zur Ruhe kommt , die Heldenmäßigen selbstvergessend für eine Gesamtheit wirken , Denker und Dichter beschaulich das Ganze wie das Einzelne an sich vorüberziehen lassen . Aber nicht bloß bei diesen Auserwählten , auch im Alltagslauf zeigt sich wohl eine beschränktere , aber keine abweichende Entwickelungsart : Freude , Wünsche , Sehnsucht , Anschluß in der Jugend , und im Alter Entsagen , Vereinsamen , bescheidenes Zurückziehen in den Beruf , in den Mechanismus der Stunde , und bei den Glücklichsten unter uns in die Religion . Mich hatten Natur und Schicksal den entgegengesetzten Weg geführt . Kaum den Kinderschuhen entwachsen , trat ich ohne Tanz und Spiel , ohne Genossen , ohne Streit , außer dem flüchtigen mit einem Traumgespinst , ohne weitab führende Irrung , in einen männlichen Beruf , in ein Wirken für andere mehr als für mich selbst , und fühlte mich durch dieses Wirken beglückt bis in die Matronenjahre hinein . Erst in dem Alter , wo andere weiße Haare tragen , regte sich der versäumte Jugendsinn , regte sich ein unbestimmtes Bedürfen , das über das Schaffen hinaus mich einem natürlichen Zusammenhang verbände . Und dieses späte , kaum verstandene Bedürfen , es wird gestillt wie durch ein Wunder . Aus der gesamten reichen Welt , die mir die Auswahl bietet , ist es die verlassenste , die armseligste Kreatur , ein Stein des Anstoßes auf meinen Weg geschleudert , die sich mir an das Herz schleicht , es umspinnt , es weckt , es füllt bis auf die letzte Falte ; die alle Ansprüche verdrängt , alle Wünsche überbietet , die , ohne es zu ahnen , die alte Umgebung verwandelt , die verlebte Gewohnheit umbildet , die breite Fülle der Gegenwart , junge Geschlechter , natürliche Freuden und das Walten der Liebe an die Stelle der erstarrenden Regel setzt . Meine liebe Hardine , wer ist dem andern mehr schuldig geworden , die hilflose Waise , die in dem Hause der reichen alten Frau eine Kindesstelle fand , oder ist es die reiche alte Frau , die durch das Bettlerkind Jugend , Liebe und Freude hat kennen lernen , die durch dieses Kind eine beglückte Mutter und erst ein Weib geworden ist ? In einem einsamen Born , kühl und durchsichtig wie ein Kristall , da ist einmal ein Staubkorn gefallen , das Samenkorn einer Blüte , die niemand blühen sah . Lange , lange Jahre hat es auf dem Grunde geruht und plötzlich treibt es verwandelt empor , und es trübt sich der klare Spiegel . Aber des Himmels Lichter brechen sich farbig in der verdunkelten Fläche ; ein erster grüner Keim drängt über sie hinaus , bald ragt ein Blatt in die Höhe , bald eine blaue Blume von anlockendem Duft ; es lebt und webt in dem einsamen Born , es ist Frühling in ihm und über ihm geworden , ringsumher Farbe und Würze , Vogelsang und wärmender Sonnenstrahl . Es klingt wie ein Märchen , was dem alten Born geschah . Und darum , meine Kinder , nicht weil ein fremdes Schicksal der Entschleierung harrte , - darum habe ich meine Geschichte ein Geheimnis genannt , und habe » die Logik der Natur « verehrt als eine Hilfe der Gnade . Der kleinen Welt , welcher unsere Reckenburg ein gewohnter Zielpunkt geworden war , konnte deren allmähliche Neuerung nicht entgehen , und männiglich hat man in dem Fremdling , der sie unbewußt hervorlockte , die Erbin nicht nur des über kurz oder lang herrenlosen Besitzes , sondern auch des erlöschenden Namens der Reckenburg vorausgesetzt . Es ist mir aber niemals in den Sinn gekommen , dem alten Baume , der nach Gottes Willen absterben sollte , dieses neue Reis aufzupfropfen . Ich habe einen alten Adel als einen zuverlässigen Stützpunkt geehrt ; ich achte einen neuen Adel gleich einer Seifenblase . Junge Geschlechter mögen nach haltbareren Basen trachten . Nun und nimmer aber würde ich mit dem Klange eines Namens eine Täuschung verewigt haben , welche durch eine vorlaute Hoffnung geweckt , durch ein halb pflichtmäßiges , halb trotziges Schweigen genährt worden war . Die letzte Reckenburgerin will auch nicht mit dem Scheine einer Unehrlichkeit in die Grube steigen . Ebensowenig aber dachte ich daran , die Last eines großen Besitztums so schwachen Schultern wie den Deinen aufzubürden . Ich war durchaus nicht gewillt , mein Werk als eine Quelle des Behagens auch dem geliebtesten Menschen zufließen zu lassen . Es war ein Amt , ein Treugut , das ich übertrug , und Du bist ein Weib , Hardine , dessen Kraft erwächst aus der Kraft des Herzens , dem es sich zu eigen gibt . » Das Kind braucht Liebe , « sagte ich . Liebe es denn frei aus seinem Gemüte heraus , ohne bindende Pflichten als die , welche diesem Gemüte entkeimen . Es geschah daher nicht geflissentlich , daß ich die Zweifel über Dein zukünftiges Verhältnis zur Reckenburg unterhielt ; nein , ich hegte diese Zweifel selbst . Du warst geartet und erzogen , um Dich jedem Zusammenhange der gebildeten Stände einzufügen , und man durfte voraussetzen , daß meiner Pflegetochter zu einer sicheren Bewegung in diesem Zusammenhange die materielle Ausstattung nicht gemangelt haben würde . Einen reichen Mann oder einen armen - einen alten Namen oder einen neuen - einen beschaulichen Charakter oder einen tätigen : das Herz hatte freie Wahl , das Erbe der Reckenburg war unabhängig von derselben . Es soll indessen nicht verhehlt sein , daß ein Zusammentreffen der beiden Abschlußakte meines Lebens , daß namentlich eine Verbindung mit dem gräflichen Hause mir als Wunsch vor der Seele stand , und bleibe es dahingestellt , ob der alte Namensklang nicht einen heimlichen Zauber übte . Es hält gar schwer , mit eingelebten geistigen Gewöhnungen , Vorurteile genannt , tabula rasa zu machen , und es ist auch gar nicht nötig , so mit Schaufel und Harke sein Stückchen Lebensboden zu planieren ; wenn nur in der entscheidenden Stunde das Urteil