sogleich daß er todt war . So himmlisch sieht das Leben nicht aus . » Er ist bei Gott ! - Auf Eure Knie , Kinder ! « sagte ich , kniete mit ihnen nieder , und ein Strom von schwarzer Traurigkeit , nicht um den Tod , sondern um das Leben , wälzte sich schwer durch meine Seele . - - - Am Vorabend meiner Abreise nach der Schweiz ging ich in den Dom zu der bewußten Stelle , und auf ihr vergaß ich für ein Paar Augenblicke die schauerliche Vereinsamung meines Daseins . Mich überfiel eine Sehnsucht ohne Gleichen nach Fidelis - nicht ihn zu sehen , ach ! nur von ihm zu wissen . In solchen Momenten war mir zu Sinn als entdecke ich in mir ein ungeahntes Gestirn , in welchem ich die Bedeutung fand : Du hast Fidelis nicht geliebt , aber Du hättest ihn lieben können unter einem schöneren Schicksalshimmel ! - Und die bloße Ahnung von lieben können , war mir schon eine halbe Beseligung . Bei meiner Heimkehr lag ein Brief von seiner wolbekannten Hand auf meinem Tisch , der nach Engelau adressirt und von dort hieher geschickt war . Nach drei vollen Jahren das erste Lebenszeichen von ihm ! - also lebte er doch wenigstens noch ! Die erste Empfindung war freudig ; die nächste - namenlose Angst . Was konnte , was würde er mir sagen . Es zog sich eine furchtbare Schwüle um mich zusammen ; ich ahnte einen niederschmetternden Wetterstral . War ' s Furcht , war ' s Demuth ? genug , mein Instinct warf mich zu Boden und auf meinen Knien erbrach ich den verhängnißvollen Brief . » Sibylle ! Alles leiden , aber frei sein - war der Traum und der Wunsch meiner Jugend . Ich litt und war nicht frei . Die eine , die fürchterliche , die verzehrende Leidenschaft meines Lebens machte all meine Freiheit zunicht , und hat weder meinem Genius , noch meinem Herzen , noch meinem Character ihre volle Entwickelung gegönnt , wenn sie ihnen auch zuweilen Flügel gegeben hat . Es ist umsonst die Vergangenheit zu durchwühlen und zu sagen : Dies hättest du als Jüngling - jenes als Mann thun oder nicht thun sollen . Es ist gethan . Erkenntniß reift durch die That als bittre Frucht heran . Ich kann innerlich nicht frei sein , so mag ich es auch äußerlich nicht sein - denn ein Magnet , der stärker ist als Vernunft und Wille zieht mich in der Freiheit allewig an - - und zu Ihnen . Ich widerstehe ein Jahr , ein Paar Jahr .... länger nicht . Wozu das aber ? Sie lieben mich nicht ; Sie werden höchstens einmal wünschen mich wiederzusehen um mir ein Wort des Trostes zu sagen - oder der Vergebung , oder des Mitleids - lauter Dinge vor denen ich zurückschaudere , weil sie mich so fürchterlich an meine Schwäche mahnen . Mich in der Welt herum zu schleppen mit diesem Dorn in der Seele wie bisher , vermag ich länger nicht . Das Gebet meiner armen Mutter wird im vollsten Umfang Erhörung finden : ich bin auf dem Punkt das Ordenskleid der Benedictiner zu Kloster Lilienfeld zu nehmen . Meine Mutter lebt noch immer - nur um zu beten . Mein Entschluß hat sie beseligt und ich denke sie wird nun bald ihre irdische Laufbahn vollendet haben . Leben Sie wol , Sibylle ! sollten Sie meiner gedenken , so sei es in Milde . Hätte ich mich meinen Jugendträumen zufolge , die in tiefer Uebereinstimmung mit meinen natürlichen Gaben waren , einzig der Kunst gewidmet , so mögte Großes aus mir geworden sein statt des jetzigen Stückwerks . Der Mensch entwickelt sich durch und um die Idee , die seiner Individualität zum Grunde liegt ; bleibt er derselben treu , so hat er Freiheit , Macht , Muth , Energie , Alles was dazu dienen kann sie hervorzutreiben und auszubilden . Sie begehrt , braucht und verzehrt das Alles , und entfaltet sich dann zur höchsten Kraft und Schönheit in ihm , weil sie sich von den reinsten und besten Elementen seines Wesens nährt . Wird er aber seiner Idee untreu : so wird er schwach , abhängig von Zufälligkeiten , zwiespältig mit sich selbst ; - und das ist mir geschehen . Aus Bruchstücken kann nichts Ganzes mehr werden ! sie müssen bei Seite gebracht werden - und das thue ich mit mir selbst . Verzeihen Sie mir diese lange Auseinandersetzung , ich hielt sie für nöthig damit Ihre rastlosen Gedanken über mich zur Ruhe kommen könnten . Sibylle .... Gott segne Sie . « Ich stand auf nachdem ich diesen Brief gelesen und sagte gelassen und ganz laut : Ja ja ! der Mensch wird fertig mit seinen Qualen und seinen Wonnen ! und was nach dem Zersetzungsproceß seines Wesens durch die Leidenschaft noch übrig bleibt , das wird in Sicherheit gebracht - bald bei der Gottseligkeit , bald bei der praktischen Thätigkeit ; im Kloster oder in der Welt ! Es findet immer sein Plätzchen - und nur ich ! nur ich ... finde keines . Es schien mir eine Art von Unrecht gegen mich , daß Fidelis kampfesmüde gegen die Sehnsuchtsqual , sich hinter jene Mauern zurückzog , die ihn in stillem Bann hielten . Mit ächtprotestantischem Hochmuth sah ich eine Feigheit darin sich zu einer äußerlichen Scheidewand zu flüchten . Konnt ' er sich nicht verlassen auf Gott und auf die eigne Kraft ? Haha ! auf die eigene Kraft ! rief ich mit bitterm Lachen nach einer Pause . Armer Fidelis ! vielleicht hat er sich aus Demuth und Weisheit in sein Ordenskleid gehüllt ! - - Unter den zahlreichen schlaflosen Nächten meines Lebens war dies eine der finstersten . Am andern Morgen fuhr ich mit den Kindern den Main entlang nach Frankfurt und dann weiter über Basel und Bern nach Freiburg , wohin ich für die Superiorin der Damen vom