, gleichviel wohin , nur fort , fort ! Er wollte kein Schwarzrock , er wollte Soldat werden wie alle Hartenstein , sogar sein Vater , als er noch jung gewesen . Warum hatte Martin werden dürfen , was ihm gefiel ? Wer gab einer Schwester das Recht , ihren Bruder zu zwingen in ein Verhältnis , das ihm widerstand ? Bei jedem Ferienbesuche brachte er die nämlichen Klagen und Beschwerden auch den Seinigen zu Gehör , wenn auch in abgedämpften Tönen . Denn der Mutter erweckten sie nur unstillbare Seufzer und Tränen , und vor Lydia scheute er sich , da in ihrer Hand ganz allein - das einzusehen war er klug genug - sein Schicksal lag . Wenn er aber niemals eine andere Antwort erhielt als : » Es ist deines seligen Vaters Wille gewesen , harre aus ! « dann stürmte er verzweifelnd in die Pfarre , wo er in Röschen eine offene , in Mutter Hanna eine heimliche Verbündete gegen den Gewaltakt , der an ihm verübt ward , fand , und was Pastor Blümel zur Begütigung dagegen redete , redete er in den Wind . Nicht in den Wind , sondern wie gegen einen ehernen Wall redete Pastor Blümel aber auch zu dem Herzen der väterlich geliebten Lydia , sooft er sich ihr gegenüber zum Anwalt ihres Bruders aufwarf . Sie fragte ihn , ob er in seinem Pflegesohn die Neigung zu einem diesem angemessen dünkenden Beruf nicht gleichfalls niedergehalten habe ? » Nur die Entscheidung dafür bis zu der Zeit seiner Reife , « antwortete Pastor Blümel . » Mehr fordere auch ich nicht , « versetzte Lydia . » Sollte für einen halbwüchsigen Knaben die Zeit der Reife aber schon gekommen sein ? Und was geht Philipp ab ? Würde er in einem Alumnat , wie Sie es vorschlagen , größere Freiheit haben ? « » Keineswegs , und diese würde auch keineswegs zu wünschen sein . Aber eine jugendlich gesellige Sphäre , in welcher er sich nicht in das Extreme getrieben fühlte . Bei jedem zu bildenden Menschen muß mit seinem Temperament gerechnet werden . « » Er ist als jüngstes Kind durch übergroße Liebe verwöhnt ; strenge Zucht tut ihm not . Das Leben ist kein bequemes Schaukelbett . Er steht unter Obhut der gewissenhaftesten Pfleger , der treuesten Freunde seines Vaters . Er wird eines Tages arm sein . Je einfacher seine Lebensweise geregelt ist , um so leichter wird er künftige Beschränkungen ertragen . Jedes Kind soll erzogen werden gemäß der Lage , welche sein von Gott berufener Hüter für ihn voraus zu berechnen vermag . Mein seliger Vater hat bitterlich gelitten , weil , wie er glaubte , diese Erkenntnis ihm zu spät gekommen ist . « Was sollte Pastor Blümel diesen logischen Folgerungen entgegenhalten ? Er seufzte . Aber der Seufzerhauch machte nicht , wie der Dichter es will , » ihm der Seele Spiegel klar . « Eine deutliche Stimme warnte ihn , daß dieses seltene Mädchen an seiner wichtigsten Aufgabe scheitern werde , indem es sie überspanne , und daß ihr eigener Frieden schwerer als der des anvertrauten , leichtblütigen Knaben bedroht sei . Lydia krankte an ihrem Ideal , und dieses Ideal war der Glaube an vollkommenen Menschenwert . Sie hatte ihre Liebe zu Max als eine Irrung erkannt , aber als eine Irrung , von der sie nicht zu genesen vermochte , und eben darum war sie hart mehr noch gegen sich selbst als gegen den Bruder , in welchem sie einen Bluts-und Geistesverwandten des Geliebten mit nur weit schwächerer Begabung sah . Selbst ihr Vater stand vielleicht nicht mehr ganz so hoch wie einst auf dem Piedestal in ihrer Brust . Indem Pastor Blümel diese sorglichen Erwägungen in des Sohnes Seele ergoß und dessen Bitten um eine angemessenere Behandlung seines jungen Freundes mit ihnen abfertigte , fühlte sich nun aber der Jüngling weit mehr als der Greis der ersten Idealgestalt seines Lebens innerlich entfremdet . Die kindliche Vertraulichkeit hatte mit Maxens Dazwischentreten ja aufgehört ; Dezimus sah Lydia seit Jahren nur noch gleichsam aus der Ferne ; Erinnerung und Phantasie jedoch arbeiteten an dem weißen Fräulein geschäftig weiter , bis allmählich und immer dichter zum Herzen hinan ein kalter Nebelbrodem sich zwischen sie und ihren jugendlichen Bewunderer drängte . Je schattenhafter nun aber das Bild des weißen Fräuleins in seiner Seele verblaßte , um so wesenhafter gestaltete sich die Neigung zu der süßen Rose , deren Duft er nach jeder Trennungspause begehrlicher in sich sog. Er dachte gar nicht mehr daran , nach Ablauf seines Trienniums sich noch einmal zu abstrakten Messungen auf die Schülerbank zu setzen ; er dachte nur so rasch als möglich ein fertiger Mann , ja durch Aneignung des besten Teiles seines Selbst erst recht zum Mann zu werden . Dezimus , Dezimus , hüte dich ! Du bist bisher sonder Hast noch Rast , wie es einem Glücklichen eignet , deine Bahn gewandelt . Hüte dich vor den Dämonen , Jüngling ! Laß es mit deinen Sternen nicht deinen Stern dich kosten ! Peter Kurze war es , der jezeitige Doktorand , welcher , etwas weniger euphemistisch ausgedrückt , diesen Warnungsruf vernehmen ließ . » Stillvergnügter , « sagte er , » das Kandidatenfieber ist bei dir ausgebrochen ! « Aber Dezimus lächelte nur ob dieser Prognose . Die Sache lag nicht entfernt so bedenklich , wie der Medikus in spe erachtete . Keine Spur von Fieber . Peter Kurze war selber verliebt , daher nicht klarsichtig ; in das liebe Röschen verliebt , daher eifersüchtig ; viel stärker verliebt als Dezimus , weil ein paar Jahr älter und obendrein Mediziner , will sagen ein Praktikus des Natürlichen und keine Spur von Idealist . Wächst solch ein Kandidatenparoxismus zwanzig Jahre lang aus der Wiege heraus ? Trägt Dezimus an seinem Finger ein Ringlein , das zu einer künftigen Kette den Anfang bildet ? Hat er dem schwarzen Strudelköpfchen eine einzige Locke geraubt ? Sammelt er Vergißmeinnicht oder