des tolltrotzigen Menschenkindes aus der Heide erinnern ? ... Ganz gewiß nicht . Er kam die Stufen wieder herab , blieb in der Hofthür stehen und sah angestrengt in das Dunkel hinaus . Unterdes war auch ein Herr aus dem Wagen gestiegen , der zu ihm trat - ich erkannte meinen Vater . Verwundert sah ich , wie er Herrn Claudius , dem mißachteten » Krämer « , in herzlichster Weise die Hand bot und sich unter warmen Dankesworten von ihm verabschiedete . Im Garten schlüpfte ich neben ihm hin und hing mich an seinen Arm . Er war sehr überrascht und konnte sich nur schwer in die Thatsache finden , » sein kleines Mädchen zu so später Nachtzeit noch im Freien auflesen zu müssen « . Er hatte den Herzog nach Dorotheenthal begleitet und dann , der Kürze wegen , die Rückfahrt in Herrn Claudius ' Wagen angenommen . Während wir nach der Karolinenlust schritten , erzählte er und sprach auch von Herrn Claudius . » Was für ein Mann ! « rief er stehenbleibend . » Der Herzog ist entzückt von dieser Ruhe und Kaltblütigkeit , von der stillen Würde , mit der er sein Mißgeschick hinnimmt ... Ich habe den Mann für ein lebendiges Rechenexempel gehalten - das muß ich ihm abbitten ! « Ja , was für ein Mann ! ... » Nun , das läßt sich wohl alles mit der Zeit ersetzen , aber hier « - mit diesen wenigen einfachen Worten hatte er seine enormen pekuniären Verluste dem Unglück des jungen Mädchens gegenüber abgewogen . Und das war der Zahlenonkel , der eiskalte Geldmensch ? ... Nein , » der Arbeiter im strengsten Sinne des Wortes , « der aber nicht lediglich um des Erwerbs willen wirkte , sondern weil er » in Ordnung und Thätigkeit den Gesundbrunnen seiner Seele sah ... « Ach , jetzt verstand ich ihn schon besser ! ... In dieser Nacht ging ich nicht mehr zu Bett . Ich setzte mich in die Fensterecke und wartete auf das Morgenlicht . - Mit dem Tage , der so blaß hinter den Bäumen aufglomm , wollte ich ein neues Leben anfangen . 26 Am Nachmittag nahm ich den mir anvertrauten Gartenschlüssel und ging hinüber in das Schweizerhäuschen . Ich wußte , daß Gretchens Vater Lehrer an der höheren Töchterschule zu K. war - er sollte mir helfen , ein anderes Menschenkind zu werden . Es bedurfte keiner langen Vorstellung in der Familie . Frau Helldorf erkannte mich sofort wieder - wie ich später erfuhr , hatte auch der Gärtner Schäfer bereits viel von dem wilden , sonderbaren , so plötzlich hereingeschneiten Kind des » gelehrten Herrn « erzählt - und Gretchen flog mir um den Hals . Der Vorfall im Garten , den ich verschuldet , wurde mit keiner Silbe erwähnt . » Wollen Sie mir Unterricht geben ? « fragte ich den Oberlehrer Helldorf , der vor einem ungeheuren Paket Schulheften korrigierend saß . » Ich will lernen , so viel lernen , wie nur in meinen Kopf hineinzubringen ist ! Ich bin schon ein sehr altes Mädchen und kann nicht einmal ordentlich schreiben . « Er lächelte , und seine reizende kleine Frau auch , und wir machten einen festen Kontrakt , nach welchem ich wie ein Kind in der Familie im Schweizerhäuschen aus und ein gehen und täglich mindestens drei feste Unterrichtsstunden erhalten sollte . Diesen Kontrakt teilte ich Fräulein Fliedner mit ; sie erklärte sich damit vollkommen einverstanden und übernahm es auf meine Bitten , die Geldangelegenheiten dabei zu besorgen ; so brauchte ich doch nicht in Herrn Claudius ' Schreibzimmer zu gehen . Ich lernte von da an unermüdlich . Freilich flog die Feder anfangs oft genug unter den Tisch , und ich rannte mit heißem Kopf und thränengefüllten Augen in den Wald hinein , - aber ich kehrte auch aufseufzend wieder um , nahm den kleinen , stählernen Tyrannen langsam vom Boden auf und malte weiter , bis das Nachmalen allmählich aufhörte , und die festen hübschen Züge , flink über das Papier hinlaufend , der Ausdruck lebendiger Gedanken wurden - da fiel es mir wie Schuppen von den Augen ! ... Ich kam zur Freude meines Lehrers unglaublich schnell vorwärts , und nun dehnte sich der anfangs auf wenig Fächer beschränkte Unterricht auch auf die Musik aus . Hier kam mir meine natürliche Begabung sehr zu statten , und bald stand ich am Klavier neben dem jungen Helldorf und sang Duette mit ihm . Dieser Verkehr im Schweizerhäuschen , den mein Vater billigte , und welchen Herr Claudius und Fräulein Fliedner offen protegierten , wurde von anderer Seite mit grimmigen und scheelen Augen angesehen . Eckhof war wütend , und Charlotte in einer mir unbegreiflichen Weise indigniert und hämisch . Ich erfuhr nun auch Näheres über den Konflikt zwischen dem alten Buchhalter und seiner Tochter . Helldorf hatte Theologie studiert und sich schon als Student mit Anna Eckhof verlobt . Der alte Mystiker war damit einverstanden gewesen , hatte aber die Bedingung gestellt , daß der junge Mann nach vollendeten Studien als Missionär - und zwar als ein auf sämtliche lutherische Bekenntnisschriften streng verpflichteter Missionär - mit seiner Frau nach Ostindien gehen solle . Die Klausel war dem Bräutigam allmählich drückend geworden , er verwahrte sich schließlich energisch dagegen und demaskierte sich als entschiedener Feind alles pietistischen Wesens und der frommen Phrase . Zudem erklärte der Arzt die Konstitution des jungen Mädchens für viel zu zart , als daß ihr das aufregende , an Entbehrungen reiche Leben einer Missionärfrau zugemutet werden dürfe . Den Alten hatte das völlig unberührt gelassen - fanatisch genug hatte er gemeint , der Herr werde ihr schon die Kraft durch seine Gnade geben , und wenn nicht , dann gehe sie ja ein zu ihm als echte , rechte Streiterin der heiligen Kirche ... Er hatte sie verstoßen , als Helldorf fest bei seiner Weigerung geblieben war , und sie nicht von dem Manne ihres Herzens lassen wollte ...