und eine Begegnung mit dem Kinde zu haben , wonach sie sich doch so lange gesehnt , erfüllte sie jetzt mit einer wahren Todesangst . Was tun ? Rasch entschlossen öffnete sie die Tür zu dem Vorderperron , auf dem niemand stand als der Kutscher , und bat diesen , sie bei der nächsten Haltestelle vorn absteigen zu lassen . » Is verboten , Fräulein « , sagte der Kutscher ; sie gab ihm aber ein Geldstück und sah ihn so bittend an , daß der gutmütige Mensch anderen Sinnes wurde und vor sich hin sagte : » Sind soll es eigentlich nich ; aber es wird ja wohl mal gehn . « Und als der Wagen hielt , nahm er das Gitter aus , und Effi sprang ab . Noch in großer Erregung kam Effi nach Hause . » Denke dir , Roswitha , ich habe Annie gesehen . « Und nun erzählte sie von der Begegnung in dem Pferdebahnwagen . Roswitha war unzufrieden , daß Mutter und Tochter keine Wiedersehensszene gefeiert hatten , und ließ sich nur ungern überzeugen , daß das , in Gegenwart so vieler Menschen , nicht wohl angegangen sei . Dann mußte Effi erzählen , wie Annie ausgesehen habe , und als sie das mit mütterlichem Stolze getan , sagte Roswitha » Ja , sie ist so halb und halb . Das Hübsche und , wenn ich es sagen darf , das Sonderbare , das hat sie von der Mama ; aber das Ernste , das ist ganz der Papa . Und wenn ich mir so alles überlege , ist sie doch wohl mehr wie der gnädige Herr . « » Gott sei Dank ! « sagte Effi . » Na , gnäd ' ge Frau , das ist nu doch auch noch die Frage . Und da wird ja wohl mancher sein , der mehr für die Mama ist . « » Glaubst du , Roswitha ? Ich glaube es nicht . « » Na , na , ich lasse mir nichts vormachen , und ich glaube , die gnädige Frau weiß auch ganz gut , wie ' s eigentlich ist und was die Männer am liebsten haben . « » Ach , sprich nicht davon , Roswitha . « Damit brach das Gespräch ab und wurde auch nicht wieder aufgenommen . Aber Effi , wenn sie ' s auch vermied , grade über Annie mit Roswitha zu sprechen , konnte die Begegnung in ihrem Herzen doch nicht verwinden und litt unter der Vorstellung , vor ihrem eigenen Kinde geflohen zu sein . Es quälte sie bis zur Beschämung , und das Verlangen nach einer Begegnung mit Annie steigerte sich bis zum Krankhaften . An Innstetten schreiben und ihn darum bitten , das war nicht möglich . Ihrer Schuld war sie sich wohl bewußt , ja , sie nährte das Gefühl davon mit einer halb leidenschaftlichen Geflissentlichkeit ; aber inmitten ihres Schuldbewußtseins fühlte sie sich andererseits auch von einer gewissen Auflehnung gegen Innstetten erfüllt . Sie sagte sich : er hatte recht und noch einmal und noch einmal , und zuletzt hatte er doch unrecht . Alles Geschehene lag so weit zurück , ein neues Leben hatte begonnen - er hätte es können verbluten lassen , statt dessen verblutete der arme Crampas . Nein , an Innstetten schreiben , das ging nicht ; aber Annie wollte sie sehen und sprechen und an ihr Herz drücken , und nachdem sie ' s tagelang überlegt hatte , stand ihr fest , wie ' s am besten zu machen sei . Gleich am andern Vormittage kleidete sie sich sorgfältig in ein dezentes Schwarz und ging auf die Linden zu , sich hier bei der Ministerin melden zu lassen . Sie schickte ihre Karte hinein , auf der nur stand : Effi von Innstetten , geb . von Briest . Alles andere war fortgelassen , auch die Baronin . » Exzellenz lassen bitten , « und Effi folgte dem Diener bis in ein Vorzimmer , wo sie sich niederließ und trotz der Erregung , in der sie sich befand , den Bilderschmuck an den Wänden musterte . Da war zunächst Guido Renis » Aurora « , gegenüber aber hingen englische Kupferstiche , Stiche nach Benjamin West , in der bekannten Aquatinta-Manier von viel Licht und Schatten . Eines der Bilder war König Lear im Unwetter auf der Heide . Effi hatte ihre Musterung kaum beendet , als die Tür des angrenzenden Zimmers sich öffnete und eine große , schlanke Dame von einem sofort für sie einnehmenden Ausdruck auf die Bittstellerin zutrat und ihr die Hand reichte : » Meine liebe , gnädigste Frau « , sagte sie , » welche Freude für mich , Sie wiederzusehen ... « Und während sie das sagte , schritt sie auf das Sofa zu und zog Effi , während sie selber Platz nahm , zu sich nieder . Effi war bewegt durch die sich in allem aussprechende Herzensgüte . Keine Spur von Überheblichkeit oder Vorwurf , nur menschlich schöne Teilnahme . » Womit kann ich Ihnen dienen ? « nahm die Ministerin noch einmal das Wort . Um Effis Mund zuckte es . Endlich sagte sie : » Was mich herführt , ist eine Bitte , deren Erfüllung Exzellenz vielleicht möglich machen . Ich habe eine zehnjährige Tochter , die ich seit drei Jahren nicht gesehen habe und gern wiedersehen möchte . « Die Ministerin nahm Effis Hand und sah sie freundlich an . » Wenn ich sage , in drei Jahren nicht gesehen , so ist das nicht ganz richtig . Vor drei Tagen habe ich sie wiedergesehen . « Und nun schilderte Effi mit großer Lebendigkeit die Begegnung , die sie mit Annie gehabt hatte . » Vor meinem eigenen Kinde auf der Flucht . Ich weiß wohl , man liegt , wie man sich bettet , und ich will nichts ändern in meinem Leben . Wie es ist , so ist es recht ; ich habe es nicht