alle ihre Rechte ; sie bemächtigt sich derselben und mißbraucht sie , um gewisse äußere , sittliche oder unsittliche , augenblickliche Vorteile im bürgerlichen Leben zu erreichen . Literatur ist das Fragment der Fragmente ; das wenigste dessen , was geschah und gesprochen worden , ward geschrieben , vom Geschriebenen ist das wenigste übriggeblieben . In natürlicher Wahrheit und Großheit , obgleich wild und unbehaglich ausgebildetes Talent ist Lord Byron , und deswegen kaum ein anderes ihm vergleichbar . Eigentlichster Wert der sogenannten Volkslieder ist der , daß ihre Motive unmittelbar von der Natur genommen sind . Dieses Vorteils aber könnte der gebildete Dichter sich auch bedienen , wenn er es verstünde . Hiebei aber haben jene immer das voraus , daß natürliche Menschen sich besser auf den Lakonismus verstehen als eigentlich Gebildete . Shakespeare ist für aufkeimende Talente gefährlich zu lesen ; er nötigt sie , ihn zu reproduzieren , und sie bilden sich ein , sich selbst zu produzieren . Über Geschichte kann niemand urteilen , als wer an sich selbst Geschichte erlebt hat . So geht es ganzen Nationen . Die Deutschen können erst über Literatur urteilen , seitdem sie selbst eine Literatur haben . Man ist nur eigentlich lebendig , wenn man sich des Wohlwollens andrer freut . Frömmigkeit ist kein Zweck , sondern ein Mittel , um durch die reinste Gemütsruhe zur höchsten Kultur zu gelangen . Deswegen läßt sich bemerken , daß diejenigen , welche Frömmigkeit als Zweck und Ziel aufstecken , meistens Heuchler werden . » Wenn man alt ist , muß man mehr tun , als da man jung war . « Erfüllte Pflicht empfindet sich immer noch als Schuld , weil man sich nie ganz genug getan . Die Mängel erkennt nur der Lieblose ; deshalb , um sie einzusehen , muß man auch lieblos werden , aber nicht mehr , als hiezu nötig ist . Das höchste Glück ist das , welches unsere Mängel verbessert und unsere Fehler ausgleicht . Kannst du lesen , so sollst du verstehen ; kannst du schreiben , so mußt du etwas wissen ; kannst du glauben , so sollst du begreifen ; wenn du begehrst , wirst du sollen ; wenn du forderst , wirst du nicht erlangen ; und wenn du erfahren bist , sollst du nutzen . Man erkennt niemand an als den , der uns nutzt . Wir erkennen den Fürsten an , weil wir unter seiner Firma den Besitz gesichert sehen . Wir gewärtigen uns von ihm Schutz gegen äußere und innere widerwärtige Verhältnisse . Der Bach ist dem Müller befreundet , dem er nutzt , und er stürzt gern über die Räder ; was hilft es ihm , gleichgültig durchs Tal hinzuschleichen . Wer sich mit reiner Erfahrung begnügt und darnach handelt , der hat Wahres genug . Das heranwachsende Kind ist weise in diesem Sinne . Die Theorie an und für sich ist nichts nütze , als insofern sie uns an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht . Alles Abstrakte wird durch Anwendung dem Menschenverstand genähert , und so gelangt der Menschenverstand durch Handeln und Beobachten zur Abstraktion . Wer zuviel verlangt , wer sich am Verwickelten erfreut , der ist den Verwirrungen ausgesetzt . Nach Analogien denken ist nicht zu schelten ; die Analogie hat den Vorteil , daß sie nicht abschließt und eigentlich nichts Letztes will ; dagegen die Induktion verderblich ist , die einen vorgesetzten Zweck im Auge trägt und , auf denselben losarbeitend , Falsches und Wahres mit sich fortreißt . Gewöhnliches Anschauen , richtige Ansicht der irdischen Dinge ist ein Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes . - Reines Anschauen des Äußern und Innern ist sehr selten . Es äußert sich jenes im praktischen Sinn , im unmittelbaren Handeln ; dieses symbolisch , vorzüglich durch Mathematik , in Zahlen und Formeln , durch Rede , uranfänglich , tropisch , als Poesie des Genies , als Sprichwörtlichkeit des Menschenverstandes . Das Abwesende wirkt auf uns durch Überlieferung . Die gewöhnliche ist historisch zu nennen ; eine höhere , der Einbildungskraft verwandte ist mythisch . Sucht man hinter dieser noch etwas Drittes , irgendeine Bedeutung , so verwandelt sie sich in Mystik . Auch wird sie leicht sentimental , so daß wir uns nur , was gemütlich ist , aneignen . Die Wirksamkeiten , auf die wir achten müssen , wenn wir wahrhaft gefördert sein wollen , sind : vorbereitende , begleitende , mitwirkende , nachhelfende , fördernde , verstärkende , hindernde , nachwirkende . Im Betrachten wie im Handeln ist das Zugängliche von dem Unzugänglichen zu unterscheiden ; ohne dies läßt sich im Leben wie im Wissen wenig leisten . » Le sens commun est le Génie de l ' humanité . « Der Gemeinverstand , der als Genie der Menschheit gelten soll , muß vorerst in seinen Äußerungen betrachtet werden . Forschen wir , wozu ihn die Menschheit benutzt , so finden wir folgendes : Die Menschheit ist bedingt durch Bedürfnisse . Sind diese nicht befriedigt , so erweist sie sich ungeduldig ; sind sie befriedigt , so erscheint sie gleichgültig . Der eigentliche Mensch bewegt sich also zwischen beiden Zuständen ; und seinen Verstand , den sogenannten Menschenverstand , wird er anwenden , seine Bedürfnisse zu befriedigen ; ist es geschehen , so hat er die Aufgabe , die Räume der Gleichgültigkeit auszufüllen . Beschränkt sich dieses in die nächsten und notwendigsten Grenzen , so gelingt es ihm auch . Erheben sich aber die Bedürfnisse , treten sie aus dem Kreise des Gemeinen heraus , so ist der Gemeinverstand nicht mehr hinreichend , er ist kein Genius mehr , die Region des Irrtums ist der Menschheit aufgetan . Es geschieht nichts Unvernünftiges , das nicht Verstand oder Zufall wieder in die Richte brächten ; nichts Vernünftiges , das Unverstand und Zufall nicht mißleiten könnten . Jede große Idee , sobald sie in die Erscheinung tritt , wirkt tyrannisch ; daher die Vorteile , die sie hervorbringt , sich nur allzubald in Nachteile verwandeln .