wie ihn seine Bekannten nannten . Seit er den Verstand verloren hatte , war er hier untergebracht worden , weil es Sloboda an Zeit fehlte , den Unglücklichen zu beaufsichtigen und zu pflegen . Denn im Gemeindehause mußte auf Kosten der Gemeinde für Kranke eine Wärterin gehalten werden , die für ihren höchst kargen Lohn verpflichtet war , zu bestimmten Stunden für die Bedürfnisse derselben zu sorgen . Eigentlich hätte Nathanael keine Wartung gebraucht . Er war der stillste , gemüthlichste , lenksamste Wahnsinnige , den es geben konnte . Wer an der baufälligen Hütte vorüberging , konnte sein blasses , immer lächelndes Gesicht entweder in der Oeffnung einer fehlenden Fensterscheibe sehen , was ganz den Anstrich hatte , als habe man statt des Glases eine menschliche Larve mit beweglichen Augen hineingeklebt , oder ihn selbst vor der lochartigen Hausthüre betrachten , wo er , einen Knüttel im Arm , Wache stand und wie ein Posten gravitätisch auf- und niederging . Er that keinem Kinde etwas zu Leide , war mit Allem zufrieden , aß und trank , wenn man ihm etwas gab , und fastete ohne Murren , wurde dies vergessen . Gewöhnlich sprach er mit sich selbst , und so wenig man auch von seinen Reden verstehen konnte , so war doch aus vereinzelten Worten und aus stets wiederkehrenden Wendungen und Gedankenbruchstücken abzunehmen , daß er des festen Glaubens lebe , seine erschlagene Frau habe ihm einen Knaben hinterassen , der beim Begräbniß der Mutter verloren gegangen sei und nun ohne Vater und Mutter elend umkommen müsse . Es wußte aber Jedermann , daß Nathanaels Frau nach kaum anderthalbjähriger Ehe ums Leben gekommen war , daß sie niemals ein lebendiges Kind geboren hatte , wohl aber etwa ein halbes Jahr vor ihrem plötzlichen Tode von einem todten Knaben entbunden worden war . An alle dem hatte bei Lebzeiten der unglücklichen Frau Niemand gezweifelt , jetzt aber durch des Irrsinnigen Reden aufmerksam gemacht , erhoben sich ganz im geheim einzelne Stimmen , welche andeutungsweise behaupteten , es sei damals bei der Entbindung von Nathanaels Frau nicht ganz nach Recht und Gerechtigkeit zugegangen ! Ihr Kind habe wohl gelebt , indeß - später sei es als todtgeboren begraben worden ! - - Solche Gerüchte liefen , wie gesagt , jetzt um , allein wer hätte Zeit , Lust und Bedürfniß gehabt , ihrem Ursprunge nachzuspüren und die Wahrheit zu ermitteln ! Die arme Frau war todt , Nathanael verrückt und sein Vater hatte mit der einzigen Tochter Kummer genug , als daß irgend einer seiner Mitbrüder ihm eines hohlen Gerüchtes wegen das Herz noch mehr hätte beschweren mögen . - Fast alle Tage besuchte der bekümmerte Vater seinen unglücklichen Sohn , um ein paar Worte mit ihm zu reden und sich von seinem elenden Hinvegetiren zu überzeugen . Stand Nathanael Wache vor der Thür , so ließ er den Vater nich in ' s Haus , denn er behauptete dann , sein Knabe sei drinnen in der Pension , werde zum vornehmen Herrn erzogen und erhalte jetzt eben Unterricht in feiner Lebensart ; wer nun da Einlaß begehre , der beabsichtige , ihn zu entführen und wieder unter die Bauern zu verstoßen . Lag dagegen das blasse Gesicht des Wahnsinnigen in der fehlenden Fensterscheibe , so durfte Sloboda eintreten und dann erzählte ihm Nathanael die Verirrung seines Kindes beim Begräbniß der Mutter . Um diese beiden fixen Ideen drehte sich nun schon seit langen Monaten der Gedankengang des Unglücklichen . - Am Tage nach Heinrichs nächtlicher Zusammenkunft mit Lips machte Sloboda seinen gewöhnlichen Besuch im Gemeindehause . Es war nach der stürmischen Schneenacht , wie dies zu Anfang Herbst oft geschieht , am Morgen wieder ganz still und warm geworden und die Sonne schien so erquickend mild , daß man hätte glauben können , der Lenz sei eben angebrochen . Nathanael lag mit dem lächelnden Gesicht im Fensterloche und sah mit den blödsinnigen , ausdruckslos gläsernen Augen auf die Haide , über deren blauschwarzem Walle die äußersten Thurmspitzen des fernen Schlosses Boberstein deutlich zu erkennen waren . » Guten Tag , Nathanael , « sagte Sloboda grüßend , » es will nochmals Sommer werden , scheint es . « » Er kommt doch nicht wieder , « entgegnete mit traurigem Kopfschütteln der Wahnsinnige , indem er das Fenster verließ , um seinem Vater bis an die Stubenthür entgegen zu gehen . Außer ihm war noch eine alte Frau in der dunstigen schmutzigen Stube , die auf der Ofenbank saß und die Spindel drehte . Ein paar Ueberreste von Dielen waren erst am Morgen aufgebrochen und in kleine Stückchen zerspalten worden , um Feuer damit anzumachen , denn das Reißig war ausgegangen und die Gemeinde hatte noch kein neues geliefert , weil der Vorstand vergessen hatte , anzuzeigen , daß alles Holz der Armen verbrannt sei . Der Fußboden des Gemeindehauses bestand daher gegenwärtig aus nacktem schwarzgrauen Lehm . Die Bewohner hatten große Löcher darin ausgehöhlt , um Kartoffelschalen und Spülicht hineinzugießen oder sie auch gelegentlich als Waschbecken zu gebrauchen . Auf den Stangen um den Ofen hingen graue Lumpen , die Schürzen und Kleidungsstücke vorstellen sollten . Auf dem gemeinsamen Tische summten gefräßige Fliegen um einen Teich verschütteter saurer Milch und um einige Stücke eisenharter Rinde von Schwarzbrod . Bänke und Schemel , denen die Beine fehlten , und welche , wenn man sich setzen wollte , erst aus allen Winkeln zusammen gesucht werden mußten , waren unsauber und fettig , da Niemand sich die Mühe gab , sie zu reinigen . In dieser ungesunden , ekelerregenden Wohnung lebte Nathanael und dieses Leben würde für ihn unerträglich gewesen sein , hätte ihn die Außenwelt überhaupt noch gekümmert . Die Nacht , welche seinen Geist umhüllte , verdeckte auch mit wohlthätigem Schleier das entsetzliche Elend seiner Umgebung . » Er kommt noch immer nicht , « sagte er zu Sloboda , seine abgemagerten , schweißig-kalten Finger in die Hand des Vaters legend . » Sie haben die Haiden durchsucht bis nach