranes . » Wozu wäre sie denn da , diese ganze reiche herrliche Welt der Sichtbarkeit , mit ihren mannigfaltigen Erscheinungen , wenn man sich nicht ihrer freuen , nicht sie bewundern und lieben , nicht sich behaglich in ihr fühlen wollte ! « rief Orest . » Das müssen Sie noch lernen ; sonst haben Sie ganz vergeblich gelebt , denn wenn Sie immerfort von Schatten singen und sagen , führen Sie ein Schattendasein - und das ist grauenhaft . Das haben Sie sich gewiß in Amerika angewöhnt , in dem Lande der Rechenexempel - nicht wahr ? Die Art von Realität war zu trocken , um Sie nicht in den Gegensatz hinein zu treiben . Ja , ja , das begreift sich ! - aber in Mailand wird das ganz anders werden , und wenn Sie auch etwas für Ihre schwärmerische Neigung tun wollen , so beziehen Sie im Frühling eine Villa am Komersee . « » Das klingt ja , als ob Sie sagten : Und wenn Sie etwas für ihre Gesundheit tun wollen , so brauchen Sie im Sommer eine Brunnenkur , « sagte Judith belustigt . » Ich werde mir Ihr Rezept überlegen . « » Nur nicht zu lange und nicht zu viel , « bat Orest . » Was sind Sie für ein oberflächlicher Mensch , Graf Orest ! « entgegnete Judith . » Für den Augenblick und von Schaum leben - das ist die Philosophie Ihrer Existenz . « » Und ist die nicht charmant ? « » Für einen Schmetterling - ja ! für einen Menschen - nein ! « » Nun möcht ' ich doch aber auch nach der Philosophie Ihres Daseins zu fragen mir erlauben . « » O ich habe keine . « » Wohlan , Signora , so werden Sie erst meine Schülerin und dann wollen wir sehen , ob Ihnen meine Schmetterlingsphilosophie , die Sie jetzt so sehr verachten , nicht ungemein zusagt . « » Es wäre möglich , daß ich sie mir aneignete ; aber es wäre unmöglich , daß sie mir genügte . « » Versuchen Sie nur erst , sie sich anzueignen und das Weitere findet sich . « » Wenn es sich aber nun nicht findet ? wenn das Dasein leer bleibt , hohl , öde ? wenn all ' die Versuche erst recht deutlich herausstellen , daß man mit ihnen nicht zum Glück gelangt ? wenn man von der vergeblichen Anstrengung doppelt müde und traurig wird - was dann , Graf Orest ? « » Nun , dann ist der Moment gekommen , um wieder zu singen : Ombra adorata ! « rief Orest mit lustigem Zorn . » Nein , Signora , vor Ihren Wenn und Aber streich ' ich die Segel und streck ' ich die Waffen . Ich bekenne mich überwunden und bin Ihr Gefangener . « » Ich dachte , das wären Sie längst , Graf Orest , « entgegnete Judith mit stillem Lächeln . » O schöne Circe ! « rief er entzückt . » Mäßigen Sie Ihr Entzücken , « entgegnete sie kühl , » und vergessen Sie nicht , daß Schauspielerei mein Handwerk ist . « » Circe erst recht ! « erwiderte Orest . - Es kamen Besuche und er ging hinweg , heimlich frohlockend über die Aussicht , Judith in Mailand zu sehen und nicht einen Augenblick bezweifelnd , daß es ihm gelingen werde , ihr Herz zu erobern . Etwas lange wird ' s dauern und etwas schwer wird ' s halten - das sehe ich schon , sprach er zu sich selbst ; aber das schadet nichts , sie ist der Ausdauer wert . All ' die leichten Eroberungen verlieren auch eben so leicht ihren Reiz und ihren Beistand , und lösen sich auf in nichts , man weiß kaum wie . Aber diese Judith mit all ' ihrer abwehrenden Kälte versteht zu fesseln ! - - Vier Wochen hatte er sie gesehen und bewundert ; das nannte der gute Orest gefesselt sein ! Für jetzt hatte er nicht mehr das Glück , sich ungestört mit ihr zu unterhalten ; er traf immer Leute bei ihr , die ihn zuweilen so unmutig machten , daß er sie gern zum Fenster hinausgeworfen hätte ; und bald darauf ging Judith nach Liverpool , um dort eines jener ungeheuern Musikfeste verherrlichen zu helfen , das die Engländer so sehr lieben und wobei Hunderte von Musikern und von Sängern während vier bis fünf Tagen täglich ungefähr zehn Stunden singen und musizieren . Vormittags werden Oratorien und Symphonien ausgeführt , Abends kleinere Musikstücke . Alle musikalischen Kräfte , die in Großbritannien einheimisch sind , und alle großen Künstler aus der Fremde , welche sich zur Season in London aufhalten , müssen in der Regel dabei mitwirken . Der Zuhörer - wenigstens der , welcher nicht die gewisse kühle Unempfindlichkeit eines englischen Ohres für Musik hat - wird dermaßen betäubt von diesem Tonmeer ohne Zusammenhang und ohne Einheitspunkt , daß er zuletzt ein gewisses harmonisches Ohrenbrausen bekommt und nicht mehr im Stande ist , eine Melodie klar aufzunehmen . Dem Engländer aber tut das nichts : er harrt doch vier bis fünf Tage auf dem Posten aus und labt sich an einem Kunstgenuß , der eine Abstumpfung der Gehörwerkzeuge bewirkt . - Während Judith ' s Abwesenheit verließ auch Graf Damian London und ging mit seinen Damen nach Schottland ; Orest ' s Urlaub war aber zu Ende und er mußte sich , statt gen Norden zu den