der sehe , ich breche zuerst den Stab über mich ! Nichts berührt mich vom Vergangenen auch nur bis zum Saum meines Kleides ! Wo ist eine Anklage wider mich ? Ich will sie hören ! Dann aber habe ich Anklagen wider euch ! Entlarven kann ich Mörder , aufstöbern aus Schlupfwinkeln Heuchler ... Eine Siegerin komm ' ich , nachdem ich so tiefe Niederlagen erlitten ... Und die letzte Niederlage , an die sie dabei dachte , war nicht etwa jener Tag , wo sie die Jungfrau von Orleans gespielt . So gestimmt trat sie noch heute vom Dampfboot . Klopfte ihr aber schon das Herz , als sie hörte , St.-Wolfgang läge zwei Meilen ins Land hinein , erschreckte sie der bloße Anruf eines Kindes , das sie wiederzuerkennen schien , wogte und stürmte es in ihr bei der Begegnung mit Benno , beugte sie alles , was ihr fremd , neu war und doch mit dem , was sie wiedersehen wollte , im Zusammenhange stand , so kam sie sich jetzt schon wieder als eine Magd , nicht als Königin vor , jetzt , wo sie sich dem Orte näherte , von dem man ihr aus Kocher am Fall geschrieben hatte : Sie werden , meine Liebe , nur nöthig haben , vom Dampfboot aus einen Einspänner bis S.t-Wolfgang zu nehmen . Dort ist schon unser Neveu , Herr Pfarrer von Asselyn , unterrichtet und hält einen Wagen in Bereitschaft , Sie in unsern Kreis zu führen ! Gewisse Bedingungen gleich anfangs mündlich ! In der Hauptfrage sind wir einverstanden . Petronella von Gülpen . Die Gülpen , die sie kannte , hatte Brigitte geheißen ... Jetzt blickte sie auf . Die Gegend hatte sich verändert . Vor ihr lag , von den Abendsonnenstrahlen nur noch in seinen obern Rändern erhellt , ein schönes tiefes Thal , das wie eine Muschel mit grünen Streifen in die rings sich verlierenden Berge auslief . Aus dem tiefsten grünen Kern des freundlichen Anblicks ragte die Spitze eines Kirchturms , von dem ein Läuten ertönte . Je mehr , vom Hemmschuh aufgehalten , der Wagen niederwärts rollte , desto reicher wurde wieder die Vegetation , desto voller und edler der Baumschlag , desto weiter die Fläche , von der schon längst das in gleichmäßigem Anbau gewonnene Getreide geerntet war . Die Landschaft trug nicht den fast italienischen Charakter derjenigen , die sich um den großen poetischen Strom ausgebreitet ; aber auch der betrübende Anblick eines rings von Bergen umschlossenen Gebirgsdorfes , den man fast auf der Herfahrt hätte erwarten dürfen , bestätigte sich nicht . Gärten kamen wieder und Bienenstöcke , mit ihnen Blume und selbst die Rebe schmiegte sich nicht nur an einem Spalier den Häusern an , sondern wuchs an sonnigen Abdachungen selbst noch in mancher gefälligen Einzelpflanzung . Das Läuten bedeutete ohne Zweifel , daß jenes schon im Weißen Roß besprochene Begräbniß in vollem Gange war . Auch Stimmen singender Kinder drangen aus dem Thal empor , zuweilen unterbrochen von einem Klingeln , das den Moment der wol gerade vor dem Altar bei geöffneten Kirchthüren stattfindenden Einsegnung der Leiche bezeichnete . Indem riefen ihr die nachrollenden Italiener hinterwärts ein Lebewohl zu . Sie deuteten auf ein Wirthshaus am Wege , wo sie ihren schwerer ziehenden Gaul füttern wollten . Vergessen Sie nicht - Il Michelangelo ! rief Napoleone als guter Kaufmann ihr nach . Beim Dechanten ! antwortete sie , aber schon unvernehmbar . Catone zog seine kalkige Mütze , Porzia verneigte sich und machte eine Handbewegung . Sie jedoch sah nichts mehr . Ihr schwindelten die Sinne ... An dem Wirthshause standen Handwerksbursche , Bauern in Kitteln und Blousen , manche mit Militärmützen , die sich wie Benno von Asselyn zu den Uebungen einstellten ; ein Gensdarm revidirte von seinem Gaule aus Wanderbücher und Passirscheine . Die Italiener zogen schon ihre Papiere in der Ferne ... Beim Anblick der Fuhrleute , die wol hier , um über den Wolfgangsberg zu kommen , Vorspann nahmen , kam ihr eine Erinnerung an die Bäche von Langen-Nauenheim ... Sie nahm ihre Handtasche , öffnete und zog ein schwarzes Buch mit Goldschnitt hervor , schlug es auf und schickte sich an zu lesen . Die Worte des heiligen Bernhard las sie : » Unsere Gedanken an selig Entschlafene sind Funken , durch welche unsere eigenen Seelen gehoben und entzündet werden « ... Worte , die den Anfang einer Betrachtung über die Todten bildeten . Sie ganz zu lesen war sie zu erregt . Die Litaneien wurden in dem Ausdruck ihrer Sätze immer deutlicher . Schon war der Leichenzug aus der Kirche auf dem Gottesacker angekommen , schon war eine zahlreiche Bevölkerung um den aufgeworfenen Grabeshügel versammelt ... Lucinde befahl mit stockender Stimme , daß während der heiligen Handlung sie still hielten ... Jetzt trennte sie nur noch eine niedrige Mauer von dem Friedhofe ... Der Wagen hielt unter dem bergenden Schatten eines breitastigen Nußbaums ... Vor ihr stand im weißen Meßgewande , unter Knaben im Chorrock , die brennende Kerzen trugen und das dampfende Weihrauchfaß schwangen , Bonaventura von Asselyn . Seit drei Jahren sah sie , an ihn gedenkend , nicht mehr Serlo . Längst war er - Er selbst ! 3. Nach den Segnungen , die dem Sarge schon in der Wohnung des Verstorbenen zu Theil geworden , nach den Weihen vor dem Altar spricht soeben eine sanfte wohllautende Stimme noch vor der Einsenkung in die Grube Worte , die zu dem Ceremoniel der Kirche die eigenen Empfindungen des Redners bringen . Man konnte die Rede , die der am Fußende des Sarges stehende , von dem letzten Abendsonnenglanz beleuchtete Priester sprach - der Entschlafene selbst mußte dem Brauche der Kirche gemäß gen Osten blicken - , deutlich vernehmen . Sein Aeußeres hatte sich wenig verändert . Es waren dieselben , nur gefestigtern Züge , die Lucinden vor drei Jahren an eine Geistererscheinung , an Serlo ' s Tod als Traum oder an dessen Auferstehung , glauben ließen .