Es war dieser mildeste aller Priester , den sie selbst hatte weihen sehen mit Joseph Niggl und Beda Hunnius - sie hatte diese Namen so fest behalten wie die Unterscheidungslehren der Confessionen , in denen sie sechs Wochen später geprüft wurde zu ihrem Uebertritt . Heute standen keine jungen Kleriker , sondern weißgekleidete Kinder , Knaben und Mädchen , um Bonaventura . Er war es wieder , Er , ein Jahr lang die Liebe und das Entzücken der ganzen Stadt , aus der sie nun erst kam , kommen durfte ! Selten lag auch wol auf dem Antlitz eines Jünglings so viel Adel , so viel Glanz und Glorienschein schon in jungen Jahren ... Bonaventura von Asselyn , der einst angesehenen , weitverbreiteten und aus dem Friesischen stammenden Familie dieses Namens angehörend , hatte aus einer durch Familienverhältnisse , vorzugsweise ein unglückliches Ende seines Vaters und die Neuvermählung seiner Mutter , deren einziger Sohn er war ( mit dem Oberregierungsrath Friedrich von Wittekind-Neuhof ) , genährten Schwärmerei den Offizierstand , in den er , bisher Zögling der nahe gelegenen Universität , eben eintreten sollte , mit dem geistlichen Seminar vertauscht und war nach dem südlichen Deutschland gegangen , um in Kreisen strengerer und ungehinderterer Katholicität seine Bildung zu vollenden . In der Stadt , wo ihm der Bischof die Weihe gab , hätte er am Altar und im Beichtstuhl die größten Erfolge gewinnen können , aber er zog erst die Kaplanei bei seinem edeln Wohlthäter , dem Dechanten von St.-Zeno im nahen Kocher am Fall , dem Bruder seines Vaters , dann eine kleine bescheidene idyllisch gelegene Landpfarre vor . Lucinde fand dieselbe Erscheinung wie sonst , nur männlicher , fester , ernster . Sein Wuchs war schlank wie die Tanne , das Haupt leise übergebeugt , doch edel und freiblickend und auch jetzt in die mit rosigen Wolken sich säumende Ferne wie in das Jenseits schauend . Wie weich und weiß mußten diese Hände sein , die in maßvoller Bewegung die bedeutendern Gedanken seiner Rede unterstützten ! Wie schön stand dem leise gerötheten Antlitz der milde Schwärmerblick , der aus dem tiefsten Innern der Seele zu kommen schien ! Wie schien er in gläubiger Zuversicht das Ewige leibhaftig vor sich zu sehen ! Ein sinnend Haupt ! Ein edel Angesicht ! Ein Auge , das sogleich zum Herzen spricht ! Das Haar wie Rabenfedern ! Unbeschnitten So weit es strenge Priesterregeln litten ! Ein Leiden in der Miene , still entsagend ! Ein Bitteblick wie des Erlösers Flehn , Da er zum Vater sprach im Garten klagend : Lass ' diesen Kelch an mir vorübergehn ! Die Stirne rund , die Wange ein Oval ! Bald blaß , bald von der Seele Glutenstrahl Mild überhaucht mit frischen Rosenlichtern ! So leuchtend nur bei Denkern und bei Dichtern ! So stand Bonaventura einst vor des Erzählers Auge , als er sein Leben in Versen schildern wollte und , übermannt vom Stoffe , die Feder niederlegte ... Bonaventura von Asselyn sprach von dem Verstorbenen wie von einem heimgegangenen Freunde . Er nannte den alten Joseph Mevissen , dem zu Liebe , weil gerade der hier wohnte , er diese Pfarrei besonders gern gewählt , einen Führer seiner Jugend , nannte ihn den Diener seines verstorbenen und , wie alle Welt um ihn her wußte , auf einer Alpenreise so furchtbar unglücklich verkommenen Vaters . Jene Thatsächlichkeit , die in den Reden katholischer Geistlichen oft maßlos die Grenzen des Schicklichen überschreitet , die aber auch , richtig angewandt , ebenso das oft nur allzu Allgemeine der protestantischen Predigtweise vermeidet , war hier begründet durch den allgemeinen Antheil und die eigene dankverpflichtete Stellung des Redners zu dem Abgeschiedenen . Mevissen war ein armer Häusler gewesen , lebte von kleinen Arbeiten der Tischlerei , die er in jungen Jahren gelernt hatte , ehe er dem Vater Bonaventura ' s auf jener Reise folgte , von der Friedrich von Asselyn nicht wieder zurückkehrte . In leiser Andeutung und nicht etwa sein eigenes Leid zu sehr hervorstellend , kam der junge Redner auf diese allen ihn Umstehenden bekannten Vorgänge . Er pries den Antheil , die Hingebung , die Treue des Verstorbenen , die er dem Vater und dann ihm selbst bewiesen . Er sprach , angeregt von der Erinnerung an jene Zeit , wo ihm als Knaben zum ersten mal das Bild seines in einem Schneeabgrunde des großen St.-Bernhard todtgefundenen Vaters entgegentrat und seine Neigung für den geistlichen Beruf entschied , über die dunkeln Kerkerwände des Todes , über die stille Gemeinsamkeit , in der die Leiber ruhen und einst schon so in alter römischer Zeit , in den Katakomben , die Gebeine der heimlich begrabenen Märtyrer ruhten ... über den Sarg , den sich der alte Freund seiner Jugend und des ganzen Dorfes selbst gezimmert und in dem er wie in einem Bett nächtlich schon gleich manchem Heiligen geschlafen hätte ; - er verglich den Tod mit dem Schlummer , seiner Erquickung , seinen Träumen , seinem Erwachen . All diese Gedankenreihen folgten sich natürlich , ohne Prunk , mit einfachen Bildern , in jener sich auf Sprüche der Bibel und der Kirchenväter stützenden Redeweise , die den Zusammenhang des eigenen Ichs , das sich nicht vordrängen soll , mit der Lehre und den Beispielen des kirchlich Gebotenen nicht vergißt und allem Abschweifen persönlicher Einfälle durch bestimmt vorgezeichnete Formeln und Gebete ein Ende macht . Dreimal besprengte dann der Priester den Sarg mit Weihwasser , schwang über ihm das Rauchfaß , warf drei Händen voll Erde auf ihn und endete mit den Worten : Aus der Erde hast du mich gebildet ; mit Fleisch hast du mich umkleidet ; . erwecke mich wieder , mein Erlöser ! Nach dem » Amen ! « war die Handlung vorüber ; die Menge zerstreute sich ; der von Bonaventura unter den niederhängenden , weitschattenden Wallnußästen kaum bemerkte Wagen rollte weiter ; Lucinde wußte nicht , wie sie unter den Eindrücken , die ihr Inneres bestürmten , in