Je näher man diesem Städtchen kommt , je steiler werden die Abhänge des Weges . Die ganze Gegend hat einen ernstern Anstrich , man kommt in die Höhen des Schwarzwaldes , die tiefer ins Land hinein bei Vorbach , wo jene bekannten Holzschwellungen statthaben , einen fast schauerlichen Charakter gewinnen . Jetzt fuhr man an dem linken Ufer der Murg dahin und Jenny konnte sich eines leichten Schwindels nicht erwehren , wenn sie von der Höhe , auf der die Straße gebahnt ist , hinab sah in das dunkle Wasser des Bergstromes , das hart an dem Fuße der steilen Felswand hinfließt . Das ununterbrochene Steigen und Fallen des Weges brachte natürlich auch eine große Abwechslung in der Schnelle des Fahrens hervor , da die Pferde bald langsam eine Höhe hinaufstiegen , bald sie in Eile hinunterliefen , woran Richard eine unsägliche Freude zu finden schien . Endlich hatte man den höchsten Punkt der Straße erreicht , von wo sie sich zu einer Tiefe senkt , welche die Anlegung von Hemmschuhen , auch für das leichteste Fuhrwerk und selbst bei den stärksten Pferden nöthig macht . Der Kutscher stieg ab , um diese Vorkehrung zu treffen und Richard erbat sich die Erlaubniß , zwischen Jenny und Walter auf den Sitz zu steigen , um zuzusehen , wie jener die Ketten losmachte , die Räder in die Hemmschuhe hob und dann zu den Pferden zurückkehrend , dem Diener die Zügel abnahm und vorwärts fuhr . Laß mich da stehen bleiben , Jenny ! sagte der Knabe , und zusehen , wie faul die Räder nun sind ! Ach ! rief er dann , indem er sich mit der Schmetterlingsscheere in der Hand hinüberbog , als ob er sie antreiben wollte : Ich werde euch laufen lehren ! In dem Augenblick hörte man ein leises Klirren und Richard rief fröhlich : Hei , wie die Dinger nun fortfliegen ! Die Kette des einen Hemmschuhes war gerissen , das andere Rad war durch die plötzliche Bewegung des Wagens aus dem Gleise gesprungen und mit fürchterlicher Schnelle flog die Briczka der Tiefe zu , ohne daß die Anstrengungen des Kutschers etwas gegen die Schnelligkeit vermochten , mit welcher der Wagen auf die Pferde eindrang , was sie natürlich zu verdoppeltem Laufe antrieb . Ein Sturz der Pferde , ein Fehltritt nur , und der Wagen , aus der Richtung gekommen , lag zerschmettert am Fuße der Felsen in den Wellen der Murg ! Niemand , außer dem jubelnden Knaben , konnte sich es verbergen , wie drohend die Gefahr sei . Das Kind , das Kind ! schrie Jenny , als sie das Unheil bemerkte , und zog mit Walter ' s Beistand den Knaben zu sich herunter , den sie in Todesangst an sich preßte . Walter sah unverwandt auf die Pferde hin . Er hatte seinen Arm wie schützend um Jenny gelegt und sagte : Keinen Laut ! keinen Schrei ! ich beschwöre Sie ! Dann zum Kutscher gewandt : Halte die Zügel kurz , sieh nicht zur Seite ! halte die Pferde fest , halte sie fest ! und wir sind gerettet ! Aber so ruhig er sich zu scheinen zwang , seine Stimme bebte , sein Gesicht war todtenblaß , als endlich der Wagen in der Tiefe still stand , als der erschöpfte Kutscher die Zügel hängen und die Pferde stehen und sich verschnaufen ließ . Walter ' s erster Gedanke , sein erster Blick galt Jenny . Sie war leblos , aus einer kleinen Stirnwunde blutend , zurückgesunken und ihre Arme hatten den Knaben losgelassen , der sie jetzt weinend umfaßt hielt . Bei der Hast , mit der sie das Kind an sich gedrückt , hatte der eiserne Griff der Schmetterlingsscheere Jenny ' s Stirne mit so heftigem Schlage getroffen , daß er die Haut zerriß , ohne daß Jenny in der entsetzlichen Aufregung des Momentes die Verwundung oder das herabtröpfelnde Blut bemerkte . Nur des einen Gedankens , das Kind zu retten , das man ihr anvertraut hatte , war sie sich bewußt gewesen , und als mit dem Stillestehen der Pferde die furchtbare Angst von ihr gewichen , war sie , von einer in Seelenleiden durchwachten Nacht schon ohnehin angegriffen , ohnmächtig zusammengebrochen . An eine augenblickliche Hülfe war hier nicht zu denken ; kein Haus in der Nähe , und wie weit der zurückgebliebene Wagen noch entfernt sei , ließ sich nicht berechnen . Mit zitternder Hand legte Walter ein Tuch um Jenny ' s Stirne , nahm die ganz Bewußtlose in seine Arme und befahl dem Kutscher , so schnell als möglich vorwärts zu fahren , um Gernsbach zu erreichen , damit man das Nöthige für Jenny herbeischaffen könnte . Wie hatte er gewünscht , die Geliebte in seine Arme zu schließen , sie an seiner Brust zu halten ! Jetzt war sein Sehnen erfüllt und doch wie anders als er es gehofft ! Mit unaussprechlicher Liebe hingen seine Augen an Jenny ' s bleichen Zügen , er versuchte durch Reiben ihre Hände zu erwärmen , und wer schildert sein Entzücken , als ein leiser Schimmer von Röthe , ein schwacher Athemzug die Wiederkehr des Lebens anzeigten , als Jenny endlich langsam die großen dunkeln Augen aufschlug , den Knaben mit sanftem Lächeln anblickte und dann still weinend wieder an des Grafen Brust sank . Seiner selbst nicht mächtig , drückte er sie an sein Herz und erwärmte mit seinen Küssen ihre kalten Lippen . Warum weinst Du noch ? Warum küßt Dich Graf Walter ? fragte der Knabe , ungeduldig das ihm peinliche Schweigen brechend . Weil Jenny meine Braut ist , weil wir uns freuen , daß wir dem Tode entgangen sind , antwortete ihm Walter , strahlend vor Liebe und Wonne , weil nun ein schönes , glückliches Leben vor uns liegt ! Komm , Richard , komm ! Du mußt unsere Freude theilen , denn auch über Dir , geliebtes Kind ! hat die Hand des Todes geschwebt ; komm