Indessen du willst daß ich ernsthaft von der Sache spreche , und ich gehorche um so williger , da vielleicht am Ende doch ein Resultat herauskommen dürfte , das die Mühe des Weges bezahlt , auf welchem wir es gefunden haben . Vor allen Dingen also wollen wir uns erinnern , daß die Wörter gut und böse ( wie alle andern , welche irgend eine Beschaffenheit oder Eigenschaft , die wir den Dingen zuschreiben , bezeichnen ) immer von solchen Gegenständen gebraucht werden , welche nur in ihrer Beziehung auf uns , d.i. unserm Gefühl , unsrer Einbildung oder unserm Urtheil nach , gut oder böse sind . Alles was ist , mag an sich sehr gut seyn ; aber das braucht uns nicht zu kümmern , denn es kann uns nichts helfen . Wir haben bloß zu fragen : ob ein Ding uns gut oder böse sey ? das ist , ob es uns wohl oder übel bekommen werde . Der Krokodil ist in der Leiter der Naturwesen was er seyn soll , und also in seiner Art so gut als ein anderes Thier ; aber für die Anwohner des Nils ist er ein sehr schlimmer Nachbar . Die Frage , » was ist für den Menschen gut oder böse , « ist also immer eine mehr oder minder verwickelte Aufgabe , bei deren Auflösung das meiste auf Ort , Zeit und Umstände ankommt . Dasselbe Wasser , das in Fässern und Krügen dem Seefahrer unentbehrlich ist , taugt nichts im Schiffraum ; dasselbe Feuer , das auf dem Herde gut ist unsre Speisen zu kochen , würde in einer angefüllten Scheune großes Unglück anrichten ; eben derselbe Trank ist dem Kranken Arznei , dem Gesunden Gift ; oder in dieser Krankheit in kleiner Gabe heilsam , in einer andern , und in größerer Portion genommen , tödtlich . Ich zweifle sehr , oder ich behaupte vielmehr für gewiß , daß man mir im ganzen Umfang der Natur , selbst unter den nützlichsten und unentbehrlichsten Dingen kein einziges nennen könne , das auf andere Weise als unter gewissen Bedingungen und Einschränkungen gut für uns ist . Das Nämliche gilt von allen Beschaffenheiten , Natur- und Glücksgaben , die dem Menschen beiwohnen , wie von allen Lagen und Zuständen , worin er sich befindet . Vollkommene Gesundheit ( ein so hohes Gut , daß ein König , wenn er von den natürlichen Strafen der Unmäßigkeit gefoltert wird , sie mit der Hälfte seines Reichs zurückzukaufen wünscht ) ist für den , der sie mißbraucht , eines der größten Uebel . Schönheit , Witz , Talente , Reichthum , hohe Ehrenstellen , Macht , Scepter und Kronen , wie oft haben sie schon ihre Besitzer ins tiefste Elend und Verderben gestürzt ? Ist doch sogar das Leben , die erste Bedingung alles Genusses , selbst nur bedingungsweise ein Gut , und wird täglich von vielen Tausenden entweder aus Pflicht oder zu Befriedigung dieser oder jener Leidenschaft in die Schanze geschlagen ! Sogar Wahrheit , Gerechtigkeit , Weisheit und Tugend , wie schön und gut sie sich in der Idee dem Verstande darstellen , sind doch nicht unter allen Umständen und Beziehungen , für jeden Menschen in jeder Bedeutung des Worts , gut . So ist , z.B. nicht gut die Wahrheit zur Unzeit oder auf eine ungeschickte Art zu sagen ; so ist nicht jedem gut , alles Wahre zu wissen ; so ist möglich , daß ein gerechter Richter mir Unrecht thut , indem er mich nach einem gerechten Gesetze verurtheilt ; so ist das höchste Recht zuweilen Unrecht ; so gibt es keine Tugend , die für den , der sie ausübt , nicht entweder durch irgend einen äußerlichen Umstand oder durch seine eigene Schuld zu einer Quelle von wirklichen Uebeln für ihn selbst und andere werden könnte ; so kann was an dem einen Weisheit ist , an einem andern Thorheit seyn , u.s.w. Wenn nun alles , was die Menschen gut nennen , nur unter gewissen Umständen und Einschränkungen , also nur durch rechten und weisen Gebrauch wirklich gut für uns ist ; wenn das Gute unter gewissen Bedingungen zum Uebel , und aus gleichem Grunde , das Böse zum Gut werden kann : wird nicht , aller Wahrscheinlichkeit nach , eben dasselbe von jedem höhern , und so endlich auch von dem höchsten Gute gelten ? Klingt es aber nicht widersinnig , daß das höchste Gut , bei veränderten Personen und Umständen , das höchste Uebel seyn könnte ? Die bisherige Betrachtung scheint uns das glänzende Phantom , dem wir nachgehen , immer weiter aus den Augen gerückt zu haben . Lass ' uns versuchen , ob wir ihm vielleicht auf einem andern Wege wieder näher kommen werden . Wir suchen das höchste Gut des Menschen . Die erste Frage müßte also seyn : was ist der Mensch ? Die Natur stellt lauter einzelne Menschen auf , und es fehlt viel , daß diese nichts als gleichlautende Exemplarien eines und ebendesselben Originals seyn sollten . Der Mensch ist also entweder bloß ein collectives Wort für die sämmtlichen einzelnen Menschen , vom ersten Paar , das aus dem Schooß der Erde oder des Wassers hervorging , bis zu den letzten , die das Unglück oder Glück haben werden , die nächste , unsrer Welt von den Pythagoräern geweissagte , Verbrennung zu erleben182 , - oder es bezeichnet einen idealischen Koloß , der aus dem , was alle Menschen gemein haben , gebildet ist , und wovon , nach Plato , der bloße Schatten durch die Ritzen unsers Kerkers in unsre Seele fällt , indeß das Urbild selbst in der intelligibeln Welt der Platonischen Ontoos Ontoon183 wirklich vorhanden ist . Da ein bloßer Schatten , zumal der Schatten eines bloß intelligibeln Dinges , ein gar zu dünnes , leeres und flüchtiges Unding ist , um ein brauchbares Resultat zu geben , so werden wir uns wohl an den ersten Begriff halten müssen , der als eine Prosopopöie184 des