rief sie , sich fassend , » gib die Leuchte : ich muß sehen , was dort war , was dort ist . « Sie nahm die Fackel und schritt entschlossen um die Ecke des Sarkophags : es war nichts zu sehen : aber jetzt , im Glanze der Fackel , erkannte sie , daß das Monument nicht , wie die übrigen , ein altes , daß es sichtlich erst neu errichtet war , so unverwittert war der weiße Marmor , so frisch die schwarzen Buchstaben der Inschrift . - Von jener seltsamen Neugier , die sich mit dem Grauen verbindet , unwiderstehlich fortgerissen , hielt sie die Fackel dicht an den Sockel des Monuments und las bei flackerndem Licht die Worte : » Ewige Ehre den drei Balten Thulun , Ibba und Pitza . Ewiger Fluch ihren Mördern . « Mit einem Aufschrei taumelte Amalaswintha zurück . Dolios führte die Halbohnmächtige zu dem Wagen . Fast bewußtlos legte sie die noch übrigen Stunden des Weges zurück . Sie fühlte sich krank an Leib und Seele . Je näher sie dem Eiland kam , desto lebhafter ward die fieberhafte Freude , mit der sie es ersehnt , verdrängt von einer ahnungsvollen Furcht : mit Bangen sah sie die Sträucher und Bäume des Weges immer rascher an sich vorüberfliegen . Endlich machten die dampfenden Rosse halt . Sie senkte die Läden und blickte hinaus : es war die kalte , unheimliche Stunde , da das erste Tagesgrauen ankämpft gegen die noch herrschende Nacht : sie waren , so schien es , angelangt am Ufer des Sees : aber von seinen blauen Fluten war nichts zu sehen ; ein düstrer grauer Nebel lag undurchdringlich wie die Zukunft vor ihren Augen : von der Villa , ja von der Insel selbst war nichts zu entdecken . Rechts vom Wagen stand eine niedrige Fischerhütte tief in dem dichten , ragenden Schilf , durch welches wie seufzend der Morgenwind fuhr , daß die schwankenden Häupter sich bogen . Seltsam : ihr war , als warnten und winkten sie hinweg von dem dahinter verborgenen See . Dolios war in die Hütte gegangen ; er kam jetzt zurück und hob die Fürstin aus dem Wagen , schweigend führte er sie durch den feuchten Wiesengrund nach dem Schilf zu . Da lag am Ufer eine schmale Fähre : sie schien mehr im Nebel als im Wasser zu schwimmen . Am Steuer aber saß in einem grauen zerfetzten Mantel gehüllt ein alter Mann , dem die langen weißen Haare wirr ins Gesicht hingen . Er schien vor sich hin zu träumen mit geschlossenen Augen , die er nicht aufschlug , als die Fürstin in den schwankenden Nachen stieg und sich in der Mitte desselben auf einem Feldstuhl niederließ . Dolios trat an den Schnabel des Schiffes und ergriff zwei Ruder , die Sklaven blieben bei dem Wagen zurück . » Dolios , « rief Amalaswintha besorgt , » es ist sehr dunkel , wird der Alte steuern können in diesem Nebel , und an keinem Ufer ein Licht ? « - » Das Licht würde ihm nichts nützen , Königin , er ist blind . « - » Blind ? « rief die Erschrockene , » laß landen ! kehr ' um ! « - » Ich fahre hier seit bald zwanzig Jahren , « sprach der greise Ferge , » kein Sehender kennt den Weg gleich mir . « - » So bist du blind geboren ? « » Nein , Theoderich der Amaler ließ mich blenden , weil mich Alarich , der Baltenherzog , des Thulun Bruder , gedungen hätte , ihn zu morden . Ich bin ein Knecht der Balten , war ein Gefolgsmann Alarichs , aber ich war so unschuldig wie mein Herr , Alarich der Verbannte . Fluch über die Amalungen ! « rief er mit zornigem Ruck am Steuer . » Schweig ! Alter , « sprach Dolios . » Warum soll ich heute nicht sagen , was ich bei jedem Ruderschlag seit zwanzig Jahren sage ? Es ist mein Taktspruch . - Fluch den Amalungen ! « Mit Grauen sah die Flüchtige auf den Alten , der in der Tat mit völliger Sicherheit und pfeilgerade fuhr . Sein weiter Mantel und wirres Haar flogen im Winde : ringsum Nebel und Stille , nur das Ruder hörte man gleichförmig einschlagen , leere Luft und graues Licht auf allen Seiten . Ihr war , als führe sie Charon über den Styx in das graue Reich der Schatten . - Fiebernd hüllte sie sich in ihren faltigen Mantel . Noch einige Ruderschläge und sie landeten . Dolios hob die Zitternde heraus : der Alte aber wandte sein Boot schweigend und ruderte so rasch und sicher zurück wie er gekommen . Mit einer Art von Grauen sah ihm Amalaswintha nach , bis er in dem dichten Nebel verschwand . Da war es ihr , als höre sie den Schall von Ruderschlägen eines zweiten Schiffes , die rasch näher und näher drangen . Sie fragte Dolios nach dem Grund dieses Geräusches . » Ich höre nichts , « sagte dieser , » du bist allzu erregt , komm in das Haus . « Sie wankte , auf seinen Arm gestützt die in den Felsboden gehauenen Stufen hinan , die zu der burgähnlichen , hochgetürmten Villa führten : von dem Garten , der , wie sie sich lebhaft erinnerte , zu beiden Seiten dieses schmalen Weges sich dehnte , waren in dem Nebel kaum die Linien der Baumreihen zu sehen . Endlich erreichten sie das hohe Portal , eine eherne Tür im Rahmen von schwarzem Marmor . Der Freigelassene pochte mit dem Knauf seines Schwertes : - dumpf dröhnte der Schlag in den gewölbten Hallen nach - die Türe sprang auf . Amalaswintha gedachte , wie sie einst durch dieses Tor , das die Blumengewinde fast versperrt hatten , an ihres Gatten Seite eingezogen , war : sie gedachte , wie sie die Pförtner , gleichfalls ein jung