– nun kann er mich nicht mehr vernehmen . « In Wilicza selbst herrschte inzwischen eine dumpfe gewitterschwüle Atmosphäre , die sogar von der Dienerschaft empfunden wurde . Seit Herr Nordeck gestern abend in Begleitung der Gräfin Morynska von der Grenzförsterei zurückgekehrt war , herrschte Sturm in den oberen Regionen des Schlosses – die Anzeichen verrieten es nur zu deutlich . Die junge Gräfin hatte noch an demselben Abend eine Unterredung mit ihrer Tante gehabt , seitdem aber ihr Zimmer noch nicht wieder verlassen . Auch die Fürstin wurde wenig sichtbar , und wenn es geschah , so war ihr Aussehen derart , daß die Dienerschaft es für gut hielt , so wenig wie möglich in ihre Nähe zu kommen ; sie kannte diese gerunzelte Stirn und diese fest zusammengepreßten Lippen bei der Gebieterin und wußte , daß sie nichts Gutes verkündeten . Selbst Waldemar zeigte nicht die gewohnte kalte Ruhe , die er gerade dann nach außen hin zu bewahren wußte , wenn es in seinem Innern am heftigsten stürmte . Vielleicht trug die zweimalige Abweisung die Schuld daran , welche er im Laufe des Tages von Wanda hatte erfahren müssen . Es war ihm nicht gelungen , sie wieder zu sehen seit der Minute , wo er sie , erschöpft von der Aufregung und dem Blutverlust , halb ohnmächtig in die Arme seiner Mutter gelegt . Sie weigerte sich , ihn zu sehen , und doch wußte er , daß sie nicht ernstlich krank war . Der Arzt hatte ihm wiederholt versichert , die Wunde der Gräfin sei in der That gefahrlos und werde ihr morgen schon gestatten , nach Rakowicz zurückzukehren , wenn er sich ihrem Verlangen , dies auf der Stelle zu thun , auch habe widersetzen müssen . Es blieb dem jungen Gutsherrn freilich nicht viel Zeit , sich mit seinen eigenen Angelegenheiten zu beschäftigen , denn von außen her stürmte alles mögliche auf ihn ein . Die Leiche des Försters wurde nach Wilicza gebracht , bei welcher Gelegenheit man erst das Entweichen des gesamten Forstpersonals entdeckte . Die Försterei mußte unter andre Aufsicht gestellt und die nötigen Maßregeln zur Sicherheit und zum Schutze des einstweilen dorthin gesendeten Inspektors Fellner getroffen werden . Alles hatte Waldemar selbst zu leiten und anzuordnen . Schließlich kam noch Assessor Hubert und quälte ihn mit Vernehmungen , Protokollen und Ratschlägen so lange , bis er die Geduld verlor und zu dem bewährten Mittel seiner Mutter griff , um sich den unbequemen Beamten abzuschütteln , aber kaum war er den Assessor und seine Verschwörungsgeschichten los , so kamen andre Anforderungen . Man hatte jetzt auch in L. erfahren , wie es drüben bei den Insurgenten stand und daß die nächsten Tage aller Wahrscheinlichkeit nach Kämpfe in unmittelbarer Nähe der Grenze bringen würden . Infolgedessen war der Befehl ergangen , die Grenzbesatzung bedeutend zu verstärken , um auf alle Fälle das diesseitige Gebiet zu schützen und vor Verletzungen zu bewahren . Eine starke Militärabteilung zog durch Wilicza , und während die Mannschaften auf einige Stunden im Dorfe Halt machten , sprachen die Offiziere , die den Gutsherrn persönlich kannten , im Schlosse ein . Die Fürstin blieb natürlich unsichtbar , wie sie es stets den Gästen ihres Sohnes gegenüber war , seit dieser sich offen gegen sie und die Ihrigen erklärt hatte , und so mußte Waldemar denn allein die Ankömmlinge empfangen ; ob er in der Stimmung dazu war , danach fragte niemand . Es galt den Fremden eine ruhige , unbewegte Stirn zu zeigen , damit sie nicht noch mehr von der Familientragödie erfuhren , als sie ohnedies schon wußten . Sie kannten ja die Rolle , welche der Bruder und der Oheim des Schloßherrn in dem Aufstande spielten , die Stellung des Sohnes der Mutter gegenüber ; das alles war ja Tagesgespräch in L. , und Waldemar empfand schwer genug die Rücksicht , mit der man sich bemühte , in seiner Gegenwart jede Hindeutung darauf zu vermeiden und den ganzen Aufstand nur insofern zu berühren , als man eben nur die neuesten militärischen Maßregeln auf deutscher Seite besprach , die dadurch hervorgerufen wurden . Endlich , spät am Nachmittag , zog das Detachement ab , um noch vor Einbruch der Dunkelheit die angewiesenen Posten an der Grenze zu erreichen . Und nun kam zuletzt noch Doktor Fabian , der nunmehrige Bräutigam und künftige Professor , mit seiner doppelten Neuigkeit , für die er doch auch bei seinem ehemaligen Zögling Teilnahme und Interesse beanspruchte , und zwang diesen , sich um fremdes Glück zu kümmern , wo er das seinige rettungslos in Trümmer gehen sah – es gehörte in der That eine so stählerne Natur wie die Nordecks dazu , um dem allem mit dem Anscheine äußerer Ruhe standzuhalten . Es war am zweiten Tage nach jenem Ereignisse auf der Försterei , zu noch sehr früher Stunde . Die Fürstin war allein in ihrem Salon ; man sah es ihrem Gesicht an , daß von einer Nachtruhe bei ihr nicht viel die Rede gewesen war . Der graue Nebelmorgen draußen vermochte es nicht , das hohe düstere Gemach vollständig zu erhellen ; der größte Teil desselben blieb in Schatten gehüllt , nur das Kaminfeuer warf seinen unruhig flackernden Schein auf den Teppich und auf die Gestalt der Fürstin , die in unmittelbarer Nähe saß . In finsteres Nachsinnen verloren , stützte sie den Kopf in die Hand . Was sie vorgestern abend erfahren hatte , das wühlte und arbeitete immer noch in ihrem Innern ; die Frau , die es sonst so ausgezeichnet verstand , sich auf den Boden der Thatsachen zu stellen und mit denselben zu rechnen , konnte diesmal nicht damit fertig werden , Also es war umsonst gewesen . Die Schonungslosigkeit , mit der sie ihrer Nichte damals das eigene Innere enthüllte , um ihr eine Waffe gegen die entstehende Leidenschaft in die Hand zu geben , die monatelang so streng und unverbrüchlich festgehaltene Trennung , die letzte Unterredung in Rakowicz – alles umsonst ! Vor