demselben Herzen durchkreuzen . Aber gewiß war Eines : hatte Judith einen solchen Versuch gemacht , so war er nicht schwer in die Schale ihres Glücks gefallen . Hätte sie Zeit gehabt , über sich selbst nachzudenken : so würde sie sich noch tausend Mal elender gefühlt haben , als es jetzt der Fall war . Doch sie kam nicht dazu ! sie trieb mit vollen Segeln auf dem hohen Meer der Welt und mußte immer Menschen sehen , sprechen , hören , die sich einerseits zu der gefeierten Künstlerin drängten , und die andererseits ihr nötig waren und ihr künstlerische Verbindungen in allen Weltgegenden anknüpfen halfen . Dazu ihre Darstellungen , ihre Studien , ihre Reisen , um in den großen Städten Englands Konzerte zu geben - dies ganze angreifende und aufregende Treiben ließ keinen klaren und entschiedenen Gedanken über ihren inneren Zustand in ihr aufkommen . Sie verfiel nur zuweilen in einen gründlichen Gegensatz zu ihrem Leben , in ein gewisses träumerisches Hinbrüten , das aus dem Schlaf der höheren Seelenkräfte hervorging - wie damals , als sie in Hyde-Park lieber mit dem Affen spielte , als mit Orest sprach . Warum fuhr sie aber überhaupt nach Hyde-Park und auf dem großen Wege , wo jedermann sie bemerken mußte und wo von Erholung und Erfrischung keine Rede sein konnte ? - Weil alle Welt da fuhr und weil sie zur Welt gehörte und gehören wollte ! - In ähnlichen Widersprüchen bewegen sich tausend und aber tausend Leben in der Welt . Man fühlt die Schwere ihres Jochs und weiß nichts mit sich selbst anzufangen , wenn man es nicht trägt . - Einige Damen aus der großen Gesellschaft bewerkstelligten ein Konzert für eine Wohltätigkeits-Anstalt , welche sie patronisierten und brachten es dahin , daß sich Judith darin hören ließ ; nun waren sie einer guten Einnahme gewiß ! man riß sich um die Eintrittskarten , und der ohnehin nicht große Saal von Hanovre house , wo solche Konzerte stattzufinden pflegen , war überfüllt . Hier hörten auch Regina und Corona das berühmte » Ombra adorata . « Corona mit ihrem jungen , frischen , unabgestumpften Gefühl war so hingerissen , daß sie in Tränen zerschmolz und später zu Orest sagte , sie beneide ihn um das Glück , ein so herrliches Wesen persönlich zu kennen . « » Ja , sie ist außerordentlich interessant , « entgegnete Orest . » Und welch ein Gemüt muß sie haben , um so himmlisch zu singen ! « rief Corona . » O Du Kind ! « erwiderte er ; » das ist bei ihr Sache der Kunst - und Du verstehst das nicht zu trennen , weil Du nie in ' s Theater kommst . Du würdest vermutlich jeden guten Schauspieler , der einen edlen Helden darstellt , ohne Weiteres für einen höchst edlen Menschen halten , während er vielleicht ein erbärmlicher Wicht ist . « » Das würd ' ich schwer glauben , « sagte sie . » O beneidenswerte Unschuld ! « rief Orest in seiner spaßhaften Weise . » Über dies kindliche Vertrauen sind wir hinaus ! « - Er machte öfter seinen Besuch bei Judith . Immer war sie so umringt , daß der einzelne es nie zu einem Gespräch mit ihr brachte . Es herrschte immer das allgemeine Wortgeklingel , das man Konversation nennt . Umsomehr freute sich Orest , daß er sie endlich einmal allein mit ihrer Mutter - und überdas in ungewöhnlich heiterer Stimmung fand . » Wünschen Sie mir Glück , Graf Orest , ich freue mich ! « rief sie ihm entgegen . Ich gehe endlich in die Heimat der Musik und darf die Nebelatmosphäre verlassen , die der Stimme so nachteilig ist . Ich gehe nach Mailand , zur Skala . « » Da wünsche ich zuerst mir Glück , « entgegnete Orest fröhlich , » denn ich lebe in Mailand . Ist denn aber die Freude bei Ihnen etwas so Seltenes , daß Sie sich dazu beglückwünschen lassen ? « » Ich dächte nicht , daß die Freude für irgend einen Menschen , Kinder vielleicht ausgenommen , etwas Alltägliches sein könnte , « erwiderte sie . » Ach ! Freude ! Ist das nicht ein Stückchen Frühling in der Seele ? so etwas wie Morgenrot und Maientau und Rosenduft und Finkenschlag ? so etwas , wovon sie ganz hell , frisch und leicht wird ? - Das begegnet meiner Seele höchst selten , und wenn ich über die Freude nachdenke : so wird es mir mehr und mehr klar , daß mein Engagement an der Skala zu Mailand mir im Grunde so wenig Freude macht , wie irgend etwas anderes in der Welt . « » Aber wer grübelt denn auch über die Freude nach ! « rief Orest . » Man muß sie genießen - basta ! « » Aber um sie genießen zu können , « sagte Judith , » muß man sie doch erst empfinden . « » Nicht wahr , meine Tochter ist eine große Törin ? « sagte Madame Miranes zu Orest . » Sie besitzt doch gewiß alles , was glücklich macht , und ist dennoch immer ganz schwermütig . « » Besitzen ! « rief Judith lebhaft ; » was hab ' ich denn , wenn ich alles besitze ? Ballast , der das Schiff flott erhält ! Nein , mein Lieblingslied ist Ombra adorata . « » Ob dieser Schatten einer untergegangenen Sonne nachsinkt - oder ob er der Schatten ist , den der Sonnenaufgang zerstreut : das wüßt ' ich gern , « sagte Orest . » Das glaub ' ich ! « antwortete Judith ; » aber man muß nicht so neugierig sein , Graf Orest . « » Man muß auch nicht mit der Adoration der Schatten kokettieren , Signora Giuditta . « » Wenn es überhaupt etwas Wahres in meinem Leben gibt , so ist es dies ! « rief Judith . » Was ? « fragte