» Verloren ? « Die junge Frau sah nicht auf , sie beugte sich tief über den sprudelnden Quell , als sie kaum vernehmbar hinzusetzte : » Du bist ja frei geblieben , Robert , und ich – bin es wieder geworden ! « » Aber du bist eine andere geworden , Friedel , eine ganz andere , « sagte er herb . » Wie du es verlernt hast , die Heimat zu lieben , so hast du auch kein Herz mehr für mich . Damals , bei unserer letzten Begegnung in Korfu , hätte ein Wort von dir unser beider Schicksal entschieden . Ich harrte darauf . Du sahst es , aber du gingst und ließest mich zum zweitenmal allein . « » Nun , so bin ich jetzt gekommen ! « Sie hatte sich emporgerichtet und in den dunklen Augen standen heiße Thränen . » Ich kam freilich in Todesangst , aber ich kam ja doch zu dir ! « » Zu mir ? « Adlau stutzte und sah sie einen Augenblick lang verständnislos an , dann aber erriet er die Wahrheit . » Du wußtest also – du hattest erfahren – ? « » Von deinem Sturze , ja . Der Vater schrieb mir , du seiest schwer verwundet , es sei alles zu fürchten ; da faßte mich die Angst , die Verzweiflung . Ich ließ mich nicht halten , sondern flog hierher . O , es waren furchtbare Stunden und Tage , aber gleichviel – ich wollte zu dir ! « Sie lehnte in ausbrechendem Weinen ihr Haupt an seine Schulter , er hatte ja längst schon die Arme ausgestreckt und sie stürmisch an seine Brust gezogen . Da versiegten denn die Thränen bald . » Friedel ! « Die Stimme Roberts bebte , aber sie klang in vollster Innigkeit . » Friedel , wir können ja doch nicht voneinander lassen , wir haben es oft genug erprobt ! Du und ich , wir gehören nun einmal zusammen , nun , so wollen wir es auch zusammen suchen , was noch keiner von uns allein gefunden hat – das Glück ! « Friedel antwortete nicht , sie schmiegte sich nur fester in seine Arme . Zu ihren Füßen rauschte und rieselte der Quell und wieder klang es empor , wie leises Flüstern , wie ein verhallendes Echo – das Glück ! Das Glück ! Geheimrat Rottenstein saß noch auf der Veranda mit seinem Gaste und sah nach der Uhr : nun , meinte er , könne die Sache im Reichenauer Forst endlich erledigt sein . Wellborn , der sich die unbegreifliche Sorglosigkeit des Vaters nicht erklären konnte , war längst unruhig geworden über das lange Ausbleiben der jungen Frau . Er behauptete , es müsse ihr im Walde etwas passiert sein , und machte eben zum zweitenmal den Vorschlag , Nachforschungen anzustellen . » Ist gar nicht nötig , da kommen sie schon ! « rief der alte Herr und wies auf das Gitterthor , wo soeben die Vermißte erschien , aber nicht allein . » Gott sei Dank ! « sagte Wellborn . » Aber Herr Adlau ist auch dabei – natürlich , er ist ja Ihr nächster Gutsnachbar . « » Ja , ich finde das auch ganz natürlich , aber jetzt entschuldigen Sie mich ! « rief der Geheimrat , indem er mit jugendlicher Rüstigkeit aufsprang und die Stufen hinabeilte , den Ankommenden entgegen , Wellborn erhob sich gleichfalls und schickte sich an , zu folgen . Er fand es auch › ganz natürlich ‹ , daß Elfriede in die weit ausgebreiteten Arme des Vaters flog und sich an seine Brust warf , aber dann kam etwas , das er › merkwürdig ‹ fand . Der alte Herr wandte sich zu Adlau und streckte ihm die Hand hin , aber dieser umarmte ihn ohne weiteres und küßte ihn herzhaft auf beide Wangen . Das schien ja eine sehr intime Freundschaft und Nachbarschaft geworden zu sein , ob die gnädige Frau wohl damit einverstanden war ? Ferdinand setzte eben den Fuß auf die Treppe , da – da legte dieser Freund und Nachbar urplötzlich den Arm um die gnädige Frau und küßte sie , hier im offenen Garten , am hellen Mittage , und sie schien ganz einverstanden damit ! Der junge Mann stand da wie eine Salzsäule . Er begriff überhaupt etwas schwer , bei diesem Anblick aber hörte sein Begriffsvermögen vollständig auf . Doch schon in der nächsten Minute ward ihm die Erklärung dafür , denn die laute , fröhliche Stimme des alten Herrn tönte bis zu ihm herüber : » Also verlobt habt ihr euch , Kinder ? Das dachte ich mir , weil die Geschichte so lange dauerte , und eine Ueberraschung war das gar nicht für mich ! Ich saß bereits seit einer halben Stunde auf der Veranda und wartete auf das Brautpaar . Aber eine Freude habt ihr mir gemacht , eine wahre Herzensfreude ! « Er breitete die Arme aus , und nun fing das Umarmen wieder an . Dem unglücklichen Ferdinand wurde es ganz schwarz vor den Augen . Er hatte gerade noch so viel Besinnung , sein Wetterglas vom Tisch zu raffen und damit in den Hausflur zu flüchten , der glücklicherweise auf der anderen Seite wieder hinaus und in den Hintergarten führte . Wie er eigentlich durch diesen Garten und hinausgekommen war , das wußte Wellborn dann selbst nicht . Er stand auf einmal am Ufer eines kleinen Baches , der lustig plätschernd zwischen Weinbergen dahineilte , und starrte wie geistesabwesend auf sein Wetterglas , das er krampfhaft festhielt . Dieses schändliche Glas wollte noch immer die günstige Vorbedeutung aufrecht erhalten , es stand unverrückt auf » Schön Wetter « . Da packte den jungen Mann die Wut . » Du bist falsch , wie der , der dich erfunden hat , grundfalsch ! « brach er ingrimmig aus . » Und sie ist auch falsch , die ganze Welt ist es !