schönsten Rollen , und spielte sie herunter , wie sie ihr von dem Regisseur eingepaukt wurden , und in der Zeitung bekam sie die schönsten Kritiken und der Direktor that , was er ihr an den Augen absehen konnte und trug sie auf den Händen und ließ sie in allen Fächern herumspielen ... Schließlich beherrschte sie den Direktor , der gar nicht mehr aus dem Unterrock hervorkam , und die Regisseure und die Rezensenten und die ganze Schmiere - und der reiche Verehrer zahlte alles und jedes ... Von grenzenlosem Ekel über diese Kunstwirtschaft erfüllt , brach ich das Engagement und lief davon . « » Mit wem ? Natürlich gleichfalls mit einem sogenannten Verehrer ... « Damit war das Zeichen zu einer fürchterlichen Auseinandersetzung gegeben - - - All ' ihr Elend wägend , sprach Leopoldine für sich selbst : » Das Gräßlichste ist die Vergangenheit . Alles rächt sich . Das Gedächtnis ist die Rache . Ihm braucht wahrlich nicht erst die brutale Eifersucht des Geliebten zu Hilfe zu kommen : es verrichtet sein Henkeramt von selbst . Alles späte Glück ist vergällt , gedenkt man früher Schuld - - « » Ach , laß doch dieses Herumspintisieren . « » Wer rührt alles in mir auf ? Ich fürchte , auch Dein Gewissen foltert Dich noch für all ' die Schrecknisse , womit Du meine große Liebe lohnst . Hast Du etwa eine Sühne in Deiner Reinheit ? Bin ich die Alleinschuldige ? ... « Es war dem Baron mit der laxen Leutnantsmoral in allem , was das Liebesleben und seine Folgen betrifft , durchaus versagt , den Grund und Ernst eines solchen Gefühls zu erfassen . Er fühlte sich plötzlich angekältet und so unbehaglich in Leopoldinens Nähe , daß er wochenlang die Begegnung mit ihr zu vermeiden suchte . Dann erfaßte ihn wieder ein jähes Fieber , und er glühte und dürstete nach ihren Küssen und Umarmungen . » Das Weib pflegte , deine Lust zu sein und du konntest nie der Liebe genug haben , « spottete er in solchen Zeiten des Gefühlsumschlags seiner selbst , » und nun bist du an eins geraten , das dir aus unfaßlich großer Liebe eitel Unlust schafft - und von dem du doch nicht lassen kannst . « Der Herr Kommerzienrat machte die Beobachtung , daß Frau Leopoldine merklich leichter zu haben sei , seit der Baron im Hause verkehrte . Das that ihm wohl . » Der Baron ist ein Hexenmeister , « sagte er . Und er dankte ihm still für seine Hexerei . » Die Leute sagen ihm Übles in bezug aus die Frauen nach : das macht der Liebe kein Kind - wem sagen sie ' s nicht nach ? Und zumal hier in München , in diesem Krähwinkel-Klatschnest ! Wir kennen ' s ja . Und wir pfeifen drauf . Der Baron gefällt meiner Frau , er gefällt aber auch mir - und das ist die Hauptsache . « Einmal wußte er beide allein im Zimmer , als er heim kam . Hatten sie ihn kommen sehen ? Nicht die Spur . Ahnten sie , daß er vor der Thür stand ? Nicht im Traum . Also konnte er am Schlüsselloch lauschen ; jedes Wort mußte echt sein . Gusti schlich unbemerkt vorüber , mit einem spitzbübischen Lächeln in den Augen . Und er lauschte . Zuerst vernahm er wenig mehr , als konfuses Stimmengeräusch , ein Zwitscherduett im fernen Busch ; aber jetzt hoben sich die Stimmen immer deutlicher und nachdrücklicher , kein Wort ging verloren . » Sie moralisieren ! « schmunzelte er . » Er widerlegt sie , er zahlt ihr odentlich heim . Sie kehrt natürlich die Radikale heraus . Wart ' , Leo ! Ganz ihre Art : Den Künstler zwingen , eine Moral anzunehmen , bloß weil sie - moralisch ist ? Weil sie zum angenommenen Umgangston gehört ? Der rechte Künstler läßt sich nur Künstlerisches aufzwingen ... Und jetzt der Baron . Da bin ich neugierig : - - Das heißt , sie bringen es selbst hervor , und wie sie sich ihre eigene Kunst schaffen , so wollen sie sich auch ihre eigene Moral machen ! Wo kämen wir da hin , gnädige Frau ? Moral ist etwas für sich selbst Bestehendes , alle Menschen ohne Unterschied , das Genie wie den Dummkopf gleichmäßig Verpflichtendes ! Bravo , Herr Baron ! Der deckt dich gehörig zu , mein Leo ! ... Natürlich bleibt sie nicht bei der Stange ; sie springt ab , wie alle rechthaberischen Weiber ... Sie ist erhitzt ... Man hört jetzt allerwärts das Ziel der Moral ungefähr so bestimmen : Erhaltung der tugendhaften Menschheit , Förderung der Wahrheit , Stärkung der sozialen Ordnung . Erhaltung , Förderung , Stärkung , lauter Sand in die Augen . Die Herrschenden und Besitzenden wollen die Moral von den Andern , sofern sie ihnen Vorteil und Vergnügen verschafft - und sie machen sich blutwenig aus der Moral , sofern sie ihnen keinen Vorteil und kein Vergnügen verschafft ... Aber Leo ! Hihihi ... ... Ah , nun fängt er sie mit Nachgiebigkeit . Der Pfiffikus ! ... Gnädige Frau , es hat edle und weise Männer gegeben , welche an die Musik der Sphären geglaubt . Wir glauben nicht mehr daran . Sind jene Gläubigen darum weniger edel und weise ? Wir glauben nicht an Sphärenmusik , aber wir glauben an die soziale Notwendigkeit der Moral , an die Schönheit ihrer sittlichen Wirkungen . Soll man deshalb dereinst von unserer Intelligenz und unserem Charakter geringer denken ? Ich klatsche Beifall mit beiden Händen . « Und die Thür aufreißend : » Herr Baron , lassen Sie sich umarmen , Sie sind mein Mann . « Als sich einmal der Baron wochenlang nicht hatte sehen lassen , begegnete ihm Raßler zufällig in den Isar-Auen . » Aber böser Mensch , was treiben Sie ? Kommen Sie doch wieder einmal zu uns und machen Sie meiner Frau