; ich fühle mich dazu noch nicht alte Dame genug und möcht auch gern en vue der beiden Bilder bleiben , trotzdem ich das eine davon schon so gut wie kenne . « » Die Kreuzabnahme ? « » Nein ! das andre . « » Die Lind also ? « » Ja . « » So haben Sie das schöne Bild in der Nationalgalerie gesehn ? « » Auch das . Aber doch freilich erst seit ganz kurzem , während ich von Ihrer Aquarellkopie schon seit ein paar Monaten weiß . Das war auf einer Dampfschiffahrt , die wir nach dem sogenannten Eierhäuschen machten , und der Ausplauderer über das Bild da vor mir war niemand anders als Ihr Zögling Woldemar , auf den Sie stolz sein können . Er freilich würde den Satz umkehren , oder sage ich lieber , er tat es . Denn er sprach mit solcher Liebe von Ihnen , daß ich Sie von jenem Tag an auch herzlich liebe , was Sie sich schon gefallen lassen müssen . Ein Glück nur , daß er sich draußen verabschiedet hat und nicht hören kann , was ich hier sage ... « Lorenzen lächelte . » Sonst hätten sich diese Bekenntnisse verboten . Aber da sie nun mal gemacht sind und man nie weiß , wann und wie man wieder zusammenkommt , so lassen Sie mich darin fortfahren . Woldemar erzählte mir - Pardon für meine Indiskretion - von Ihrer Schwärmerei für die Lind . Und da horchten wir denn auf und beneideten Sie fast . Nichts beneidenswerter als eine Seele , die schwärmen kann . Schwärmen ist fliegen , eine himmlische Bewegung nach oben . « Lorenzen stutzte . Das war doch mehr als eine bloß liebenswürdige Dame aus der Gesellschaft . » Und um es kurz zu machen « , fuhr Melusine fort , » Woldemar sprach bei dieser Gelegenheit wie von Ihrer ersten Liebe « ( und dabei wies sie lächelnd auf das Bildchen der Lind ) » so auch von Ihrer letzten - nein , nein , nicht von Ihrer letzten ; Sie werden immer eine neue finden - , sprach also von Ihrer Begeisterung für den herrlichen Mann da weit unten am Tajo , von Ihrer Begeisterung für den Joao de Deus . Und als er ausgesprochen hatte , da haben wir uns alle , die wir zugegen waren , um den Un Santo geschart und einen geheimen Bund geschlossen . Erst um den Un Santo und zum zweiten um Sie selbst . Und nun frag ich Sie , wollen Sie mittun in diesem unserm Bunde , der ohne Sie gar nicht existierte ? Mir ist manches verquer gegangen . Aber ich bin , denk ich , dem Tage nahe , der mich ahnen läßt , daß unsre Prüfungen auch unsre Segnungen sind und daß mir alles Leid nur kam , um den Stab , der trägt und stützt , fester zu umklammern . Ich darf leider nicht hinzusetzen , daß dieser Stab ( möglich , daß er sich einst dazu auswächst ) das Kreuz sei . Meiner ganzen Natur nach bin ich ungläubig . Aber ich hoffe sagen zu dürfen : ich bin wenigstens demütig . « » Wenigstens demütig « , wiederholte Lorenzen langsam , zugleich halb verlegen vor sich hin blickend , und Melusine , die Zweifel , die sich in der Wiederholung dieser Worte ziemlich deutlich aussprachen , mit scharfem Ohre heraushörend , fuhr in plötzlich verändertem und beinah heiterem Tone fort : » Wie grausam Sie sind . Aber Sie haben recht . Demütig . Und daß ich mich dessen auch noch berühme . Wer ist demütig ? Wir alle sind im letzten doch eigentlich das Gegenteil davon . Aber das darf ich sagen , ich habe den Willen dazu . « » Und schon der gilt , Frau Gräfin . Nur freilich ist Demut nicht genug ; sie schafft nicht , sie fördert nicht nach außen , sie belebt kaum . « » Und ist doch mindestens der Anfang zum Bessern , weil sie mit dem Egoismus aufräumt . Wer die Staffel hinauf will , muß eben von unten an dienen . Und soviel bleibt , es birgt sich in ihr die Lösung jeder Frage , die jetzt die Welt bewegt . Demütig sein heißt christlich sein , christlich in meinem , vielleicht darf ich sagen in unsrem Sinne . Demut erschrickt vor dem zweierlei Maß . Wer demütig ist , der ist duldsam , weil er weiß , wie sehr er selbst der Duldsamkeit bedarf ; wer demütig ist , der sieht die Scheidewände fallen und erblickt den Menschen im Menschen . « » Ich kann Ihnen zustimmen « , lächelte Lorenzen . » Aber wenn ich , Frau Gräfin , in Ihren Mienen richtig lese , so sind diese Bekenntnisse doch nur Einleitung zu was andrem . Sie halten noch das Eigentliche zurück und verbinden mit Ihrer Aussprache , so sonderbar es klingen mag , etwas Spezielles und beinah Praktisches . « » Und ich freue mich , daß Sie das herausgefühlt haben . Es ist so . Wir kommen da eben von Ihrem Stechlin her , von Ihrem See , dem Besten , was Sie hier haben . Ich habe mich dagegen gewehrt , als das Eis aufgeschlagen werden sollte , denn alles Eingreifen oder auch nur Einblicken in das , was sich verbirgt , erschreckt mich . Ich respektiere das Gegebene . Daneben aber freilich auch das Werdende , denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein . Alles Alte , soweit es Anspruch darauf hat , sollen wir lieben , aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben . Und vor allem sollen wir , wie der Stechlin uns lehrt , den großen Zusammenhang der Dinge nie vergessen . Sich abschließen heißt sich einmauern , und sich einmauern ist Tod . Es kommt darauf an , daß wir gerade das beständig gegenwärtig haben . Mein