Sie dachte schon nicht mehr an den kleinen dicken Doktor , sie kämpfte noch immer mit ihrem Herzen , dem durch die Worte von Heinz so bitter weh geschehen war . Wie käme denn Fräulein May dazu , sich um ein fremdes Kind zu kümmern ? [ 310 ] Dieses eine Wort „ fremd “ hatte mit einem Schlage alle frühere Zusammengehörigkeit verleugnet und war die Bestätigung , daß sie ihm nie , nie mehr gewesen war als – eine flüchtige Spielerei ! – – Und über der Welt , die so viel herbes Leid in sich barg , so viel Enttäuschung , wehte an diesem Abend der Duft des blauen Flieders geradezu berauschend , und auf die Berge und Wälder , auf Schloß und Städtchen goß der Mond seine Silberstrahlen und ließ die blühenden Apfelbäume in leuchtendem Weiß erscheinen . Aus dem Garten der Oberförsterei klang Zitherspiel und der Gesang einer Frauenstimme , das mochte die junge Frau Oberförsterin sein . Sie waren glückliche Menschen , die beiden , die dort wohnten , und in einer Stimmung , wie sie für solchen Abend paßte . Aenne stand still und lauschte ein Weilchen , dann kehrten ihre Gedanken mit zwingender Gewalt immer wieder zu Heinz zurück . Was mochte nur droben auf dem Schlosse geschehen sein ? Der Bote hatte des Doktors Erscheinen so dringend gefordert . Ob der Kleine kränker geworden ? Sie lachte plötzlich kurz auf – was ging das „ fremde “ Kind sie an ! Sie wanderte wieder auf und ab in dem Mittelweg , der vom Hause an durch die Länge des Gartens bis zur Jasminlaube führte . Eben näherte sie sich wieder dem Hause , da stürmte der Doktor zur Vorderthür herein . „ Fräulein Aenne , “ scholl seine Stimme im Flur , „ Fräulein Aenne ! “ Sie blieb erschrocken stehen ; was wollte er von ihr heute ? Nun trat er bereits in die Gartenthür . „ Ach , da sind Sie ja ! Können Sie es über sich gewinnen , solch zudringlichem Burschen wie mir einen Gefallen zu thun ? Wie ich Sie kenne , sind Sie nicht kleinlich , also – vergessen Sie ’ mal , was heute geschehen , ein paar Stunden lang , helfen Sie mir als barmherzige Schwester ! Da droben , der Heini , das elende Tierchen , muß operiert werden , Halsabsceß mit Erstickungsgefahr , höchste Eisenbahn – verstehen Sie ! Kerkow steht vor der Thatsache wie ein Gelähmter , ist zu nichts zu gebrauchen , und Schwester Viktoria ist soeben fort von Breitenfels , nach dem Hüttenwerck da oben – – Binden Sie ein Tuch um und kommen Sie , unterwegs werde ich Ihnen sagen , was Sie zu thun haben , zimperlich sind Sie ja nicht , und es handelt sich um Leben und Tod ! Eilen Sie , ich bin gleich wieder hier mit meinen Instrumenten , nehmen Sie auch eine Schürze mit – – “ Aennes Kopf bog sich in den Nacken zurück . Was geht mich das „ fremde “ Kind an ? wollte sie rufen , aber es würgte sie etwas in der Kehle , etwas , das mächtiger war als der Schmerz ihres verletzten Herzens , als ihr gedrückter Stolz . „ Sie wollen wohl nicht ? “ rief er zurückkehrend mit dem Saffiankästchen unter dem Arm . „ Das dürfen Sie mir nicht anthun , ich fordere diesen ersten Freundschaftsbeweis von Ihnen im Namen der Menschlichkeit ! “ Aber sie schritt schon neben ihm durch den Flur . „ Wissen Sie , “ sprach der Doktor weiter im Gehen , „ dem Wurm wäre geholfen , thäte er die Augen zu , aber der Kerkow , weiß Gott , der Mensch thut dann irgend etwas , das nachher nicht wieder gutgemacht werden kann ! “ Sie schritten in möglichster Eile den Schloßberg hinan , nachdem Aenne noch dem Mädchen eine Bestellung an ihre Mutter zugerufen hatte . Und die Mutter saß am Fenster und sah die zwei Menschen , von denen sie glaubte , daß sie nie wieder ein Wort zusammen reden würden , einträchtig nebeneinander über den Platz gehen und im Dämmer der Mondnacht verschwinden . Was sollte das nun wieder heißen ? Droben im Schloß stand Heinz von Kerkow und starrte auf das Bettchen seines Lieblings , der sich in schweren Qualen wand . So rasch hatte die tückische Krankheit sich entwickelt , daß nur noch eine Operation Rettung bringen konnte . Sein Einziger , sein Letztes , sein Liebstes war dem Tode geweiht – – . Ihm war so dumpf zu Mut , daß er die Größe dieses neuen Unglücks noch gar nicht voll ermaß . Er hatte die Anordnung des Arztes kaum recht verstanden – warmes Wasser , einen Tisch , frische Leinentücher , hellbrennende Lampen – – . Das Dienstmädchen , die knochige Person , die soeben noch auf dem Korridor von dem jungen Arzt zu der Würde eines dreifachen Kamels erhoben worden war , weil sie gar so ungeschickt das wimmernde Kind emporgehoben hatte , schleppte mit zitternden Händen im Nebenzimmer alles zusammen , was Doktor Lehmann gefordert hatte , und Heinz starrte auf diese Vorbereitungen , als gälten sie einem fremden , nicht seinem Kind , seinem einzigen . Und dann ging die Thür plötzlich auf und hinter dem Arzt kam eine schlanke , dunkle Gestalt über die Schwelle , und ein Paar Augen , ein Paar lieber trauriger Mädchenaugen suchten das Bettchen des Kindes . Heinz trat betroffen einige Schritte zurück und faßte nach dem Tische , und da kam sie schon herüber zu ihm und sagte mit einer Stimme , der man anhörte , wie schwer das Sprechen ihr wurde . „ Erlauben Sie , bitte , Herr von Kerkow , daß ich , in Ermangelung anderer weiblicher Hilfe , dem Herrn Doktor ein paar Handreichungen thun darf – ich will gewiß ebenso sorgsam sein , als wäre es mir “ – – „ kein fremdes Kind