auch mit einer ihm sonst fremden Art von Poltern hinzu . „ Diese bornierten Handwerkerköpfe haben in meiner Abwesenheit Alles verkehrt gemacht ; sie haben mich und meine Intentionen nicht begriffen , und was sie in einer vollen Woche zusammengekleistert und ‑ genagelt haben , das mußte heruntergerissen und in Zeit von zwölf Stunden neu hergestellt werden . Nun haben wir den Lärm und die beispiellose Hetzerei bis auf den letzten Moment , wo die Gardine in die Höhe gehen soll . “ Er stieg die Stufen herab , langsam und zögernd , als schwimme bereits Alles wieder vor seinen Augen . „ Soll ich zurückgehen und Dir ein Glas Selterswasser holen ? “ fragte sie , auf der Schwelle stehenbleibend . „ Oder wäre es nicht besser , den Arzt zu holen ? “ „ Nein – ich danke Dir , Käthe , “ versetzte er in seltsam weichem Tone , und sein feuchter Blick überflog schimmernd , wie messend das schlanke Mädchen , das seiner Besorgniß so ungekünstelt Ausdruck gab . „ Uebrigens irrst Du sehr , „ wenn Du meinst , Bruck sei so leicht erreichbar . Der läßt sich von seiner Praxis hetzen bis zum letzten Augenblick ; ich glaube , man wird ihn übermorgen vom Krankenbette zur Trauung holen müssen . “ Ein sarkastisches Lächeln , als mache er sich innerlich über die ganze Welt lustig , flog über seine Lippen . „ Das beste Mittel habe ich selber “ – sagte er gleich darauf – „ meinen kühlen Turmkeller . Ich bin eben im Begriffe , hinüberzugehen und die Weine für heute Abend herauszugeben ; die frische Kellerluft wird wirken wie eine kühlende Kompresse . “ Käthe knüpfte die Hutbänder unter dem Kinne fester und trat heraus auf die Thürstufen . „ Und Du gehst noch in die Mühle ? Hoffentlich nicht weiter ? “ meinte er , nach seiner Uhr sehend ; diese einfache Frage klang so nachlässig hingeworfen , und doch kam es Käthe vor , als stocke der Athem dabei . Die Stufen herabsteigend , sagte sie ihm , was sie nach der Mühle führe , dann ging sie mit einem freundlichen Kopfneigen über den Kiesplatz , während der Kommerzienrat die Richtung nach dem Turme einschlug . Hinter dem ersten Strauche des nächsten Boskets sah sie noch einmal unwillkürlich nach ihm hinüber ; er war unverkennbar leidender , als er eingestehen mochte . Schon wieder ging er zögernd , wie mit einknickenden Knieen ; er hatte den Hut in den Nacken geschoben , als stürme ihm die Fieberglut abermals nach dem Kopfe , und seine Augen irrten ziellos über den Park hin . Jetzt brauste es auch ihr durch das Gehirn ; ein dunkles Angstgefühl überkam sie . Der kranke Mann mit dem unsicheren Gebahren allein im Turmkeller ! Wie ein Fiebergespenst jagte der grauenhafte Gedanke , der sie einst angesichts der Ruine gepackt , an ihr vorüber . „ Ich bitte Dich , Moritz , sei vorsichtig mit dem Kellerlicht ! “ rief sie ihm angstvoll zu . War er zu tief im Nachgrübeln versunken gewesen , oder hatte sich bereits jene nervöse Reizbarkeit seiner bemächtigt , die vor jeder lauten Menschenstimme erschrickt : er fuhr wild empor , als habe ihn ein Schuß getroffen . „ Was willst Du damit sagen ? “ rief er heiser zurück . „ Wie ? Siehst Du Gespenster am hellen Tage , Käthe ? “ setzte er gleich darauf hinzu ; er brach in ein schallendes Gelächter aus , das etwas tief Beschämendes für die jugendliche Warnerin hatte , und verschwand mit einem spöttisch grüßenden Handwinken und sehr stramm gewordener Haltung im nächsten Laubgange . Kaum eine halbe Stunde später ging Käthe am Flusse hin . Die Geschäfte waren erledigt , und so viel Zeit blieb ihr noch , verstohlen das alte , liebe Doktorhaus wiederzusehen . Wie schlug ihr das Herz , als sie durch das bewegliche Laub der Uferbirken die in der Sonne glühenden Wetterfahnen flimmern sah ! Wie erschrak sie bei jedem verrätherischen Knirschen des Sandgerölles unter ihren Füßen ! Sie kam wie eine Vertriebene , die einen letzten Blick in das gelobte Land werfen will . Und nun lehnte sie an der Pappel , die den Holzbogen flankierte – an dieser Stelle hatte Sie das letzte unverwischliche Bild in ihre Seele aufgenommen ; wie aus Goldgrund hatten sich die lauschenden Kinderköpfchen neben der Hausecke draußen von der strahlenden Landschaft abgehoben , und dort an dem Gartentische war der kraftvolle , strenge Mann in unbegreiflicher Gemüthserschütterung zusammengebrochen . Jetzt war es still auf dem tiefbeschatteten Rasengrunde . Die Obstbäume , die sie in prangender Maienfrische gesehen , bogen sich unter der Last ihrer Früchte , die gelb und rotbackig das unscheinbar gewordene Laub überstrahlten und die Lüfte mit dem köstlichen Aroma der Reife erfüllten , und am Weinspalier des Hauses hing der vielgerühmte Traubenreichtum in tiefer Bläue . Nur einen einzigen schüchternen Blick nach dem Eckfenster , wo der Schreibtisch stand ! Der Doktor war ja nicht daheim ; er eilte von einem Krankenbette zum andern „ bis zum letzten Augenblicke “ . Und in dem Zimmer wohnte er auch nicht mehr . Weiße , spitzenbesetzte Gardinen hingen hinter den Scheiben ; auf dem Sims , zwischen den Töpfen mit vollblühenden Alpenveilchen , lag ein schneeweißes Kätzchen , und jetzt hoben sich zwei strickende Hände , und ein Frauenkopf mit silberweißem Scheitel unter dem sauberen Mullstrich bog sich darüber her – die alte Freundin der Tante Diakonus war bereits eingezogen . Er hatte auch diese Brücke hinter sich abgebrochen ; er war reisefertig , undübermorgen kam „ der letzte Augenblick “ , wo die stolze , herzlose Schwester neben ihm stand , im weißen Atlaskleide , um – „ die Salonrepräsentantin des berühmten Mannes “ zu werden . Hatte sie einst schwerer gekämpft , die schöne , blonde Edelfrau , als das Mädchen , das jetzt , bitterlich weinend , die Arme um den schlanken Stamm legte und an die