denn er hatte auch schon gestern keine mehr gehabt und sich durchbetteln müssen . Leonhardi behauptete , des Mannes Augen seien auf seine Taschen gerichtet gewesen , er sei ein Dieb . - Ich brachte die Nachricht , der Mann wolle mit Gewalt fliegen ; da seht ihr , sagte Leonhardi , er will uns einen Streich spielen . Ich wurde also wieder zu dem Mann geschickt , ob er nicht gutwillig gehen werde , wenn man ihm ein Douceur gebe . Ich brachte die Nachricht : der Mann wolle absolut fliegen und lade die Gesellschaft bei Mondschein auf die Terrasse . Ach , sagte Leonhardi , in dem Menschen sitzt die Verzweiflung ; das ist eine dumme Geschichte in der einsamen Gegend , wo keine ordentliche Polizei ist , - dem Mann verbieten zu fliegen habe er keinen Befehl , meint der Polizeimann , sagt der Badepeter , erzählte ich . - Der gute invalide Polizeisoldat mußte kommen ; der sagte : » Lassen sie ihn , der wird nicht weit fliegen , er ist auch Invalide , es kann nicht jeder Nachtwächter in Schlangenbad sein , um sein Brot zu verdienen . « - Da haben wir ' s ! - Ein zerschoßner Kerl will da noch ungeheure Kunststücke machen ! - Alles war aufgeregt , jeder lachte darüber , aber man wollte ihn los sein . - Mit zehn Gulden geht er ab , rief ich . Die zehn Gulden waren gleich beisammen und noch mehr , jeder steuerte ungezählt bei . - Ich lief mit dem Geld zum Mann , der gar nichts davon wußte , auch so viel Geld seit lange nicht gesehen hatte . Ich konnte ihm schwer begreiflich machen , daß es sein gehöre , wenn er nicht fliegen wolle ; dies letzte begriff er vollends gar nicht , denn er ließ sich durchaus nicht vom Fliegen abhalten , was er vorher eigentlich nicht im Sinne hatte , es mußte jetzt geschehen ! Ich lief auf die Terrasse und rief , der Mann kommt , er will doch mit aller Gewalt fliegen ! - Ein großer Spektakel war da los , der Mann zog aus einem Pappkasten zwei Schläuche , blies Luft hinein , es wurden zwei Pferdchen draus , ein weißes und ein schwarzes , so groß wie Windhunde , angespannt an einen Luftballon , in dem der Amor saß , das ging in die Höhe an einem langen Bindfaden und schwebte zehn Fuß über uns , er hielt dabei eine Rede über das schwarze und weiße Pferd am Liebeswagen . Voigt sagt , diese Rede sei aus dem Plato . Als der Phaethon vom Abendwind eine Weile herumgetrieben war , wickelte der Mann den Bindfaden wieder auf , entließ die Luft aus den Gaulen und nahm mit tausend Danksagungen Abschied . - Wir alle waren sehr lustig über die Geschichte und gönnten es dem guten Mann , der durch seine Gutmütigkeit den besten Eindruck gemacht hatte . Wir sind jetzt ganz allein hier , wir machen von morgens bis abends die herrlichsten Spaziergänge , ich glaube , es wird traurig werden , wieder in mein finsteres Zimmer eingesperrt zu sein . Aber es wird doch ein angenehmer Winter sein ; die Heiraten der Geschwister werden nicht wenig zur häuslichen Glückseligkeit beitragen . Ich wundre mich , daß Du so wenig Anteil dran nimmst . Grüße Sophie von mir , und wenn Du schon in Marburg bist , so schreib ihr , daß ich alle Tag an sie denke . Bettine Liebe Schwester ! Deinen letzten Brief von Schlangenbad , in dem Du Deine baldige Abreise angezeigt , nebst der Fluggeschichte erhielt ich eine Minute später , als mein Brief an Dich abgegangen war . Ich erwarte von diesem für Dich so gütig gewesenen Sommer nun auch gute Wirkung für Deine Gesundheit , Deinen Mut und Fleiß . Was mich betrifft , so bleibe ewig beruhigt und vertraue mir ganz , daß ich in unsern engen Bund nie ein Wesen aufnehmen werde , als nur , wenn es sehr vortrefflich ist . Ich liebe und ehre Sophien zu sehr , um mehr von ihr zu sprechen ; wenn Du sie kennen wirst , liebe Bettine , so wirst Du für sie empfinden , was auch ich für sie fühle . Sie macht alles gesund und blühend , sie ist die ewige Jugend und immer ein Kind , sie ist wie ihr letzter Brief sagt , eine sehr arme Frau , aber ein unendlich reiches Kind . Wenn ich nach Frankfurt komme , will ich Dich über alles belehren und Deine Besorgnisse so aufklären , daß Du Dich über das Ganze so freuen sollst , wie ich es tue . Nur bitte ich Dich nochmals , in allen Dingen , die mich betreffen , keine Vertraute zu haben . Mit Savigny stehe ich auf einem ganz ordentlichen Fuß , wir achten uns , ohne doch daß unsere Herzen innige Mitteilungen hätten . Seine Verschlossenheit , sein Verkehr mit Gunda und Winkelmann , ohne daß ich weiß , was sie miteinander wollen , und vor allem sein Geständnis , » daß er mit Dir platterdings gar nicht existieren und keine Berührung mit Dir erträglich sei . « Dieser deutliche Widerwille gegen das , was ich auf Erden am meisten liebe , gegen Dich , dies alles hat mir mein Verhältnis mit ihm bestimmt . Ich achte ihn aber mehr als irgendeinen Menschen in der Welt ; daß er das Talent nicht hat , vertraulich zu werden , lasse ich ihn weiter nicht entgelten . Übrigens teile ich ihm nichts mehr mit , weil er stumm wie ein Ölgötze gegen mich ist , und so wäre das gut . Manchmal muß ich tief in Gedanken über ihn sitzen , denn ich habe manche kontroverse Erfahrungen an ihm gemacht , die ich zu reimen nicht imstande bin ; doch - alles ist gut und bedeutsam in der Welt , und wer weiß , wie sich dies