. Gertrud sah ihn wieder mit demselben gespannten und flehenden Ausdruck an wie vorhin . Aber er ließ sich neben sie hinsinken , und den Kopf an ihre Brust gelehnt , schlief er ein . Sie hielt noch immer seine Hand . Sie schaute in sein fahles , schmales Gesicht und auf die geeckte Stirn , deren Haut unter den wirr hängenden Haaren bisweilen leise zuckte . Das Öl in der Lampe ging zur Neige , und der Docht fing an zu riechen , aber sie getraute sich nicht , die Lampe auszublasen , aus Furcht , Daniel könnte erwachen . Sie sah still zu , wie das Licht verlosch und an seiner Statt ein rotes Glimmern war , bis auch dieses erlosch und es finster wurde . 12 Seit einiger Zeit bemerkte Lenore , daß der Bäckergeselle , statt des Morgens die Semmeln in das Säckchen zu legen , wie er stets getan , sie achtlos durch das Gatter auf die Erde warf . Der Zeitungsträger grüßte sie nicht mehr , der Postbote lächelte höhnisch , und sogar die Bettler , so schien es ihr , forderten Almosen mit unverschämter Miene . Einmal kam sie durch die Schmausengasse , da lehnte ein Weib am Fenster eines Hauses , rief bei ihrem Anblick etwas in die Stube zurück , und sogleich stürzten ein junger Mensch und drei halbwüchsige Mädchen ans Fenster , tauschten Bemerkungen aus und stierten sie mit Blicken an , die sie erbleichen ließen . Ein andermal brachte ihr Daniel eine Freikarte zu einem Konzert . Sie ging hin , und schon bei ihrem Eintritt fiel ihr das gierige und unanständige Schauen der Leute auf . Eine geputzte Dame rückte von ihrer Seite weg , einige Herren vor ihr drehten sich beständig um und grinsten sie an . Sie konnte nicht bis zum Ende bleiben und floh . Bewegung in freier Luft hatte ihr schon über manche böse Stunde hinweggeholfen ; sie ging zum Schlittschuhlaufen aufs Eis . Als man sie gewahrte , entstand ein Wispern . Sie kümmerte sich nicht darum , sie lief ihre schönen Bogen und Figuren . Aus einer Gruppe junger Mädchen wurde mit Fingern auf sie gedeutet . Mit stolz blitzenden Augen näherte sie sich der Schar , und alle stoben auseinander . Die ihr früher gehuldigt hatten , mieden sie jetzt . Ihr Gefühl war in Aufruhr und lohte bei der Erfahrung von so viel unerwarteter und zurückweichender Gemeinheit in edlem Trotz empor . An einem Dezembertag schritt sie über den Weinmarkt und wollte durch ein enges Gäßchen zum Hallertor . Vor dem Gäßchen standen einige Männer im Gespräch . Sie erkannte Alfons Diruf unter ihnen . Sie dachte , die Leute würden Platz machen , um sie durchzulassen , aber keiner rührte sich . Sie starrten sie frech an . Nun hätte sie ja weitergehen und einen andern Weg wählen können , doch jener Trotz zwang sie , zu verharren , und unter der Flammenbläue ihrer Augen bequemten sich die Niederträchtigen endlich zu trägem Ausweichen . Sie bildeten ein Spalier , durch welches sie gehen mußte , und ärger als dieses war es , sich von den unzüchtigen Blicken verfolgt zu fühlen , das Lachen vernehmen zu müssen , das sonst bei Nacht aus Wirtshäusern klang , wenn sie beieinander hockten und Zoten erzählten . Manchmal in der Dämmerung und am Abend dünkte es ihr , es gehe jemand hinter ihr her . Einst drehte sie sich um , und wirklich sah sie einen Menschen . Der Mensch trug einen Havelock ; er trat dann hastig in ein Tor . Wenige Tage später ereignete sich das gleiche , aber nun erschrak sie zu tiefst , weil sie Herrn Carovius erkannt zu haben glaubte . Eines Abends verließ sie das Haus , da bemerkte sie dieselbe Gestalt an der Kirche drüben . Und als sie zögerte und überlegte , kam noch eine andere Gestalt hinzu . Es schien ihr , als ob dies Philippine sei . Sie sprachen leise miteinander , aber Lenore konnte sie nicht genau sehen , der Schnee fiel zu dicht , die Laterne war zu weit . Sie wußte nicht , weshalb , aber plötzlich hatte sie Angst um Daniel . Bloß um ihn ; ihm drohte Gefahr , so schien es ihr , wenn sie nicht umkehrte . Und sie stürmte die Treppe hinauf bis zur Dachkammer . Sie pochte an die Tür ; kein Laut . Sie öffnete ; es war finster . Aber sie sah , daß sich sein Körper im finsteren Raum gegen das Schneelicht draußen abhob . Er saß am Klavier , hatte die Arme auf den Deckel und den Kopf zwischen die Hände gestützt . Mit einem süßen Weheton eilte Lenore hin und umschlang ihn . Daniel nahm sie auf seinen Schoß , drückte ihren Kopf an seine Brust und lachte mit offenem Mund und gleißenden Zähnen , aber ohne einen Laut . So lachte er jetzt oft . 13 So lachte er über die Ränke , die die Sängerin Varini , seine erbittertste Feindin , gegen ihn spann und die zur Folge hatten , daß er beim Theater überall auf Widerstand und Mißtrauen stieß . So lachte er über die anonymen Schmähbriefe , mit denen ihn seine Mitbürger bedachten , und die er in naiver Wißbegier las , weil er erfahren wollte , bis wohin sich Unflätigkeit und hündisch-feiger Haß verirrten . So lachte er , als die Absage der Freifrau von Auffenberg kam . Sie schrieb ihm , daß ihre Konstitution geschwächt sei und daß sie infolgedessen den Winter auf ihrem Landgut bei Hersbruck verbringen werde . Aber Daniel erfuhr , daß sie häufig in der Stadt war und die Einrichtung regelmäßiger musikalischer Abende getroffen hatte , was sie unter seiner Herrschaft nie zu tun gewagt . Andreas Döderlein war nun ihr Beirat ; da konnte sie schwelgen und schwärmen und in Stickluft und künstlichem Aroma ihre kraftlose Seele bis zum Überdruß betäuben . Und so lachte er über die