. Vierzehntes Kapitel Am folgenden Morgen wurde er von dem Gerichtshalter zu früher Stunde geweckt . Der Mann trat mit erschrocknem Gesichte vor sein Bett , und brachte ihm stotternd die Nachricht , daß der alte Erich entflohen sei . Der Gerichtshalter hatte ihm auf Hermanns Weisung keine Fesseln anlegen lassen ; so war es ihm möglich geworden , seine Wächter , die in der allgemeinen Freude wohl auch das Ihrige zu sich genommen haben mochten , zu täuschen . Hermann ging mit dem Gerichtshalter nach dem Kerker . Das nicht recht feste Schloß war von inwendig erbrochen worden . Die Wächter , welche draußen im Vorraume gewesen waren , mußten geschlafen haben , während der Alte sein Befreiungswerk verrichtete . An der Wand stand mit Kohle fast unleserlich geschrieben , daß , was einmal mißglückte , nicht immer fehlzuschlagen brauche . Das erste war nun , den Herzog zu benachrichtigen , mit welchem unangenehmen Geschäfte sich Hermann belud , da der Gerichtshalter sich nicht vor den Herrn getraute . Hier sah Hermann den Fürsten zum ersten Male fassungslos . Er konnte kaum sprechen und seine Bewegung wurde noch größer , als er die Abreise des Oheims vernahm . Hermann mußte sich auf eine Viertelstunde entfernen , nach deren Verlauf der Fürst einigermaßen wieder zu seinem Gleichgewichte gekommen war . Er fragte nach dem Verbrecher , und befahl , als man ihm dessen Flucht meldete , daß die strengsten Maßregeln zu seiner Habhaftwerdung getroffen werden sollten . Jedoch schien es Hermann , als ob dieser Eifer nicht ganz wahr , und das Verschwinden des Schuldigen ihm das einzige Tröstliche bei der Sache sei , er begnügte sich daher , dem Gerichtshalter die sogenannten Solita anzuempfehlen , welche bekanntlich selten zum Ziele führen . Im Schlosse sah es wüst aus . Der Ball hatte bis gegen Morgen gedauert . Die Dienerschaft war erst bei Tageslicht aus den Federn gekommen . Im Tanzsaale , in den Seitengemächern , besonders im Trinkzimmer , überall zeigten sich noch die Spuren des Festes . Zum Beweise , wie weit die Zerrüttung dieses so wohlgeordneten Hauswesens gediehen sei , erzählte man sich die Neuigkeit , daß die Herzogin heute dreimal nach ihrem Frühstücke habe verlangen müssen . Nur überwachte abgespannte Gesichter begegneten einander . Dazu strömte der Regen herunter , in welchen sich das heitre Sonnenwetter umgesetzt hatte . Unter ausgespannten Schirmen stiegen die Gäste , welche nicht schon in der Nacht das Schloß verlassen hatten , schweigend-verdrießlich in ihre Wagen , und fuhren hinter zugeknöpften Ledern ab . Die Herzogin hatte sich alle Beurlaubungsvisiten verbeten ; sie entschuldigte sich mit körperlichem Unwohlsein . Als Hermann auf den Turnierplatz ging , sah er die Tapezierer mit heftiger Eile bemüht , die schon durchnäßten und halb verdorbnen Behänge von den Gerüsten zu nehmen . Die gießenden Fluten hatten die Bemalung von den Tribünen und Pfeilern abgewaschen ; sie standen mißfarbig und beschmutzt da . Von dem Pavillone war nur noch das Gerippe zu sehn . Die Herzogin war mehrere Tage hindurch für niemand , als für ihren Gemahl sichtbar . Nur der Geistliche hatte Zutritt zu ihren Zimmern und hielt fortgesetzte Andachtsübungen mit ihr . Unter den Vertrauten ging die Rede , sie mache sich über das Fest Gewissensskrupel . Von diesem schwieg jeder ; man hatte vorher zu viel davon gesprochen . Man suchte nach Gegenständen der Unterhaltung ; sie wollten sich nicht finden . Man gähnte , war übelnehmerisch , ging einander aus dem Wege . Der Arzt schrieb viel . Am verstimmtesten bezeigte sich Wilhelmi . » Ich gehe « , sagte er eines Tages zu Hermann , » meines Bleibens wird hier nicht lange mehr sein . Man muß sich nur einmal versöhnt haben , um gewiß zu werden , daß man nicht mehr füreinander paßt . « » Du wirst deine Gönner in der Krisis , welche vielleicht nahe bevorsteht , nicht verlassen « , erwiderte Hermann . » Ich werde mich immer wie ein ehrlicher Mann betragen « , sagte Wilhelmi . » Auch fällt es mir selbst schwer genug , aus diesen Wänden zu scheiden . Aber der hiesige Zustand ist ein künstlicher , man tut am besten , ihn aufzuheben . Sie haben wegen meiner Sammlungen von der Hauptstadt aus mit mir angeknüpft , wo sie jetzt alles zusammenscharren . Ich bin willens , darauf einzugehn . « Den Herzog betraf nunmehr fast Tag für Tag etwas Unangenehmes . Das Geschick schien , wie es wohl kommt , durch den Lärmen der Lustbarkeiten aus seinem Schlummer zu feindseliger Tätigkeit emporgestört worden zu sein . Es währte nicht lange , so überbrachte ihm ein Freund und Gutsnachbar , anscheinend sehr entrüstet , die letzte Nummer des vielgelesenen Provinzialblatts , worin geschrieben stand , daß bei einem neuerlich stattgefundnen feudalistisch-ritterlichen Feste der bekannte Äquilibrist und gymnastisch-akrobatische Künstler * den Preis davongetragen , und den Dank aus hoher schöner Hand empfangen habe . Namen und Ort waren zwar nicht genannt , die journalistische Halblüge enthielt aber so viele individuelle Andeutungen , daß die Beziehung sich mit Händen greifen ließ . Auch sagte der Nachbar , daß schon die ganze Gegend davon spreche . Tiefer verletzte ihn eine Entdeckung , welche den Geistlichen betraf . Dieser Mann , dessen Absichten immer unumwundner hervortraten , hatte die Verwirrung , worin sich das Schloß seit einigen Wochen befand , genützt , um etwas auszuführen , wozu ihm sonst doch wohl bei der bekannten Sinnesart seines weltlichen Herrn der Mut gebrochen hätte . Der Herzog empfing kurz nach dem Feste einen Brief angesehener protestantischer Eltern , worin diese sich bitter beklagten , daß man ihre beiden ältesten Söhne in seiner Schloßkapelle katholisch gemacht habe . Er war , wie vom Donner gerührt . Der Geistliche , sogleich zu ihm gerufen , leugnete gar nicht , und sagte mit Freimütigkeit , daß er es für die Pflicht eines Priesters halte , abtrünnige Kinder in den Schoß der allgemeinen Mutter zurückzuführen , sobald sie ein Verlangen darnach empfänden