aber seinen verkappten Idealismus . Stolz auf seinen Geist und seine psychische Genialität , auch gleich stark zum geistigen Kampf wie zur Sinnlichkeit hingezogen , verachtete er seine eigene Unwiderstehlichkeit dem Weibe gegenüber , das in ihm nur eine Wollustmaschine suchte , das seine Schenkel und keineswegs sein Gehirn anbetete . Seine Eitelkeit wie sein berechtigter Mannesstolz , der dies durchschaute , fühlten sich tief davon verletzt . In ihm brannte dabei eine seltsame Scham , als ob auch die Jungfräulichkeit seines Innern durch diese Erotik plump in den Koth gezerrt sei . So litt er an einem ewigen seelischen Katzenjammer , den er nicht Wort haben wollte und den Niemand erkannte . Der gefallene Engel , der idealistische Heldenmensch rumorte in ihm , den der Sinnendienst so lange unterjocht hatte , bis ihm zum letzten Aufraffen fast keine Zeit mehr blieb . So erregte er denn ironisches Gelächter , wenn er in trotzigen Kampfreden vor allem die Keuschheit als Grundbedingung des echten Künstlerthums empfahl - ohne daß man erwog , wie er , der von einer Liebelei in die andern taumelte , ja am besten den Werth eines vermißten Gutes ermessen konnte . Allein , auf der andern Seite wollte er wieder sein tiefes seelisches Unglück , seinen bitteren Sündenfall d.h. die Abtrünnigkeit von idealeren Zielen , zu denen er bestimmt schien , nicht Wort haben . Dann strich er geflissentlich die körperliche Tüchtigkeit heraus , verstieg sich zu Albernheiten , wie : Ihm seien Macher wie Meissonier und Sardon ein Ekel , schon weil diese persönlich kleine mickrige schwächliche Menschen sein , während ein Kerl wie Zola ihm schon durch seine Metzger-Figur imponire . Und dergleichen Dinge mehr , die eine feine sensitive Natur wie Rother mit staunender Verwunderung anhörte , ohne sich in seiner schwächlichen Anschmiegsamkeit zur Geringschätzung solcher Unreife erheben zu können . Auf ihn übte aber alles das einen verderblichen Einfluß aus . Wenn man einem Menschen unaufhörlich die Sinnlichkeit der Erotik als Höchstes preist und selbst , indem man darüber schimpft , diese Episode des Manneslebens als das eigentliche Epos und das einzig Lebenswerthe feiert , so muß das endlich auch dessen eigene Weltanschauung beeinflussen . War es daher zu verwundern , daß Rother , nachdem er das saftige geistfunkelnde Schreiben Knorrers gründlich verdaut hatte , einen Anfall von Liebessehnsucht erhielt , der einen totalen Rückfall des Reconvalescenten in seine alte Krankheit bedeutete ? Die Erzählung von der angeblichen Bismarck ' schen Liebesaventüre umnebelte vollends seine geblendeten Augen . Ah , also selbst die großen Männer der That beugten sich der allmächtigen Venus . Um wieviel mehr also die Künstlernaturen . Rother ' s Größenwahn erwachte wieder : Sein besonderes Liebessiechthum schien ihm gleichsam ein besonderes Zeichen seines Ingeniums . Die aufreizenden erotischen Phrasen Knorrers fielen so auf fruchtbaren Boden und bald wucherte das Unkraut empor , daß es Rother über den Kopf stieg . Grade Kathi ' s anständiger Brief und die Andeutungen , die ihm Frau Lämmers gemacht , entfachten aufs neue in ihm die alte Liebe . Sollte er das herrliche Geschöpf nun also wirklich den Klauen eines solchen verlebten Kohlkopfs überlassen ? So sollte das enden ? Der alte Irrwahn betäubte ihn aufs neue . Trotz seiner bitteren Erfahrungen damit , construirte er sich Kathi wiederum als eine edle ungewöhnliche Natur zurecht . War es nicht gradezu seine Ritterpflicht , das arme unglückliche Wesen zu retten ? Zudem , war er selbst nicht , mitschuldig an allem ? Hätte er damals nicht nach Hamburg so unzarte Beleidigungsbriefe geschrieben , so wäre gewiß der ganze Krach und Skandal mit all seinen Consequenzen verhütet worden . Als sich Rother bis zu diesem Punkt hineingeredet hatte , hielt es ihn nicht länger und er suchte unverzüglich nach seinem Koffer . Was hatte er denn eigentlich auch zu versäumen und was interessirte ihn sonst auf der Welt ? Er war ja als Künstler frei und ungebunden genug , um nicht an die Scholle gefesselt zu bleiben . Direkten Geldmangel kannte er nicht . Sein angefangenes Bild konnte er ruhig auf der Staffelei trocknen lassen . Eine Studienreise nach dem Norden ( falls die Vermuthung von Frau Lämmers richtig ) konnte ihm nur gut thun . So mochte er das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden . Die Hauptsache war vorerst , in Hamburg das entflohene Wild aufzuspüren . Mit der trotzigen Afterstärke weichlicher Naturen setzte er mit aller Hast seinen Vorsatz ins Werk . Für Krastinik hatte er gethan , was in seinen Kräften stand . Dieser fand also richtig in dem jungen Verleger , der sein väterliches Erbtheil standesgemäß zu verputzen wünschte , den bekannten Dummen , der ihn druckte , zumal die Gedichtproben Krastiniks im » Bunten Allerlei « von dem großen Wurmb mit feierlicher Leutseligkeit in einer Randglosse angepriesen waren . Wurmb that sich nicht wenig darauf zu Gute , » dieses vielversprechende Talent in seiner Schule heranzuziehn und ihm stets die Spalten des Bunten Allerlei offen zu halten . « Als nun gar Graf Krastinik mit dem jungen Gentleman-Verleger mehrmals Skat spielte und einmal mit demselben spazieren ritt , auch die sehr kostspielige Maitresse desselben mit Kennerblicken lobte - verschwor sich der junge Mann , seinen gräflichen Freund zu » machen « . Demgemäß druckte er dessen sämmtliche Gedichte und drei Dramen-Fragmente dazu in unmäßig opulenter Ausstattung mit Schwabacher Lettern auf Velinpapier mit gothischen Initialen und ließ ganz besondere Einbanddecken zeichnen . Sodann inserirte er in allen Berliner Blättern diese herrlichen Einbände , im Reklame-Stil der » Goldnen hundertzehn « . Das Inserat fing an : » Ein neuer großer Dichter erstand unstreitig in Xaver Graf Krastinik . « Man empfahl darin diese Dichtungen dem Busen sämmtlicher deutschen Jungfrauen . Das zündete . Dreizehn Familienblätter ( - zuerst von allen die » Gartenlaube « , durch den Tod unsrer unvergeßlichen Marlitt noch in herbe Wittwentrauer versunken - ) meldeten sich dem » hochgeborenen Herrn Grafen « . Dieser aber setzte sich hin und begründete in einem langen Schreiben an die Kommandantur